Warum wir Karriere neu denken müssen

Freiheit und Flexibilität statt Geld und Macht: Es ist an der Zeit, unsere Vorstellung von beruflichem Erfolg zu überdenken.

Geliebte Ungewissheit: Lebensläufe und Karrieren verlaufen selten starr und linear. Foto: iStock

«Verzichtest du für die Familie auf eine Karriere?», fragte mich der Moderator am Podiumsgespräch. Neben mir sassen ein bekannter Spitzenkoch und ein noch bekannterer Professor. In solchen Situationen kommt mir als Vertreter des Pöbels beim Rülpsen gerne ein Schluck Demut mit hoch.

Meine berufliche Situation liest sich nicht gerade wie der Ratgeber «in 5 Schritten zum CEO». Mit Brechtis Geburt reduzierte ich auf 60 Prozent. Den Sessel als Geschäftsleitungsmitglied eines IT-Unternehmens hatte ich schon drei Jahre zuvor geräumt. Inzwischen arbeite ich seit neun Jahren als Soldat in einer Agentur. Teilzeitsoldat.

«Beruflicher Erfolg wäre schon schön, aber meine Familie ist mir wichtiger.» So antworten wir Pensumsreduktionisten oft auf die Karrierefrage. Stimmt ja auch: Erfolg = toll und Familie = wichtig. Nur das «aber» dazwischen passt mir nicht.

Hier ein anderes «aber»: Ich bin weder Spitzenkoch noch Professor, aber mein Leben duftet trotzdem lecker nach Karriere. Es war noch nie so intensiv, so vielseitig. Noch nie war mein Managertalent so sehr gefordert. Dazu gehört natürlich die Waschplan-Optimization, das Interactive-Coaching beim Schwimmkurs und das Change-Management bei den Tischmanieren. Aber ich bin auch mit meiner beruflichen, nicht ganz stereotypen Karriere sehr zufrieden.

Das ist doch keine Karriere …

Wir haben Karriere als starre, lineare Laufbahn gelernt – Marcel-Ospel-Style. Jeder Jobwechsel muss ein kräftiger Schritt hin zu mehr Geld und mehr Macht sein, bis wir schliesslich ganz oben angekommen sind.

Nichts gegen Geld und Macht. Nehme ich sofort. Senden Sie bitte Umschläge voller Geld und Macht zu meinen Händen an die Redaktion des Tages-Anzeigers.

Aber Geld und Macht als einzige Berufsziele, denen man alles unterordnet. Das klingt für mich eher nach güldenem Götzenkalb als nach beruflicher Selbstbestimmung. Die klassische Karriere wird allzu oft an der Anzahl Überstunden gemessen. Zuerst werden sie noch kompensiert oder ausbezahlt, mit dem Kadervertrag dann als selbstverständlich vorausgesetzt. Ausserdem bedeutet der Weg zur Macht jahrzehntelange Unterordnung. Wer noch nicht ganz oben thronte, dient als Räuberleiter für eine Person, die schon höher steht und ihr Köpfchen noch ehrgeiziger nach dem Chefpöstchen streckt.

Denen, die das schön finden, will ich den Spass nicht verderben. Aber man könnte Karriere breiter denken. Seit Gründung der tschannenschen Familie ist Freiheit eines meiner obersten Karriereziele. Ich will meine Woche selber planen, flexibel und unabhängig sein.

Mit meinem Arbeitgeber fand ich über viele Jahr hinweg ein Modell, das mir sehr viele Möglichkeiten bietet. Natürlich will ich bei aller Flexibilität auch beruflich wachsen, fachlich besser werden und stets Neues lernen. Zurzeit bin ich der drittbeste Kommunikationsberater der südöstlichen Berner Agglo unter 40 und da geht noch was – das spüre ich bei Föhn in den Gelenken.

Hier ein Standbeinchen, da etwas Influence

Neben der Anstellung betreibe ich eine eigene kleine Firma mit bescheidenem Umsatz. An warmen Tagen gönne ich mir eine Glace auf die Firmenkreditkarte, esse sie genüsslich vor dem Eingang der kantonalen Steuerverwaltung und kichere dabei wie Sepp Blatter, wenn er Michel Platini ein Bündelchen Zehntausendernoten zusteckt.

Weiter belästige ich Sie hier alle zwei Wochen als Papablogger und kolumniere in zwei, drei Heftchen. Wie Sie aus den Kommentaren meiner einschlägigen Kritiker wissen, muss man dazu nicht viel können. Trotzdem bringt der Job viel Fame. Eltern kreischen, wenn sie mich in der Öffentlichkeit erkennen. Ich kann kaum durch einen Bio-Supermarkt schlendern, ohne Autogramme zu geben und ein paar Säuglinge zu küssen. Klar, das Kreischen würde aufhören, wenn ich vor dem Küssen um Erlaubnis fragen würde. Aber im grossen Schema meiner Karriere sind das nur kleine Ungereimtheiten.

Ich liebe meine Karriere. Sie ist natürlich keine Vorlage für andere Menschen in anderen Situationen und mit anderen Zielen. Am liebsten ist mir die Ungewissheit. In fünf Jahren sitze ich nicht auf dem Kalbsledersessel meines aktuellen Chefs. Ich habe keine Ahnung, wozu ich erst fähig sein werde, wenn ich das Bootcamp der Kleinkind-Elternschaft überstanden habe. Aber es wird sich bestimmt sehr nach Karriere anfühlen.

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