Seien Sie empört!

Was Eltern tun sollten, wenn sie Rassismus im Kinderzimmer oder in der Schule begegnen.

Unsere Gesellschaft ist divers – also sollten es die Geschichten, die unsere Kinder lesen, auch sein. Foto: iStock

Stellen Sie sich vor, Sie gehen zur Lesung einer Geschichte, die in Afrika spielt. Es wird nicht definiert, welches Land in Afrika. In der Erzählung wird Afrika als Dschungel mit wilden, naiven Menschen beschrieben. Die schwarzen Menschen werden von den Weissen gerettet und sie sind – so die Geschichte – sehr dankbar darüber.

Würden Sie weiter zuhören? Oder würden Sie reagieren, weil in dieser Geschichte Vorurteile reproduziert werden, ja gar eine kolonialhafte Darstellung gezeigt wird? Ich empfehle Ihnen: Seien Sie empört! Tun Sie etwas. Gehen Sie aus dem Raum, informieren sie den Veranstalter, sprechen Sie darüber.

Kinder können leider nicht davonlaufen. Sie wissen nicht, was sie hören, wenn sie rassistischen und stereotypen Darstellungen lauschen, wie beispielsweise im Hörbuch «Das feuerrote Nashorn» der weitherum bekannten Kinderheldin Bibi Blocksberg. Bibi fliegt in dieser Folge nach Afrika, nachdem ihr Vater eine Reise «dorthin» gewonnen hat. Wohin in Afrika es genau geht – in welches der 55 Länder des Kontinents –, wird nicht gesagt. Als die weisse Reporterin Karla Kolumna während des Flugs bereits «die Urwaldtrommel dröhnen hört», entgegnet Bibis Mutter, das seien nur die Flugzeugmotoren.

Weisse Retterin, schwarzer Bösewicht

Angekommen im Hotel begegnet ihnen ein schwarzer Junge, der von der Mutter zugleich als «Boy» bezeichnet wird. Er stellt sich als Bubu vor und zeigt Bibi sein Dorf. Die beiden begegnen einem Mann, der in «wilder Verkleidung» auf eine Trommel schlägt und dazu Laute wie «Ula umba bum …» von sich gibt. Es handelt sich um einen berühmten Medizinmann, der versucht, Wasser in den ausgetrockneten Brunnen zu zaubern.

Haarsträubende Klischees: Bibi-Blocksberg-Comic. Bild: PD

Bibi belehrt ihn und zeigt ihm, wie es richtig geht: Ruckzuck füllt sie den Brunnen und wird so zur gefeierten Retterin. Später kürt sie «ihr Volk» sogar zur Urwaldprinzessin und der schwarze Medizinmann wird zum Bösewicht und muss verschwinden.

Zuerst war ich überrascht, dann genervt, als ich dieses Hörstück, das im Jahre 1995 veröffentlicht wurde, hörte. Ist es nicht unangebracht, dass diese Geschichte noch immer im Umlauf ist? Es gäbe doch so viele Möglichkeiten, eine Geschichte, die in einem afrikanischen Land spielt, auf ein andere Art und Weise zu erzählen.

Diversität ist Trumpf

Kinder können den Inhalt einer Hörbuchgeschichte meist noch nicht beurteilen. Es ist Aufgabe von uns Eltern, Lehrerinnen und Bibliothekaren, aufmerksam zuzuhören und kritisch zu sein. Wenn wir Rassismus im Kinderzimmer begegnen, sollten wir den Kindern zeigen, was wir davon halten. Wir sollten begründen, warum diese Geschichten heikel sind, damit sich diese Denkmuster und Vorurteile nicht in den Kinderköpfen festsetzen.

Wir können ihnen erklären, dass dies kein reales Bild ist. Geschichten dieser Art können eine Grundlage bieten, um über Kolonialismus zu reden, über die Herabsetzung von schwarzen Menschen, die als hilfsbedürftig und untertänig dargestellt werden. Wir können mit unseren Kindern Bilder von afrikanischen Städten anschauen, Bilder mit Hochhäusern, Bürogebäuden und Bildungszentren – und dabei erwähnen, dass Afrika ein grosser, vielfältiger Kontinent ist.

Wir sollten unseren Kindern gute Nahrung geben und akkurate Erzählungen suchen. Dazu gehören auch Geschichten, in denen Kinder mit nicht-weisser Hautfarbe in ihrem Alltag gezeigt und als genauso heldenhafte Figuren wie weisse Kinder dargestellt werden. Damit alle Kinder, egal welcher Hautfarbe, verschiedene Vorbilder haben und die heutige Diversität sichtbar wird. Und dies nicht nur bezüglich Hautfarbe.

Also, reagieren Sie, wenn Ihr Kind solche Geschichten nach Hause bringt und – seien Sie empört!

Weitere Beiträge zum Thema: