Unsere Kinder brauchen eine andere Schule

Für mehr Kreativität und weniger Gleichschaltung: Unsere Autorin findet, dass wir Schule und Erziehung radikal neu denken sollten.

Mit den Händen arbeiten statt nur mit dem Verstand: Werkunterricht an einer Zürcher Schule. Foto: Gaetan Bally (Keystone)

Als Gillian Lynne noch ein Kind war, bekamen ihre Eltern einen Brief von der Schule: «Wir glauben, Gillian hat eine Lernschwäche.» Sie könne sich nicht konzentrieren, zappele herum. Heute würde man sagen, sie habe ADHS. Aber es war in den 1930ern, da war ADHS noch nicht erfunden.

Jedenfalls brachte Gillians Mutter sie zu einem Spezialisten. Gillian sass am Ende des Raums, während der Arzt und die Mutter über all ihre Schulprobleme sprachen: Darüber, wie sie andere Kinder störte, wie sie ihre Hausaufgaben zu spät machte, wie sie ein 8-jähriges Kind war. Am Ende setzte sich der Arzt kurz zu Gillian und sagte: «Ich muss noch kurz allein mit deiner Mutter reden. Bleib doch hier, wir werden gleich zurück sein.» Und sie liessen das Mädchen allein im Zimmer zurück. Bevor sie den Raum verliessen, stellte der Arzt das Radio an, das auf seinem Tisch stand.

Draussen angekommen, sagte der Arzt zu Gillians Mutter: «Schauen Sie ihr zu.» Sobald Gillian alleine war, stand sie auf und bewegte sich zur Musik. Die beiden beobachteten das Mädchen eine Weile, dann drehte sich der Arzt zur Mutter und sagte: «Frau Lynne, ihre Tochter ist nicht krank, sie ist eine Tänzerin. Gehen Sie mit ihr zur Tanzschule.»

Schulen sind wie Fabriken

Was dann passierte? Gillian erzählte später, dass sie kaum beschreiben könne, wie toll es in der Tanzschule gewesen sei. «Wir kamen in diesen Raum und er war voller Menschen wie ich. Menschen, die nicht still sitzen konnten. Die sich bewegen mussten, um zu denken.» Gillian lernte Ballett, Stepptanz und Jazz, moderne und zeitgenössische Tänze. Sie hatte eine wunderbare Karriere bei der Royal Ballet School, gründete eigene Tanzensembles, traf Andrew Lloyd Webber. Sie choreografierte einige der erfolgreichsten Musicals der Geschichte, wie «Cats» und «Das Phantom der Oper», erfreute Millionen Menschen und wurde zur Multimillionärin. Jemand anderes hätte ihr Medizin verschrieben und gesagt, sie solle sich beruhigen.

Diese Geschichte ist Teil eines TED-Talks, erzählt von Sir Ken Robinson, britischer Bildungsexperte und viel beachteter Autor. Bemerkenswerterweise ist es der meistgesehene TED-Talk aller Zeiten: Das Video hat bis heute über 63 Millionen Views. Es erzählt, wie unsere Schulen die Kreativität von Kindern zerstören (so der Titel des Videos).

TED-Talk mit Ken Robinson: Deutsche Untertitel können eingeblendet werden. Video: Ted.com

Robinson sagt, unsere Schulen seien wie Fabriken organisiert. Unsere Bildungssysteme wurden im 19. Jahrhundert begründet. Und zwar mit einem Ziel: Die Anforderungen der Industrie an ihre Arbeitskräfte zu erfüllen. Und obwohl wir die Industrialisierung schon längst hinter uns haben, wird Mathematik nach wie vor höher gewichtet als Tanzen.

Nach wie vor werden Kinder in Schemas gepresst, werden Eltern gestresst, wenn ihre Kinder nicht den gängigen Normen entsprechen. Das Fatale am Ganzen: Brillante, kreative Kinder verkümmern, weil ihre Talente in der Schule nicht wertgeschätzt oder sogar stigmatisiert wurden.

Es braucht eine Bewegung aus der Bevölkerung

Robinsons Antwort auf dieses Problem? Wir sollten Schulen neu denken. Statt auf Konformität sollten die Schulen auf Kreativität setzen und die Diversität unter den Kindern achten. Kinder, die dieses Jahr in die Schule kommen, werden im Jahr 2079 in Rente gehen. Keiner weiss, wie unsere Welt in fünf Jahren aussehen wird. Und trotzdem sollten wir unsere Kinder für diese Welt ausbilden, sie für die Zukunft wappnen. Wir werden diese Zukunft nicht mehr erleben, unsere Kinder schon.

Was heisst das für uns als Eltern? Es gibt Schulen und Schulen. Es gibt Lehrpersonen und Lehrpersonen. Und nicht jedes Kind passt in die Staatsschule. Die wenigsten von uns können es sich leisten, ihre Kinder zu Hause zu unterrichten oder an private Schulen wie Montessori oder Waldorf zu schicken. Auch können wir nicht von heute auf morgen unser Bildungssystem ändern.

Was wir aber alle können, ist unsere eigene Haltung gegenüber Kindern zu prüfen. Wir können eine Grassroots-Bewegung starten. Will heissen: Eine gesellschaftliche Initiative, die aus der Bevölkerung entsteht. Vielleicht liegt der erste Schritt darin, die Art, wie wir Kinder in der Gesellschaft sehen und erziehen wollen, radikal neu zu denken.

Dieser Text erschien zuerst als sonntäglicher Newsletter von Chez Mama Poule.

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