«Hilfe, mein Sohn will Gamer werden!»

Eine Mutter berichtet von der überraschenden Teilnahme ihres 13-jährigen Sohnes an der Fortnite-WM in New York.

Machten das «Ballerspiel» zum Beruf: Die Fortnite-Stars Ninja und Marshmello. Foto: Getty Images

Fortnite ist das derzeit wohl umstrittenste Videogame. Die Frage, ob sie ihren 14-jährigen Sohn das vermeintliche «Ballerspiel» spielen lassen soll, stellt sich Marietta (51) allerdings schon längst nicht mehr. Ihr Sohn nahm kürzlich an der Fortnite-WM in New York teil – und verdient mit Gamen längst richtiges Geld. Ein Protokoll:

«Mama, ich habe 800 Dollar gewonnen!» Mein 13-jähriger Sohn kam in die Küche gerannt. Da wurde mir zum ersten Mal bewusst, dass das, was er da stundenlang in seinem Zimmer treibt, wohl doch irgendwie ernst zu nehmen ist. Er spielt seit 2017 leidenschaftlich unter dem Spieler-Pseudonym «Lyght» das Game Fortnite. Solange die Noten stimmen, und das tun sie – mein Sohn ist ein sehr guter Schüler –, darf er in seiner Freizeit so viel gamen, wie er will. Trotzdem muss er eine Stunde pro Tag lernen und um 21.30 Uhr ins Bett.

«Wir fliegen nach New York!»

Als er mir erzählte, dass er nun zehn Wochen lang bei einer Qualifikation für eine Weltmeisterschaft mitspielen würde, dachte ich mir nicht viel dabei. Bis ich von einem Geburtstagsfest nach Hause kam und einer seiner Freunde ganz aufgeregt vor unserer Tür stand und rief: «Er hat sich qualifiziert!» Und dann jubelte mir auch schon mein Sohn entgegen: «Mama, wir fliegen nach New York!» Er hatte es tatsächlich von 240 Millionen Spielern weltweit unter die besten 100 geschafft. Dafür bekam er bereits ein Preisgeld von 5000 Dollar.

Langsam wurde die Sache ernst, mehrere Organisationen, sogenannte Clans, wollten ihn aufnehmen. Unter anderen der Clan des deutschen Fussballspielers Mesut Özil. Wir unterschrieben schliesslich bei einer Start-up-Organisation, die ihm einen Coach zur Seite stellte, ihm einen relativ hohen monatlichen Sponsoringbetrag zusicherte, Medientrainings organisierte und ihn zu einem Vorbereitungs-Bootcamp einlud. Dafür wurde er eine Woche lang von der Schule befreit. Zum Glück ist sein Rektor erst 35 Jahre alt und hat Verständnis für E-Sport.

Dann flogen wir in Richtung Fortnite-WM in die USA – die Reisekosten wurden natürlich übernommen – und fanden uns mitten in New York im Grand Hyatt Hotel wieder. Die Organisation pushte ihn sehr und vermittelte ein Interview nach dem anderen, denn mein Sohn war mit seinen 13 Jahren einer der jüngsten Spieler, das war vielen eine Schlagzeile wert. Fortnite ist ja erst ab 12 zugelassen. CNN berichtete, ZDF und ARD, RTL, Prosieben und praktisch alle deutschen Tageszeitungen ebenso. Von überall her schickten mir Bekannte Artikel, die über meinen Sohn berichteten, einige Medien wollten sogar Homestorys bei uns machen. Schon komisch, wenn einem sein eigener Sohn aus der «Bild»-Zeitung entgegenblickt.

Ein grosser Traum und die Matura

Das alles ist für ein Kind ganz schön überfordernd. Plötzlich fanden wir uns in diesem riesigen Arthur Ashe Stadion wieder, dem Stadion, wo sonst die US Open stattfinden, vor über 20’000 kreischenden Fortnite-Fans. Die Teilnehmer schritten unter grossem Jubel in die Arena, und mein Sohn nahm neben bekannten E-Sportlern Platz, was für ihn unglaublich nervenaufreibend war, weil er diese Gamer wie Stars verehrt. Er hatte grosse Mühe, sich zu konzentrieren, und deswegen lief es ihm während der WM auch nicht besonders gut. Nach der zweiten Runde bin ich rausgegangen, ich habe es nicht mehr ausgehalten. Er wurde 80. Immerhin, der 80. von 240 Millionen, aber er war sehr enttäuscht und tat mir wahnsinnig leid. Er hatte sich in den Kopf gesetzt, unter die Top 10 zu kommen. Der Gewinner war übrigens 16 und fuhr mit einem Preisgeld von drei Millionen Dollar nach Hause.

Oft spielt mein Sohn nun bei grossen Turnieren mit, kürzlich ist er Fünftbester in ganz Europa geworden. Es ist sein grosser Traum, nach der Schule professioneller Gamer zu werden. Er möchte mit dreissig mehrere Millionen verdient haben, damit Immobilien kaufen und von den Mieteinnahmen leben. Ich lasse ihn. Bis zur Matura – und die will er unbedingt machen – dauert es ja noch einige Jahre, da kann viel passieren. Was soll ich auch tun? Ich unterstütze meinen Sohn natürlich. Obwohl es mir manchmal schon lieber wäre, er würde einfach nur Fussball spielen.

*Marietta (51), Name von der Redaktion geändert 

Dieser Artikel erschien zuerst in der Januarausgabe der «annabelle».

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