Wenn das Baby brüllt. Und brüllt. Und brüllt.

Manche Säuglinge schreien sich stundenlang die Seele aus dem Leib. Nadja Baumann vom Verein Schreibabyhilfe über untröstliche Babys, unnötige Ratschläge und Lärmschutzkopfhörer.

Schreibabys sind häufig: Schätzungen gehen von 20 Prozent aus. Foto: Getty Images

Die Erkenntnis sei über sie gekommen wie eine kalte Dusche: Irgendwann, als ihr Baby fünf Stunden lang gebrüllt hatte, war er da, der Moment, in dem Nadja Baumann dachte: Jetzt weiss ich, wie es kommt, dass Eltern ihr Kind schütteln. «Das war extrem schockierend», sagt sie heute. Inzwischen ist sie Mutter von drei Töchtern – alle Schreibabys –, und Vorstandsmitglied des Vereins Schreibabyhilfe Schweiz.

Frau Baumann, Sie selbst hatten drei Schreibabys. Wie haben Sie das durchgestanden?
Dank einem extrem unterstützenden Umfeld. Es gab Leute, die einfach die Wäsche mitnahmen. Andere brachten Essen zum Aufwärmen. Dabei war weder ihnen noch mir bei unserem ersten Kind klar, dass es ein Schreibaby war. Es hat einfach nur geweint, war kaum zu beruhigen, wollte immer getragen werden. Irgendwann stiess ich auf das Buch «Das 24-Stunden-Baby» von William Sears und merkte: So eines haben wir, ein Kind mit starken Bedürfnissen, ein «24-Stunden-Baby». Dieser Begriff gefiel mir besser, er ist positiver. Doch können sich die Leute unter «Schreibaby» oft mehr vorstellen.

Das war beim ersten Kind. Dann kam das zweite …
… und war wieder ein Schreibaby. Obwohl ich gedacht hatte: Nicht noch mal! Immerhin wusste ich schon, was durchzustehen ist. Beim Dritten befürchtete ich aber schon fast, dass es ganz ruhig sein würde. Sicher wäre ich nachts x-mal aufgestanden, um zu schauen, ob es atmet. Doch so war es dann auch dieses Mal nicht. Das soll aber keine Angst machen, denn ich kenne viele Eltern, die nach dem ersten kein weiteres Schreibaby mehr bekamen. Meine Erfahrung machte zudem beim Dritten vieles leichter. Ich empfand das anhaltende Weinen nicht mehr als Belastung, sondern als normal.

«Schreibabys wollen oft ständig Körperkontakt, immer getragen werden»: Nadja Baumann spricht aus Erfahrung. Foto: Nicole Markert Fouché

Bei so viel Erfahrung kennen Sie bestimmt die ultimativen Tipps!
Leider nein. Nichts funktioniert bei allen Babys. Zudem haben Eltern all die Tipps oft längst ausprobiert. Raten lässt sich aber zum Versuch, das Baby genau zu «lesen». Und sich selbst immer wieder zu zentrieren, z. B. Lieblingsmusik aufzulegen oder in die Natur zu gehen, und sich darauf zu konzentrieren. Und, doch ein Tipp: Lärmschutzkopfhörer! Die meisten Eltern sind darüber irritiert. Sie glauben, ihr Baby im Stich zu lassen. Doch hört man es ja immer noch, gerät aber nicht so in Hektik. «Ruhe bewahren» ist andererseits auch so ein Tipp … Bleiben Sie mal bei stundenlangem Geschrei ruhig! Mehr als so ein Ratschlag würde Betroffenen helfen, wenn jemand nachfragt und zuhört.

Das geschieht nicht? Ist das Umfeld zu wenig sensibilisiert für das Thema?
Es gab Situationen, in denen ich jemandem sagte: «Läck, jetzt hat sie drei Stunden am Stück geweint.» Als Antwort kam oft nur ein saloppes «Jedes Baby brüllt halt mal». Da redet niemand weiter. Doch wäre so eine Bemerkung genau der Moment, in dem man nachfragen, Verständnis oder Hilfe anbieten könnte.

Eine Faustregel lautet, dass ein Baby ein Schreibaby ist, wenn es mehr als drei Stunden pro Tag an mehr als drei Tagen pro Woche während mehr als drei aufeinanderfolgenden Wochen schreit. Das geht deutlich über «Jedes Baby brüllt halt mal» hinaus …
Definitiv! Es gibt aber weitere Merkmale: Schreibabys wollen oft ständig Körperkontakt, immer getragen werden, lassen sich nur kurz beruhigen und haben Mühe, abzuschalten. Die Faustregel ist hilfreich, aber nicht zu strikt anzuwenden. Auch ein Baby, das weniger lang oder seltener schreit, kann Eltern an Grenzen bringen.

Was, wenn dies passiert, man in Verzweiflung gerät?
Dann sollte man Hilfe organisieren. Der Verein Schreibabyhilfe, eine Selbsthilfeinitiative von (ehemals) Betroffenen, bietet einen Telefondienst an. Wir geben Infos, tauschen Erfahrungen aus und helfen, Unterstützung zu finden. Wer sich mit Betroffenen regelmässig austauschen möchte, kann auch in unserem Whatsapp-Chat teilnehmen. Für viele Eltern ist es schon erleichternd, mit Leuten zu reden, die nicht sagen, was sie alles falsch machen, sondern Verständnis haben und auch Tabuthemen wie Ärger und Wut ansprechen.

«Fühlt man sich nicht in der Lage, das Kind wieder ruhig auf den Arm zu nehmen: Unbedingt Hilfe organisieren.»

Hören Schreibaby-Eltern sonst nur, was sie anders machen sollten?
Das kommt schon zum Ausdruck. Doch diese Eltern machen nichts falsch! Ich kenne eine Mutter, deren viertes Kind ein Schreibaby war. Da ist eindeutig: Es liegt nicht an ihr! Beim ersten Kind fehlt Eltern diese Gewissheit. Leider fühlen sie sich auch von offiziellen Stellen nicht immer ernst genommen, obwohl Schreibabys häufig sind. Schätzungen gehen von 20 Prozent aus. Eine Mutter erzählte mir, dass sie zum Notfall ging, weil ihr Kind nicht aufhörte zu schreien und sie etwas Organisches befürchtete. Nach Stunden des Wartens unter Gebrüll sagte man ihr: Das Problem liege bei ihr. Wie sie ihr Kind beruhigen wolle, wenn sie so aufgeregt sei? So etwas hören Eltern von Schreibabys oft – obwohl die meisten Leute keine zwanzig Minuten Geschrei aushalten. Diese Frau hatte sechs Stunden Dauergebrüll. Mit dem demütigenden Gefühl, eine unfähige Mutter zu sein, ging sie heim.

Sie haben auch Ärger und Wut angesprochen …
Ja. Solche Gefühle sind aus der Überforderung heraus absolut verständlich, das muss man sich zunächst eingestehen. Dann das Kind an einen sicheren Ort legen und den Raum kurz verlassen. Schafft man es, sich zu beruhigen, indem man z. B. tief ein- und ausatmet oder etwas trinkt, geht man wieder zum Baby. Fühlt man sich nicht in der Lage, das Kind wieder ruhig auf den Arm zu nehmen: Unbedingt Hilfe organisieren. Grosseltern anrufen, Freunde, eine Beratungsstelle oder auch den rund um die Uhr betriebenen Elternnotruf (sh. unten, Anm. der Redaktion).

Wie lange müssen Eltern von Schreibabys durchhalten?
Alle reden von den berühmten drei Monaten. Das ist ein Richtwert, aber man kann sich nicht darauf verlassen. Auch hört das Schreien selten so auf, als ob ein Schalter umgekippt würde. Eher passiert es schleichend. Und plötzlich merkt man im Nachhinein: Das war doch früher schlimmer!

Erste Anlaufstellen

  • Schreibabyhilfe: Die Website des Vereins Schreibabyhilfe Schweiz.
  • Schreibabysprechstunden: Viele Spitäler bieten spezielle Schreibaby- bzw. Säuglingssprechstunden an. Fragen Sie Ihre Kinderärztin oder Ihren Kinderarzt resp. Ihre Hausärztin oder Ihren Hausarzt.

Adressen für Krisen und Notfälle

Allgemeine Beratungsstellen

  • Arche für Familien, 044 241 63 43, www.archezuerich.ch
  • Schweizerischer Verband der Mütterberaterinnen SVM, www.muetterberatung.ch
  • Elternhilfe beider Basel: Der Verein Elternhilfe beider Basel bietet Eltern in Krisen- oder Überlastungssituationen Familienbegleitung an. 061 423 96 50, www.elternhilfe.ch
  • Jugend-, Ehe- und Familienberatung (Jefb) im Kanton Aargau: Beratende Fachstelle bei Problemen in der Erziehung, Kinder- und Jugendhilfe, Krisenintervention etc. Telefonnummern der verschiedenen Standorte finden Sie unter: www.jefb.ch

Dienste für Entlastung im Alltag

  • Entlastungsdienst Schweiz: Der Entlastungsdienst Schweiz bietet Entlastung und Unterstützung für betreuende Angehörige und Menschen mit Beeinträchtigungen. www.entlastungsdienst.ch
  • SOS-Betreuung: SOS-Betreuung ist ein Angebot des Entlastungsdienstes Zürich und bietet kompetente Betreuung und Unterstützung in Notsituationen. www.sos-betreuung.ch
  • Schweizerisches Rotes Kreuz: Das Rote Kreuz biete Kinderbetreuung bei Ihnen zu Hause. Auf der Website finden Sie alle Kantone, die dieses Angebot anbieten. www.redcross.ch
  • Spitex: Hier finden Sie die Adresse und Telefonnummer Ihrer örtlichen Spitex. www.spitex.ch
  • Nachbarschaftshilfe im Kanton Zürich, 043 960 14 48, www.nachbarschaftshilfe.ch
  • Frauenzentrale des Kantons St. Gallen: Beratung und Entlastung zu Hause (Raum St. Gallen), www.fzsg.ch
  • Verband Doula CH: Hier finden Sie Adressen von Doulas, welche als Ergänzung zur Hebamme Unterstützung während der Zeit des Wochenbetts anbieten (Entlastung und Alltagshilfe). www.doula.ch

29 Kommentare zu «Wenn das Baby brüllt. Und brüllt. Und brüllt.»

  • Astrid sagt:

    Danke Mirjam für diesen Text. Ich bin Mutter eines Schreibabys in-extremis (O-Ton Spezialist), unser Sohn hat 6-8 Stunden täglich während knapp 6 Monaten geschrien. Es war eine unglaublich harte, schwierige Zeit. Nicht nur für uns, auch für unseren Sohn. Wenn man ein Kind hat, welches sich durch absolut nichts beruhigen lässt, und das über Stunden, bringt einem das ganz hart an (und über) die Grenzen seiner selbst.
    Wir haben gelernt, die „guten“ Tipps wie „Nuggi geben, Windeln wechseln, füttern“, zu ignorieren. Das wissen Eltern auch, man muss uns das nicht sagen oder hinter unserem Rücken seinem Mann oder der Freundin zuzischeln. (Beides leider erlebt)
    Uns hat, neben anderen Dingen, geholfen, es einfach zu akzeptieren, so konnte wir Distanz gewinnen und ruhiger werden.

    • Astrid sagt:

      Und wenn ich fünf Minuten für mich brauchte, habe ich den Kleinen ins Bettchen gelegt, die Tür halb offengelassen und habe einen Kaffee getrunken; ist ja nicht so als hätte er irgenwohin können, und gehört habe ich ihn ja sowieso unweigerlich.
      Ich als betroffene Mutter kann nur raten, zuerst beim Kinderarzt organische Ursachen ausschliessen zu lassen und sich dann, sollte nichts gefunden werden, rasch in die Schreibaby-Sprechstunde im Triemli (gibt bestimmt aber noch andere Kliniken) überweisen zu lassen.
      Der zweite Tipp wäre: Lasst euch nicht einreden, ihr wäret schlechte Eltern oder es wäre eure Schuld. Es ist jetzt einfach so. Und es geht vorbei, versprochen. Es kann kürzer oder länger dauern, aber jeder Marathon hat eine Ziellinie.

      • Astrid sagt:

        Und seid nicht zu stolz, euch Hilfe zu holen oder das Kleine mal zwei drei Stunden den Grosseltern oder der Tante oder so anzuvertrauen.
        Und wenn ihr euch wirklich nicht mehr zu helfen wisst und am Rande der Verzweiflung steht, nehmt das Angebot der Schreibaby-Hilfe im Triemli in Anspruch, egal um welche Uhrzeit. Uns wurde erklärt, dass wir uns da jederzeit einfinden dürfen, sie würden zum Baby schauen und wir könnten schlafen oder dergleichen. Glücklicherweise sind wir nie auch nur annähernd an diesen Punkt gelangt, aber nur schon das Wissen, das es Leute gibt, die unvoreingenommen helfen und das Baby perfekt versorgen, ist ein seelischer Ankerpunkt.

    • zysi sagt:

      Danke Astrid für Ihren Einblick, den Sie gewähren.
      „Ich als betroffene Mutter kann nur raten, zuerst beim Kinderarzt organische Ursachen ausschliessen zu lassen und sich dann, sollte nichts gefunden werden, rasch in die Schreibaby-Sprechstunde im Triemli (gibt bestimmt aber noch andere Kliniken) überweisen zu lassen.“

      Mich interessiert in welcher Art die Unterstützung in einer Schreibaby-Sprechstunde erfolgt und abläuft? Werden da Tipps gegeben oder eher eine Entlastung für die betroffenen Eltern im Sinne einer temporären Betreuung?

      Selber ist dieses Thema bei uns nicht mehr relevant aber bei bekannten Freunden, die kürzlich Eltern wurden.

      • Astrid sagt:

        Hallo Zysi,
        Nun, zuerst ist es einfach ein Gespräch mit einem Arzt, der auf diese Thematik spezialisiert ist. Es hilft schon enorm, einfach mal reden zu können. Die nächsten Schritte sind sehr individuell, man muss aber nicht weitermachen!
        Man erhält quasi beides, Tipps/Tricks und Betreuung, sollte diese nötig sein; sprich bevor man nicht mehr kann und es schlimmstensfalls am Kind auslässt.
        Ich würde Ihren Freunden wirklich dringend raten, wenn es keine gesundheitlichen Ursachen vorliegen, sich bald überweisen zu lassen (oder selber direkt da anzurufen). Termine klappen meines Wissens nach immer sehr schnell, einfach nur schon wegen der ggf. akuten Gefahr für das Kind.
        Alles Gute und ganz viel Kraft. Es geht vorbei! (können ja auch schlecht bis sie 16 sind schreien 😉 )

      • zysi sagt:

        Astrid, danke für die erhelllenden Ausführungen – und ja wir werden dies ggf. weiterempfehlen.

        Danke und Ihnen auch alles Gute.

  • Franka sagt:

    Unser Sohn war per Definition nicht wirklich ein Schreibaby, aber im Vergleich zum Bruder war es doch schwierig, ihn zu beruhigen und zum Einschlafen zu bringen. Uns hat das Buch „So beruhige ich mein Baby: Tipps aus der Schreiambulanz“ von Christine Rankl sehr geholfen, da es aufzeigt, was Babies normalerweise benötigen und wie man die Zeichen dafür lesen lernt. Ausserdem haben wir die Kinder am Anfang gepuckt, was ebenfalls viel gebracht hat. Nach zwei, drei Monaten hat der Kleine sich dann zunehmend entspannt und es wurde immer einfacher.

  • Regina Hanslmayr sagt:

    Vielen Dank für diesen wichtigen Bericht! Gerade neulich hörte ich im Radio, dass die Fälle von Schütteltrauma bei Babys im letzen Jahr zugenommen haben.https://www.kispi.uzh.ch/de/News/Seiten/Bilanz-2019-Kinderschutzgruppe.aspx. Aus eigener Erfahrung weiss ich, wie furchtbar es ist, wenn man als Mutter das eigene Kind nicht beruhigen kann. Ich fühlte mich unglaublich hilflos. Noch heute werden meine Hände schweissnass, wenn ich ein Baby aus Leibeskräften brüllen höre. Es ist unglaublich wichtig für Eltern zu wissen, an wen sie sich bei Überforderung wenden können.

  • Phil Meier sagt:

    Wenn man 3 Kinder auf die Welt bringt kann’s ja nicht so schlimm sein…

  • Jm sagt:

    Der Aussagen von Frau Baumann decken sich voll und mit meinen Erfahrungen mit meinem Schreibaby vor etwa sieben Jahren (inzwischen ein begeisterter Erstklässler). Mir haben damals auch die Erkenntnisse geholfen, dass es nicht meine Schuld ist sowie dass es auch andere solche Babies gibt. Das Buch von Dr. Sears war dabei auch für mich sehr wertvoll. Desweiteren haben wir ein Tragetuch gekauft, welches meinem Baby und mir half die Tage zu überstehen. Eigentlich war mein Baby praktisch den ganzen Tag im Tragtuch. Dann hat mir das Buch von Harvey Karp mit seinen Beruhigungstipps inklusive Puken wertvolle Tipps für das Einschlafen und besser Schlafen gegeben. Und zuletzt kann ich auch nur noch einmal bestätigen, es geht vorbei.

  • Georg sagt:

    Teil2: Aber 2 J. später beim nächsten Kind wieder dasselbe. Nun aber bastelte ich umgehend mit einem 1.50m langen Gummiband, Schnur, E-Motor mit Holzrolle, eine Roll-Vorrichtung mit Rhytmuskontrolle, die nach eingestellter Zeit (ca. 20 Min.) abschaltete. Bei Bedarf halt Verlängerung. Das Ding erlangte Berühmtheit in der ganzen Verwand-/Bekanntschaft. Wär vielleicht eine Marktlücke, hab’s aber nicht verfolgt. Vermtl. auch nicht in jedem Fall wirksam. Aber hab‘ die Teile noch aufbewahrt, vielleicht brauchen wir’s bei den Enkeln wieder.

    • Anh Toàn sagt:

      Samantha aus Sex & the City hatte Erfolg mit dem Vibrator im Maxi Cosi unter dem Säugling.

      Mein Bruder ging mit seinem Schreikind Autofahren, da schlief sie, damit die Mutter zu Schlaf kommt: Ökologisch korrekter wäre ein leicht schaukelndes Boot irgendwo.

  • Georg sagt:

    Problem und Lösung: Guter Artikel. Bei mir/uns über 30 Jahre her. Stillmilch versiegt nach 14 Tg. => Schoppen: (3-Monats-)Koliken. Vorteil, wir waren zu zweit, konnten ablösen. Trotzdem und hochkritisch: Schlafentzug/-mangel, das schlägt auf die Psyche. Beste Wirkung am Kind: Tragen und Herumlaufen. Nach gewisser Zeit: in Stubenwagen (in dem schon meine Frau lag) und diesen sanft hin und herschieben. Dieser wackelte und ruckelte dabei etwas auf dem Teppich wg Noppenmuster. Sobald man aufhörte, begann der kleine Mensch wieder zu schreien. Erkenntnis: Rumlaufen oder ruckelnder Stubenwagen erzeugen wohl ähnlich gewohntes (Geborgenheit-)Gefühl, wie im Mutterleib. Nur, man musste eben solange schieben, bis er eingeschlafen war. Das konnte dauern. Nach 3-4 Monaten war alles okay (Glück gehabt).

  • tststs sagt:

    Ahhh, Carolina, vielen Dank für diesen Input! Ich nenne es mal den „ist-nur-eine-Phase-Spruch“. Obwohl ich den unter Eltern ganz oft höre, habe ich jeweils Hemmungen, ihn weiterzugeben, weil er IMHO so oberflächlich nichtssagend klingt (nur so klingt! IMHO bietet er den besten Trost!). Aber Sie haben mich darin bestärkt, dass er eben doch ganz hilfreich sein kann!

  • Karin Haenni sagt:

    Ich ertrug ein Schreibaby von meinen Nachbarn in einer Altbauwohnung. Ein Jahr lang! Ging einfach nicht mehr trotz Verständnis für die Eltern. Letztlich musste ICH ausziehen. Irgendwann ist fertig lustig.

    • Peter sagt:

      Leider ist das die Regel und nicht die Ausnahme, denn Kinder sollen sich ja frei entwickeln können. Entschuldigen, so wie im Kommentar von Lisa tun sich wohl die wenigsten und so „dürfen“ die Nachbarn aktiv am „freudigen Ereignis“ teilhaben, ob sie wollen oder nicht, ob sie am Morgen zur Arbeit müssen oder nicht, leider. Aber vielleicht sollten wir alle mit Ohropax oder Lärmschutzkopfhörern schlafen, während sich die Eltern von Schreibabys natürlich jedesmal beschweren, wenn man etwas lauter als eine Kirchenmaus ist, denn man weckt ja das Baby auf.

    • Dahlia Meier sagt:

      Und was wollen sie uns damit sagen Frau Haenni? Wie heldenhaft sie doch waren, dies ein Jahr zu ertragen? Oder dass die Eltern das Kind hätten ruhigstellen sollen?
      Glauben sie mir, die Eltern hätten nichts lieber als das!!

      • Karin Haenni sagt:

        Sehr geehrte Frau Meier

        Danke für Ihren zynischen Kommentar. Ich halte mein Verhalten absolut als nicht „heldenhaft“. Aber wenn man von den Eltern sogar ermahnt wird, abends keine Musik mehr zu hören (gaaaanz leise logischerweise), dann hört die Toleranz meinerseits einfach auf. Alles den Kindern unterzuordnen geht für mich einfach nicht auf.

      • Peter sagt:

        Frau Meier, nachdem Sie finden, unsere Kommentare seien unangebracht, erklären Sie Frau Haenni und mir weshalb es ok ist, die Kinder brüllen zu lassen und dann noch die Chutzpah zu haben, Nachbarn zu ermahnen, leise zu sein, wenn der Schreier endlich schläft. Das ist ehrlich gesagt der Gipfel, frei nach dem Motto „Das Kind darf alles, und Ihr habt gefälligst Rücksicht zu nehmen“. Da muss ich ehrlich sagen, das kommt nicht in die Tüte, ich zahle Miete genau gleich wie die Eltern, also darf ich meine Wohnung ebenfalls nutzen und zwar in einer normalen Weise und nicht permanent auf Zehenspitzen und mit Kopfhörern.

  • Carolina sagt:

    Apropos schönreden: Ich habe – viel später – gelernt, dass es Betroffenen aller Arten von Problemen sehr helfen kann (!), wenn diese Probleme positiv-ähnlich beschrieben werden. Muss nicht sein, bei mir funktioniert es eher nicht so gut, aber ich verstehe, dass man sich manchmal an jeden Strohhalm klammert – und ein 24-Stunden-Baby klingt halt weniger martialisch als ‚Schreibaby‘.

    • Carolina sagt:

      Dieser Kommentar ist eine Antwort an tsts.

    • tststs sagt:

      Interessanter Punkt. Positiv klingt auch immer nach „bewältigbar“. Spielt hier auch das Dilemma aller Eltern mit: die innere Zerissenheit? Eigentlich liebt man dieses Bündel und wehe jemand wagt es als Schreibaby zu bezeichnen…! Eigentlich!
      Und hier denke ich, soll man den Eltern klar machen, dass sie auch richtig wüst über das Baby sprechen dürfen und das Umfeld (und irgendwann hoffentlich die Betroffenen selber) weiss trotzdem, dass das Kind geliebt wird und es gute Eltern sind.

  • Lisa sagt:

    Meine Nachbarn hatten ein Schreibaby und sich mehrfach bei mir dafür entschuldigt. Mal abgesehen davon, dass ich eh kaum was hörte (wir haben sehr gut isolierte Wände), habe ich ihnen immer wieder versucht zu vermitteln, dass alles ok ist und ich Verständnis dafür habe (obwohl bewusst kinderlos weiss ich, dass man gewisse Dinge bei Babys und Kleinkindern einfach nicht steuern kann). So im Nachhinein frage ich mich, ob es auch eine Art Hilferuf war und sie aktive Unterstützung gebraucht hätten…

  • Nicole Schenker sagt:

    Elternnotruf: ich hoffe, da hat sich was gebessert. Bei mir war der miserabel. Ich weinte vor Verzweiflung, hatte langsam Angst vor meiner eigenen Wut und Überforderung und bekam genau das im Artikel zitierte „ja, kein Wunder, wenn sie so aufgeregt sind, beruhigt sich ihr Baby natürlich nicht“ zu hören. Fertig. Keine weitere Hilfe, nur: selber schuld. Zum Glück half dann eine Nachbarin.

  • Lori sagt:

    Unser Kind war wohl kein Schreibaby gemäss Definition, aber in der Anfangszeit hat es doch sehr oft und lange geweint und sich kaum beruhigen lassen. Was uns geholfen hat, war ein Hinweis der Stillberaterin auf die Broschüre „Tränenreiche Babyzeit“ des Bundes deutscher Hebammen: https://www.geburtskanal.de/artikel-wissen/schreibabies-traenenreiche-babyzeit.html
    Und ja, Ohrstöpsel sind definitiv eine gute Sache um das Ganze besser auszuhalten! Haben wir auch gemacht..

  • tststs sagt:

    „Dieser Begriff gefiel mir besser, er ist positiver“
    Werte Frau Baumann, machen Sie hier nicht genau auch den Fehler, das ganze schönereden zu wollen?
    Nein, es gibt dem ganzen nichts Positives abzugewinnen, nichts, niente, nada.
    Ich habe nur zwei Sätze von Kinderärztinnen aufgeschnappt, die ich gerne weitergeben möchte:
    1) Solange das Kind schreit, kann es atmen und ist somit vital. –> Sie können nicht nur die berühmten 5 Minuten auf den Balkon; sie können auch 30 Minuten netflixen… via Kopfhörer.
    2) Stellen sie sich vor, sie müssten die nächsten 3 Stunden neben einem Presslufthammer verbringen (alternativ: neben einer übenden Opernsängerin). Welche Massnahmen würden sie ergreifen?

    • Carolina sagt:

      Werte tststs, von semantischen Einwänden abgesehen, muss ich Frau Baumann hier ein Kränzchen winden: auch wenn meine Zeit als Mutter von drei Kleinkindern (davon eines ein Schreikind) schon ein ganzes Weilchen zurückliegt, finde ich diesen Text ganz ausgezeichnet. Wertfrei, nicht schuldzuweisend, keine dogmatischen Ratschläge, immer auch darauf hinweisend, dass keine Mutter-Baby-Beziehung gleich ist. Mir hätte so ein Text wahrscheinlich sehr geholfen, denn ich hatte bei meinem Schreikind (das zweite Kind, nachdem das erste völlig ok gewesen war) kein hilfreiches Umfeld, sondern nur oberschlaue Ratgeber, die mein Gefühl des Ueberfordertseins noch gefördert haben.
      Darum: ich bin froh, dass es heute anscheinend ein grösseres Verständnis für dieses Problem gibt.

      • tststs sagt:

        Oh, da komme ich vllt. falsch rüber.
        Ich finde den Text auch äusserst gelungen! „Mir hätte so ein Text wahrscheinlich sehr geholfen“, glaube ich sofort!
        Aber gerade deshalb fand ich diesen Satz (und dann noch am Anfang des Textes) nicht so gut. Ich könnte mir gut vorstellen, dass es das eine oder andere betroffene Elternpaar eher abschreckt, wenn ein Text über so ein brutales Thema so verniedlichend beginnt…

        „Darum: ich bin froh, dass es heute anscheinend ein grösseres Verständnis für dieses Problem gibt.“ Ich würde sagen, dass es überhaupt als Problem anerkannt wird!

        Welche Sätze/Taten haben Ihnen geholfen?

      • Carolina sagt:

        Ich kam mir lange völlig alleingelassen vor – vor allem, weil ich beim ältesten Kind ziemlich arrogant auf die Klagen meiner Freundinnen reagiert hatte, die ein Schreikind hatten. Die Scham, die Schuldgefühle, die Tatsache, dass das Kind praktisch anderthalb Jahre nur zur Ruhe kam, wenn es auf mir lag, haben mich fast an den Rande eines Nervenzusammenbruchs gebracht.
        Was mir geholfen hat, war einzig und allein die Zeit: es ging vorbei! Und ich war so glücklich, dass das zweite Kind so war und nicht das erste, sonst hätte ich nie im Leben weitere Kinder bekommen.
        Keine grosse Hilfe, ich weiss, aber was mir am Text heute besonders gefällt, ist die Betonung, dass es keine allgemeingültigen Aussagen gibt und dass man, wenn irgend möglich, Hilfe annehmen sollte.

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