Die Sache mit den Ritualen

Rituale geben Kindern Sicherheit und Erwachsenen das Gefühl, etwas weiterzugeben. Doch ein paar Dinge kann man überdenken.

Wichtige Tage wie Weihnachten feiern wir im Zweifelsfall so, wie wir es immer gemacht haben. Foto: Jonathan Borba (Pexels)

Eigentlich könnte man den rosa getupften Kaktus, den stolzen Blechhahn mit seinen gefärbten Zuchtgansfedern und den Kuschelhasen mit pinkem Fell, die in meinem Rucksack klimpern wie das Christkind persönlich, auch an Ostern verstecken. Aber es ist nun mal Dezember, der Monat, in dem die Schweiz in einem gigantischen glühweinseeligen Shopping-Rausch versinkt. Meine Kinder und ich lieben es, gemeinsam den Baum zu dekorieren, während im Fernsehen kitschige Musikvideos laufen, in denen Leute in peinlichen Weihnachtspullis Schneeballschlachten veranstalten und dabei furchtbar viel Spass haben.

Rituale sind wichtig, sage ich mir. Kinder lieben sie.

Alle Jahre wieder …

Die immer gleichen Wiederholungen. Wie etwa das alljährliche Kerzenziehen, bei dem das Kind, sobald es sich unbeobachtet fühlt, jeweils die kleinen Hände in den warmen Wachskessel taucht, um danach die regenbogenfarbenen, getrockneten Reste langsam wieder wegzupulen. Leuchtende Augen, wenn das lang gezogene, in Seidenpapier eingewickelte Wachsgebilde mit Docht in der Mitte danach voller Stolz nach Hause getragen wird.

Wenn man sich mehr oder weniger erfolgreiche Räben schnitzend am Küchentisch wiederfindet, um noch am selben Abend mit Kind an der Hand singend den dunklen Wald zu erhellen. Oder aber auch das Studieren der zugeschickten Weihnachtskataloge, die am Ende von mit Kinderhand gemalten Kreuzchen und Kreisen zugepflastert sind.

Rituale. Sie geben den Kindern Sicherheit und mir das Gefühl, etwas von dem weiterzugeben, was als Kind zu meiner Welt gehörte.

Gewohnheiten kommen uns entgegen

Doch ich frage mich, ob das als Argumentation noch reicht, während in Madrid eine halbe Million Menschen, davon viele Kinder, auf die Strasse gehen, um für ihre Zukunft zu demonstrieren, in der nichts weniger auf dem Spiel steht als der Fortbestand unserer Spezies? Gibt es unter diesen Bedingungen ein Grundrecht auf das 6000-teilige Schloss Hogwarts von Lego? Auf synthetische Winterpullis für 14.50 das Stück?

Oder anders gefragt, sind sie wirklich nötig, oder meinen wir das einfach, weil wir es uns gewohnt sind, so wie die «Drei Nüsse für Aschenbrödel» mit Pferd Nikolaus, Hund Kasperle und magischer Schmuckschatulle an Heiligabend? Doch vielleicht liegen hier das Problem und die Lösung zugleich begraben: Gewohnheiten helfen unserem Gehirn, sich in einer komplexen Welt zurechtzufinden. Ohne sie wären wir überfordert und würden uns in einem permanenten Zustand wie vor einem neurologischen Kurzschluss befinden.

«Die Konfrontation mit neuen und komplizierten Dingen erfordert Bewusstsein, Aufmerksamkeit und Konzentration – das Gehirn strebt darum danach, alles zur routinisieren», sagt der Hirnforscher Gerhard Roth der «Zeit». Gleichzeitig kann uns genau dieser Mechanismus im Weg stehen. Etwa dann, wenn wir unser Verhalten ändern wollen. Das ist für sich alleine schon schwierig, aber manchmal für eine Gruppe, wie etwa die Familie, schier unmöglich.

Im Zweifelsfall wie immer?

Im Zweifelsfall macht man alles so, wie man es immer gemacht hat. Gerade an erwartungsvollen Tagen wie Weihnachten. Man holt sich vom Markt die Tanne, die am wenigsten schräg ist und unter der man dann doch noch ein kleines Präsent für den Partner versteckt, obwohl abgemacht war, sich dieses Jahr «wirklich nichts» zu schenken. Der 24. Dezember bildet dann den Startschuss eines Feier-Marathons, bei dem keine Partei zu kurz kommen darf.

Bitte verstehen Sie mich nicht falsch: Ich liebe Weihnachten und vor allem die magische Zeit davor. Diese Momente mit all meinen Liebsten möchte ich um nichts auf der Welt missen wollen.

Doch warum nicht einmal ein paar Dinge anders machen? Kinder lieben Geschenke. Ja. Sie sollen auch Geschenke lieben (wie ich übrigens auch!). Doch man kann so ziemlich fast alles einpacken. Etwa wie es die beiden Grafikerinnen, Handwerkerinnen und Mütter Seraina Serrat und Alejandra Lauper tun. Sie tragen für ihren Online-Shop «I love my gift» Altes und Neues zusammen. Auf Flohmärkten, Brockis und in Quartierläden. Daraus machen sie zauberhafte Geschenkboxen vom Hüttenbauset bis zur Baby-Box.

Schaffen Sie sich neue Rituale

Manchmal zwingt einen auch das Leben zu Veränderungen. Nach Trennungen und Scheidungen braucht es oft neue Rituale. So wie bei einer Freundin, die mit ihrer grossen Patchworkfamilie nicht einfach wieder einen Tannenbaum ins Wohnzimmer stellen wollte, weil es sowieso unmöglich gewesen wäre, alle Kinder aus unterschiedlichen Familiensystemen zufriedenzustellen. Also drehten sie es um. Statt sich einen Baum zu holen, gingen sie zu den Bäumen (siehe unten). Nun feiern sie seit Jahren im nahe gelegenen Wald, sitzen am knisternden Feuer und schauen auf die blinkende Stadt herunter, wo die Leute an vollen Tischen sitzen und nach dem Viergangmenü die Geschenkeschlacht beginnt.

Wer weiss, welche Fähigkeiten unsere Kinder in einer Welt, die sich immer schneller dreht, einmal brauchen werden? Je höher das Komfortniveau, umso tiefer der Fall, wenn uns unvorhergesehene Ereignisse, Finanz- und Ressourcenkrisen treffen. Dies will nicht heissen, dass die Weihnachtszeit entzaubert werden soll. Doch für starke Rituale braucht es nicht viel. Sorgfalt, Zeit, Interesse am anderen, Wohlwollen und Empathie … Und vielleicht werden es uns die Kinder einmal danken?

Anregungen für nachhaltige Rituale

«Ein bisschen umweltfreundlicher feiern geht auch ohne Öko-Brimborium», schreibt Denise Jeitziner in der «SonntagsZeitung» in ihrer Anleitung, wie man Weihnachten ökologischer feiern kann, «ohne sich die Laune verderben zu lassen» (Abo+).

Schenken:

Mit den Kindern Weihnachtsgeschenke zu basteln, ist für uns ein wichtiges Ritual. Unser aktuelles Projekt: selbst gemachte Wachstücher aus alten Stoffresten – als umweltverträgliche Alternative zu Alufolie & Co. Den dafür benötigten Wachs findet man zum Beispiel im Zürcher Geschäft Wabe 3. Jeitziner schreibt dazu: «Sinn machen umweltfreundlich produzierte Geschenke, die der Beschenkte tatsächlich brauchen kann.» Es müsse aber nicht zwingend etwas Selbstgemachtes sein, zahlreiche Shops seien auf nachhaltige Präsente spezialisiert, die nicht «nach Öko» aussehen.

Auch immer gut: Zeit schenken. Zum Beispiel in Form von Aktivitäten, zum Beispiel einem Theaterbesuch oder einem gemeinsamen Ausflug. Biovision, die Stiftung für ökologische Entwicklung, schreibt auf ihrer Website zum Thema «nachhaltig überwintern» pragmatisch: «Kindern das schenken, was sie sowieso brauchen» – und ja, wieso eigentlich nicht?

Baumschmücken:

All jene, die nicht wie meine Freundin zu den Bäumen in den Wald gehen können/wollen und nicht aufs Indoor-Tannenschmücken verzichten möchten, müssen sich zwischen einem echten, einem Plastik- oder einem – der neuste Schrei – aus Holz zusammengezimmerten Weihnachtsbaum entscheiden.

Beim Plastikbaum kommt es drauf an, wie und wo er produziert wurde und wie lange man ihn benutzt. Gemäss Jeitziner lohnt es sich dann fürs Klima, wenn man den Plastikbaum mindestens fünf bis sechzehn Jahre (je nach Produktionsweise) behält, statt sich jede Weihnachten einen echten zu holen. Echte Bäume würden aber nicht nur Treibhausgase verursachen, sondern in den acht bis zehn Jahren, in denen sie wachsen, auch CO2 binden. Das Problem sei nur, dass die importierten Baume häufig stark gespritzt werden müssen.

Negativ wirkten sich zudem der Transport und die Lagerung aus. Jeitziner: «Öko-Engel wählen eine ungespritzte Fichte oder Tanne aus der Region.» Bei Bäumen im Topf, die man übrigens auch mieten kann, nachfragen, ob sie darin gewachsen sind. Wenn nicht, dürften sie es später schwerhaben, weil die Wurzeln je nachdem stark gekappt werden mussten für den Topf.»

Eine letzte Bemerkung zu den Kerzen: Am ökologischsten sind lokal produzierte Bienenwachskerzen, auch wenn sie teuer sind. In Spezialgeschäften findet man zudem ökologische Kerzen aus Raps- oder Sonnenblumenöl, die kein Paraffin, ein Erdölprodukt, enthalten.

16 Kommentare zu «Die Sache mit den Ritualen»

  • Mami78 sagt:

    Wir haben – seit unsere Kinder auf der Welt sind – unser eigenes (und in unserer Familie neues) weihnächtliches Ritual: Jedes Jahr kaufen wir als Familie eine neue Kugel oder irgend einen Weihnachtsschmuck dazu (meistens etwas, was uns „passend“ zu Ereignissen des Jahres erscheint). Die Kugel wird mit Jahreszahl gekennzeichnet. Jedes Jahr ist das Baumschmücken besonders, denn jedes Teil, welches ausgepackt und an den Baum gehängt wird, weckt Erinnerungen und „alte“ Geschichten. Als Kind war ich beim Baum-Schmücken nie dabei, es geschah hinter verschlossenen Türen und war Elternsache. Auch dies war ein wunderbares spannendes Ritual – trotzdem mache ich es heute anders mit meinen Kindern. Und unser Baum wird jedes Jahr bunter.

  • Oskar sagt:

    Mit drei Kindern haben Sie als Anhängerin der Oeko-Diktatur aber selber ziemlich übermarcht Frau Bains. Da muss ich mit meinem V8 wohl kaum ein schlechtes Gewissen haben. Uebrigens waren in Madrid keine 500’000 Demonstranten auf der Strasse. Die Polizei hat von gerade mal 15’000 gesprochen – kleiner aber feiner Unterschied.

  • Dani sagt:

    „nach dem Viergangmenü die Geschenkeschlacht beginnt.“ Also geht es eigentlich darum, dass sie anderen Familien Unterstellungen machen. In deren Tradition schlagen sie sich also sinnlos die Bäuche voll, und dann ist es eh alles nur durch Geschenke dominiert.

    Ich stimme zu, dass viele Dinge reines Konsumverhalten sind, aber den Versuch zu starten gleich alle in einen Topf zu werden, ist schon fragwürdig.

    Vielleicht hätten sie sich mit dem Text mehr Zeit lassen sollen. Auch wenn der Aufruf besteht, Sie nicht falsch zu verstehen, so passiert eben genau das.

  • Maike sagt:

    Wie langweilig ! Seit ich Kind bin, kommt zur Weihnachtszeit immer irgend jemand daher, der die weihnachtlichen Rituale in Frage stellt. Warum soll ich denn daran etwas ändern, wenn ich für mich beschlossene habe, das sie passen ?
    Und klar, wir haben sie modifiziert, es sind nicht die gleichen Dinge die ich mit meinen Kindern mache, so wie ich es seinerzeit erlebt habe.
    Und es schließt sich nicht aus, das man trotz Weihnachten auch an den Rest der Welt denkt und sich entsprechend verhält.

  • Nikas Meier sagt:

    Lustig. Im Wald feiern, lernen wie man ein Feuer macht, vielleicht braucht man es noch.
    Und vor ein paar Wochen gab es den Artikel, warum es hipp und cool ist, all dies nicht mehr können zu müssen weil es ja Handwerker usw. mehr gibt.

  • Tamar von Siebenthal sagt:

    Irgendwie eigenartig, dass in Klimadiskussionen man immer damit anfängt darüber zu sinieren, worauf den KINDER alles verzichten sollen. Als Erwachsene mit Vorbildfunktion sollte man besser mit gutem Beispiel vorangehen und selber verzichten: mit den ÖV zur Arbeit, nicht jede Saison neue Kleider und Schuhe, kochen lernen, damit man nebst Filet und Entrecote auch mit weniger edlem Fleisch etwas anfangen kann, keine jährlichen Flugreisen, Smartphones länger als ein Jahr benutzen ect

    • Nala sagt:

      ÖV zur Arbeit – yep
      nicht jede Saison neue Kleider/Schuhe – yep (vieles ist ü10 jährig *hüstel*)
      kochen lernen – yep
      nicht nur Filet und Entrecote – yep
      keine jährliche Flugreisen – uuuups
      Smartphone länger als 1 Jahr – yep

      Hmm, mir fehlt ein Kind, ich wäre ein gutes Vorbild. Aber meine Kinder sind schon erwachsen 🙁

      Ist auch immer witzig, dass alle meinen nur die Kinder sollen verzichten. Ja aber wer kauft denn überhaupt den Kindern all das Zeugs? Genau, wir Erwachsenen. Sollte sich jeder mal selber an der Nase nehmen.

      • maia sagt:

        Auf was verzichte ich denn, wenn ich mit dem ÖV zur Arbeit gehen, nicht nicht jede Saison neue Kleider Kaufe, selber Koche und neben dem Filet noch anderes Flisch esse, nicht jährlich Fliege usw. usf. – das alle tönt doch nach einem ganz normalen, stressfreiem und sehr bequemen Leben?????

  • Reincarnation of XY sagt:

    „Je höher das Komfortniveau, desto tiefer der Fall“
    Herrlich, herrlich. Da haben wir den Weihnachtstext. Diese alljährliche Besinnlichkeit. Ach diese Gefühle, so weihnachtlich.
    Die Wohlstandsverwöhnten sinnen tiefsinnig über ihren Wohlstand nach und verspüren eine zarte Sehnsucht nach einem Leben ohne Wohlstand, das sich irgendwie besser, christlicher und richtiger anfühlt. Es ist ergreifend. Alle Jahre wieder.

    Tipp: ganze Sache machen! 10 Jahre in einem Land ohne Wohlstand leben, wo es kaum Arbeit und deshalb auch kaum Konsum gibt, die Behörden und das Gesundheitswesen hochgradig korrupt ist. Wichtig: auf gleichem Niveau wie die Einheimischen leben! Damit man dieses „einfache Leben“ wirklich spürt.

  • Emil Meierhans sagt:

    „wegzupulen“, resp. pulen ist weder Züri- noch CH-deutsche Sprache. Es ist norddeutsche Sprache die sich im Blog-Artikel eingeschlichen hat. (Aufpassen! Die Xenophoben, mit Aversion zur PFZ wider natürlicher Zu-/Abwanderung sind schon auf der Lauer. Von Höcke bis Luzern-City 🙂
    Ansonsten, es ist halt ein CH-deutsches Tagesblatt, ist es lesenswert.

  • Olaf Ganz sagt:

    Wenn man den Unterschied zwischen Gewohnheit und Ritual nicht, sollte man nicht darüber schreiben. Konsumrausch und Kitsch frönen mit einem Ritual verwechseln ist mehr als peinlich.

  • Thomas sagt:

    Was Sie beschreiben, sind keine Rituale, sondern Traditionen. Was soll auch an den „I love my gift“ Geschenken anders sein als an einer Barbie? Hier scheint mir nur das Ziel zu sein, diese Website noch im Text erwähnt zu haben. Die Kinder in Spanien, die gerade am demonstrieren sind, haben dann trotzdem noch ihre Weihnachtstraditionen… Dem Text fehlt ein roter Faden und eine klare Aussage.

    • Reincarnation of XY sagt:

      Und wenn wir schon bei heiligen Demonstranten von Spanien sind: die trennen nicht einmal brav den Müll wie wir.
      Ich weiss, das weil ich Verwandte dort habe.
      „Müll trennen? Das mach ich, wenn sie mich dafür bezahlen.“ –
      Demonstrieren gegen „die da oben“. Ist natürlich was anderes.
      So ist das mit den Menschen, wenn man nicht ganz so wohlstandsverwöhnt ist. Da ist umweltbewusstsein schon auch vorhanden, aber eher theoretisch/gefühlsmässig. Praktisch will man einfach ein grösseres Stück vom Kuchen. Punkt.

      Hach, was red ich da. Im weihnachtlichen Geist sind doch stets die Reichen die Bösen und die Armen die Guten…. Das ist so wunderbar romantisch und löst bei uns so besinnliche Gefühle aus.

      • Rut sagt:

        ich habe in Spanien gewohnt und wir haben alle den Müll getrennt.. nur weil das anscheinend ihre Familie nicht macht, heisst das noch lange nicht das es alle nicht machen..

  • Brunhild Steiner sagt:

    „Gibt es unter diesen Bedingungen ein Grundrecht…“

    Hat es denn je ein Grundrecht auf sozial unverträglichen Konsumrausch, und dementsprechende Bedingungen gegeben?

    „Je höher das Komfortniveau, desto tiefer der Fall“, deswegen finde ich persönlich etwas vom Wichtigsten die „tieferen Niveaus“ immer im Blick zu behalten und unseren Kindern andere Lebensrealitäten, besonders auch Nöte, bewusst zu machen. Ob im eigenen Umfeld oder durch das Hilfswerk Ihres Vertrauens… .

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