Das therapierte Kind

Der Balanceakt auf dem schmalen Grat der Noramlität

Der Balanceakt auf dem schmalen Grat der Normalität

Obwohl man bessere Startchancen kaum haben könnte im Leben, geht es dem Bub meiner Kollegin wie vielen anderen Kindern im Land, quer durch alle Schichten: Er bekam neben der Logopädie nun auch noch Psychomotoriklektionen verschrieben. Noch keine sechs Jahre ist er alt und schon wird er dreimal wöchentlich therapiert. Weil er den „Sch“ noch nicht richtig formen kann. Noch keinen einzigen Tag lang hat er die Schulbank gedrückt und muss doch bereits  an drei von sieben Wochentagen seine Defizite aufarbeiten. Weil er im Turnen noch Koordinationsschwierigkeiten zeigt. Und Zuhause vor dem Spiegel, malt die Korrigiermühle weiter. Dreimal täglich, vor oder nach dem Zähneputzen. Schon der kleine Mensch wird gemessen und verglichen. Schon der kleine Mensch muss funktionieren.

Der Junge tut mir leid. Nicht nur weil er schon als Kindergärtler kaum mehr Zeit hat, in seinem liebevoll eingerichteten Kinderzimmer zu spielen. Er tut mir leid, weil er in einer Welt aufwächst, in der Normalität zu einem Grat geworden ist, der so schmal ist, dass man schon fast seiltänzerische Qualitäten aufbringen muss, um nicht links oder rechts davon in die Therapieauffangnetze abzustürzen. Vor allem Buben stürzen ab, wie Fachleute festhalten. Nicht weil Mädchen besser Seiltanzen, sondern weil der Grat so angelegt ist, dass er ihrer Natur entgegenkommt.

Blickt man auf die Statistik, wächst an unseren Schulen eine Generation von Kranken und Gestörten heran: 2006 wurden im Kanton Zürich  je 100 Lernende 48,6 sonderpädagogische Massnahmen durchgeführt. Jedes dritte Kind wurde also zusätzlich zur Schule speziell gefördert. Seit Jahren steigt der Anteil der Kinder, bei denen Sprech- und Sprachfehler oder psychische, sensorische oder motorische Störungen diagnostiziert werden. Bei 10 bis 11 Prozent eines Jahrgangs wird ein Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom festgestellt. Forscher sagen ausserdem eine Welle von Autismus- und Depressionsdiagnosen voraus, wie sie in den USA zunehmend bei Kindern gestellt werden.

Was ist passiert? Warum wurde die Normalität von der vierspurigen Autobahn auf einen schmalen Bergpfad verengt?  Liegt es am steigenden Angebot eines lukrativen Therapiemarkts, der befriedigt werden will? Ist die Verstädterung der Umgebung schuld und die Tatsache, dass man Kinder immer an der Leine nehmen muss? Oder sind wir es, die überkritischen Erwachsenen, die vor lauter Bildungsangst in unseren Kindern überall nur noch Makel sehen, die man früher nicht als solche wahrgenommen hat?