Wenn Kinder sterben wollen

Der Suizid eines Kindes ist für Eltern ein unfassbarer Schicksalsschlag – den zu viele tabuisieren.

Trauer und Schuldgefühle: Viele Eltern haben keine Ahnung von den Suizidgedanken ihrer Kinder.  Foto: iStock

In den ersten Wochen des neuen Jahres werden noch so manche Vorsätze in die Tat umgesetzt. Was ich hierbei erschreckend finde: Die meisten Suizide in meinem Umfeld haben sich im Januar ereignet. Warum nehmen sich Menschen das Leben? Gibt es Persönlichkeitseigenschaften, die einen Suizid begünstigen? Nach meiner Erfahrung sind es eher die sensiblen, in sich gekehrten, angepasst-unauffälligen Personen, die gefährdet sind; Menschen, die hohe Ansprüche an sich selbst stellen und ein geringes Selbstwertgefühl haben. Bei Jugendlichen kommt die Pubertät und die damit verbundenen Veränderungen im Gehirn als Risikofaktor hinzu.

Vor zwei Jahren nahm sich ein 16-Jähriger aus meinem Bekanntenkreis das Leben. Es erschütterte mich zutiefst – dieser Junge hätte auch mein Sohn sein können. Die 200 Sitzplätze in der Abdankungshalle genügten nicht, einige Besucher mussten stehen. So viele Leute, die zur Trauerfeier kamen. Ich fragte mich, warum unter den vielen Menschen nicht einer dabei war, der wusste, wie es dem Jungen wirklich ging und der ihm noch hätte helfen können. Nun war es zu spät und zurück blieb ein Saal voller fassungs- und sprachloser Leute.

Nicht nur die Trauer ist qualvoll

Die Trauerfeier war vorbei, und viele der Mitmenschen kehrten nach kurzer Zeit in den Alltag zurück. Nicht so die Angehörigen. Während sie in den ersten Wochen noch in einer Art Schockzustand verharrten, einem durch körpereigene Drogen verursachten emotionalen Shutdown, drängte sich nun immer mehr die Erkenntnis ins Bewusstsein, dass es aus diesem schrecklichen Albtraum kein Erwachen gibt … Was folgt, ist nicht nur der tiefe, in Wellen wiederkehrende Schmerz um den Verlust eines geliebten Menschen, sondern weitere, fast nicht auszuhaltende Gefühle der Schuld sowie Scham und Isolation.

Suizidbetroffene Angehörige erleben es immer wieder, dass Mitmenschen ihnen auf der Strasse ausweichen. Tod und Trauer haben keinen Platz in unserem Alltag – und ein Suizid schon gar nicht. Die Sprachlosigkeit macht hilflos, dem gehen viele lieber aus dem Weg. Klar, dass dieses Verhalten weitere, tiefe Schrammen im ohnehin schon stark angekratzten Selbstwertgefühl der Angehörigen hinterlässt.

Der Freundeskreis verändert sich: Statt Small Talk in grosser Runde gibt es nun Deep Talk im Dialog. Jetzt sind diejenigen Mitmenschen hilfreich, die den quälenden Gedanken und Gefühlen Raum geben und die Trost spenden, nicht, indem sie ebendas krampfhaft versuchen, sondern indem sie einfach da sind, zuhören und versuchen, den Schmerz mit auszuhalten.

Leiden, das stark macht

Ein Schicksalsschlag ist wie ein schwerer Rucksack, den man vor die Füsse geknallt bekommt. Anfangs denkt man, dass man diesen niemals wird tragen können. Irgendwann gelingt es doch, wenn auch langsam. Die Last wird kaum leichter, aber man selbst wird stärker und lernt Strategien, damit umzugehen. Manche Leute entwickeln aus ihrem Schicksal eine einzigartige
Stärke. Dadurch können sie später Menschen in ähnlichen Situationen helfen, so wie die Zürcher Theologin Sabrina Müller. 2006 verlor sie ihre beste Freundin durch Suizid – ihr wurde der Boden unter den Füssen weggerissen. Zehn Jahre später verarbeitet sie ihre schmerzhaften Erfahrungen in einem 28-teiligen Blog respektive dem Buch «Totsächlich». Mit ihrer offenen und einfühlsamen Art der Sensibilisierung und Aufklärung hilft sie Betroffenen und Unterstützern darin, Worte zu
finden für ein Thema, das so viele sprachlos macht.

Darüber zu reden, hilft. Foto: S. Schild

Kennen Sie jemanden, von dem Sie glauben, er oder sie denkt an Suizid? Sprechen Sie die Person darauf an. Es ist ein Irrtum zu glauben, dass Menschen sich dann erst recht etwas antun würden. Im Gegenteil: Betroffene berichten, dass ihre Suizidgedanken abnahmen, nachdem sie mit jemandem darüber sprechen konnten.

Ich freue mich darauf, wenn ich eines Tages meinen Grosskindern erzählen kann, wie wir es in den 2020er-Jahren geschafft haben, mehr Empathie, Achtsamkeit und psychologisches Know-how in die Schulen zu bringen, wodurch Mobbing keine Chance mehr hatte. Psychische Probleme wurden viel rascher erkannt und wirkungsvoller behandelt, die Stigmatisierung und Tabuisierung nahm ab. So ist es uns gelungen, die Suizidrate bei jungen Menschen massiv zu senken, werde ich dann berichten.

Ruht in Frieden, Andrea, Angelika, Dario, Fritz, Heike, Matthias, Mirco, Oskar, Peter und Simon.

Hilfreiche Links:

http://www.reden-kann-retten.ch / https://www.147.ch/de/suizidpraevention/   / https://www.wie-gehts-dir.ch/de/ /https://www.promentesana.ch/de/startseite.html / https://www.fideo.de

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