Vaterschaftsurlaub – der Krimi geht weiter

Das Referendum hinterlässt einen schalen Nachgeschmack. Warum es jetzt nicht nur das Engagement aller Eltern braucht

Zweifelhafte Methoden: Susanne Brunner, Co-Präsidentin des Referendumskomitees, bei der Einreichung der Unterschriften am 23. Januar 2020. Foto: Marcel Bieri (Keystone)

Mit einem Strahlen im Gesicht durften rechtsbürgerliche Politiker und Politikerinnen neulich 54’489 gültige Unterschriften für das am Ende nur knapp zustande gekommene Referendum gegen den vom Parlament beschlossenen zweiwöchigen Vaterschaftsurlaub* über die Schwellen der Bundeskanzlei tragen. Nötig waren 50’000, um die «Gefahr für den Wirtschaftsstandort Schweiz» (so das Referendumskomitee) zu bannen.

Abstimmung vom 27. September 2020

Voraussichtlich am 27. September dieses Jahres wird das Volk über den Vaterschaftsurlaub abstimmen können. Gemäss dem Parlamentsentscheid könnten Väter in den ersten sechs Monaten nach der Geburt des Kindes zwei Wochen bezahlten Urlaub beziehen. Dieser würde wie der Mutterschaftsurlaub über die Erwerbsersatzordnung (EO) finanziert. Die geschätzten Kosten belaufen sich auf rund 229 Millionen Franken pro Jahr. Dafür sollen 0,06 zusätzliche Lohnprozente je zur Hälfte bei Arbeitgebern und Arbeitnehmern erhoben werden.

Zwei Wochen nach der feierlichen Übergabe enthüllte eine Recherche in der RTS-Sendung «Mise au point», dass offenbar ein Teil der Unterschriften auf «fragwürdige Art und Weise» gesammelt worden ist. Reporter der Sendung mischten sich auf den Strassen Lausannes mit versteckter Kamera unter die Unterschriftensammler und befragten diese zu ihrem Vorgehen. Das Filmmaterial zeigt: Offenbar wurden zahlreiche Passanten getäuscht. Eine junge Frau sagte etwa: «Ich sammle Unterschriften für den Vaterschaftsurlaub.»

Als der Journalist bemerkt, dass auf dem Unterschriftenbogen «Nein gegen den teuren Vaterschaftsurlaub» steht, antwortet diese, dass sie so instruiert worden sei. Eine andere Frau behauptet, in einer Stunde 67 Unterschriften gesammelt zu haben. Sie habe den Passanten gesagt, dass es um eine Ausweitung des Vaterschaftsurlaubs – also das genaue Gegenteil – gehe. Und ein anderer Unterschriftensammler hatte den Bogen wiederum so gefaltet, dass die Beschreibung des Referendums nicht mehr sichtbar war. Die Unterschriftensammler sollen zudem nicht etwa Gegner der Initiative, sondern Auftragnehmer, die pro Unterschrift einen Franken erhalten, gewesen sein.

Das Referendumskomitee verwies nach der Veröffentlichung dieser Recherchen gegenüber den Medien (durchaus zu Recht) auf die Eigenverantwortung der Unterschreibenden. Schliesslich sei das Anliegen auf den Bögen deutlich formuliert.

«Die Schweiz ist bereit»

Trotzdem: Es bleibt ein schaler Nachgeschmack eines Referendums, das auch schon davor bei so manchen auf Unverständnis gestossen ist. «Wir waren sehr überrascht, dass das Referendum überhaupt ergriffen worden und anschliessend sogar zustande gekommen ist», sagt denn auch Linda Rosenkranz, Kampagnenleiterin der Vaterschaftsurlaubsinitiative auf meine Anfrage. Auch die Vorgehensweise der Unterschriftensammler spreche nicht gerade für das Referendumskomitee.

Auf meine Frage, ob man denn nun aufgrund der Umstände gleich einen Schritt weiter gehen und eine mehrmonatige Elternzeit für Vater und Mutter anpeilen möchte, sagt Rosenkranz: «Darum geht es im Moment nicht. Jetzt fokussieren wir uns erst mal auf die Abstimmung über die zwei Wochen Vaterschaftsurlaub, hinter die sich auch viele Arbeitgeber- und Gewerbevertreter stellen können, wie etwa der Präsidiumskandidat des Schweizerischen Gewerbeverbands.»

Die Initianten für den Vaterschaftsurlaub reichen im Juli 2017 in Bern ihre gesammelten Unterschriften ein. Foto: Keystone

Rollenbilder haben sich verändert

Sie ist überzeugt: «Die Schweiz ist dafür bereit – familien- wie auch wirtschaftspolitisch.» Die Rollenverständnisse von Müttern und Vätern hätten sich verändert, und dies unabhängig von der politischen Ausrichtung. Zudem verbringe eine Mutter nach der Geburt eines Kindes heute weniger Zeit im Spital. Wieder zu Hause, werde sie dann oft anders aufgefangen, als es früher der Fall war, da die Wohnsituation sich ebenfalls verändert habe, sprich Verwandte, die helfen könnten, oft weiter weg wohnen würden. Vor allem, wenn dann noch ältere Kinder betreut werden müssten, reiche ein einziger Tag Vaterschaftsurlaub einfach nicht. Rosenkranz: «Nicht für die Mütter, nicht für die Kinder und ganz sicher nicht für die Väter.»

Dass und weshalb ich persönlich für einen Vaterschaftsurlaub oder – einen Schritt weiter – für eine Elternzeit bin, wissen Sie ja wahrscheinlich bereits. Auch finde ich, dass die meisten mittlerweile all die Gründe, die dafür sprechen, nur zu gut kennen und am eigenen Leib bereits erfahren haben. Engagement zeigen müssen aber nun nicht nur Eltern, die ja im Grunde nicht mehr von den Forderungen der Initianten profitieren, sondern an vorderster Front auch jene, die es in naher oder ferner Zukunft dereinst werden möchten und dann bestimmt nicht auf den Goodwill ihres Arbeitgebers angewiesen sein wollen, um mit ihrer Familie nach der Geburt Zeit verbringen zu dürfen.

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