Die Nacht gehört mir

Obwohl die Kinder schlafen und die Zeit der beruflichen Nachtschichten vorbei ist, findet unser Papablogger keine Ruhe.

Von Projekten bis Küche wischen: Manche Eltern suchen nachts nicht nur Schlaf. Foto: iStock

Was machen Sie eigentlich heute Nacht um 2.36 Uhr? Wenn Sie nicht gerade im Schichtdienst beschäftigt sind oder ein Baby zu versorgen haben, hoffe ich um Ihretwillen, dass Sie dann in Ihrem Bett liegen und wohlverdient schlafen. 2.36 Uhr ist dafür definitiv die richtige Zeit. Das ist selbst für «Wir machen heute mal länger» zu spät und für «Ich muss morgen unbedingt den Zug erwischen» zu früh. Dass man um diese Zeit schläft, sollte eigentlich selbsterklärend sein. Trotzdem weiss ich nicht, was ich in den nächsten Nächten um diese Zeit machen werde.

Sie werden es mitbekommen haben: Ich habe mich hier ja schon verschiedentlich und durchaus selbstmitleidig darüber ausgelassen, mit vier Kindern und Arbeit so ausgelastet zu sein, dass ich etliche Beschäftigungen in die Nacht verlegt habe. Kochen zum Beispiel. Sonntags um 22.30 Uhr werden Notfallsossen vorgekocht, weil ich unter der Woche nicht immer Zeit habe, Essen zu machen, oder einfach nicht genügend Vorräte im Haus sind. Oder eben Schreiben. Nach der besagten Sossenkocherei habe ich mir in den letzten Wochen meistens einen Kaffee gemacht und mich noch mal ein paar Stunden an die Arbeit gemacht. Der Grund dafür ist schnell erzählt: Ich habe ein Buch geschrieben.

Mein Gehirn hat keine Ahnung …

Irgendwann in mir mittlerweile sehr grauen Vorzeiten hatte ich mich mit dem Verlag auf einen ziemlich grosszügigen Abgabetermin verständigt. Allerdings waren in diesem Termin nur die üblichen Unwägbarkeiten wie Kinderkrankheiten, Läusepest und Laptopversagen mit einkalkuliert. Aber nicht, dass meine Lebenskomplizin in zwei Städten zwei neue Jobs beginnt und ich den Nachwuchs unter der Woche alleine bespasse. Auf einer Skala von 1 bis 10 war ich etwa 13,5 naiv. Also habe ich vor allem nachts geschrieben und mich am nächsten Morgen mit den Kleinen hochgequält, um Frühstück zu machen und sie in die Kita zu bringen. Das ging ein paar Monate so.

Und jetzt ist es vorbei. Buch fertig, Abgabetermin gehalten, und er schlief glücklich und zufrieden von 23 bis 6.45 Uhr. Leider ist das gar nicht so einfach. Und das liegt nicht an der Arbeit. Es gibt zwar immer noch genug zu tun, aber die Notwendigkeit, ständig Nachtschichten einzulegen, hat sich inzwischen erledigt. Jetzt müsste das nur noch jemand meinem Gehirn mitteilen. Das fragt sich nämlich Sonntagnacht, ob man hier nicht mal einen Kaffee bekommen könnte und was wir denn als Nächstes machen. Wie ein somnambules Irrlicht zickzacke ich von einer Aufgabe zum Gefühl, dass es ja wohl vollkommen bescheuert wäre, um 1.42 Uhr die Küche zu wischen, bis zur nächsten Aufgabe.

Nur ich, Kaffee und eine Deadline

Irgendwann zwischen zwei und drei fährt der Kopf sein Nachthorst-Programm herunter und schafft den Rest des Körpers
über das Bad ins Bett. Dabei könnte ich früher schlafen. Glücklicherweise leide ich nicht an Schlaflosigkeit. Ausserdem ist der Alltag mit den Kindern nach wie vor so intensiv, dass ich ohne Probleme aus dem Stand zu jeder beliebigen Tageszeit ein Nickerchen halten kann.

Ausser nachts halt. Da habe ich das Gefühl, dass wichtige Sachen anstehen. Eine Art Phantomdringlichkeit, wenn Sie so wollen. Ausserdem, und das erzähle ich Ihnen hier wirklich nur, weil wir unter uns sind, will ich die Nacht vermutlich nicht aufgeben, weil sie ganz allein mir gehört hat. Das klingt vielleicht merkwürdig, aber die Arbeitsnächte der vergangenen Wochen waren nur für mich. Niemand war da, keiner wollte ständig was, keine ewig lange Liste an Fremdbedürfnissen, die es abzuarbeiten gilt. Nur ich, Kaffee gegen die Müdigkeit und eine Deadline. Fast wie «Ein Mann und sein Auto kämpfen gegen das Unrecht». Nur nachts und ohne Hasselhofflocken.

Aber ich spinne schon wieder rum. Das muss anders werden. Über den Schauspieler Viggo Mortensen, der in der «Herr der Ringe»-Verfilmung den Aragorn gespielt hat, erzählt man sich, dass er nach dem dreimonatigen Nachtshoot zur Schlachtszene in Helms Klamm professionelle Hilfe benötigte, um wieder in der Realität des Tageslichts anzukommen. Ganz so schlimm wird es bei mir hoffentlich nicht. Einstweilen suche ich nach Möglichkeiten, auch bei Tageslicht nur für mich stattzufinden. Kleinigkeiten würden für den Anfang reichen.

Vielleicht verstecke ich mich ja ein paar Minuten in der Wäschekammer und summe 80er-Jahre-Fernsehserien-Titelmelodien gegen das Unrecht. Womöglich hilft es.

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24 Kommentare zu «Die Nacht gehört mir»

  • Anh Toàn sagt:

    Was lässt sich zwischen 2 und 3 Uhr morgens finden, ausser Schlaf? Allein sein, Rückzug von Allem auf sich selbst. Zeit für sich selbst ist, wenn die Welt um einen ruht. Und da man sonst zu wenig zeit für sich selbst hat, will man diese Ruhe bewusst erleben und nicht einfach nur Schlafen.

  • Anne Rüsing sagt:

    Lieber Herr Pickert
    so wie bei Ihnen geht das hier seit der Geburt der Kinder (14 und 11). Ich liebe die Nacht immer noch, allerdings fehlen mir fernsehlos Aufgewachsener die 80er-Jahre-Titelmelodien …
    Solidarische Grüsse aus der Provinz
    ar

  • Carolina sagt:

    Ich kann das sehr, sehr gut nachvollziehen, obwohl ich nie ein Buch geschrieben habe. In den nicht-guten Zeiten meines Lebens haben mich immer um genau diese Zeit, zwischen 2 und 3 Uhr nachts, meine Aengste und Befürchtungen heimgesucht. Einschlafen war bei mir kein Problem, aber zwei oder drei Stunden später ging es los mit dem Hin- und Herwerfen, dem Hirnen, den Wachträumen. Zu unterschiedlichen Zeiten halfen mir unterschiedliche Dinge, aber das Hilfreichste war von einem befreundeten Mediziner: Je mehr Du Dich auf das Schlafenmüssen konzentrierst, je kontrollierender Du bist, desto weniger wird er kommen. Wenn irgend möglich, mach etwas anderes, lesen, auf der Terrasse sitzen (ich schaue Fernsehen;-)), aber wirklich keinen Kaffee! Bei mir waren es immer Phasen.

  • tststs sagt:

    Sehen Sie’s mal so rum:
    Nächte voller Schlaf sind selten die erinnerungswürdigen.
    😉

  • Maike sagt:

    Sind wir hier eine Beratungsgruppe für Menschen, die aufgrund ihres – sekbstgewählten – Lebenswandel Schlafstörungen haben ? Sie wollten doch die vier Kinder oder ? Spätestens ab dem Zweiten hätten sie wissen müssen, das das Ihr Leben mit Nummer Drei und Vier nicht einfacher wird und die Kinder immer mehr von Ihrer Zeit beanspruchen werden.
    Da muss man dann mal gehörig über die Bücher gehen und sein Leben so gestalten, das alle Beteiligten gut damit klar kommen – inklusive einem selber.
    Die Kinder brauchen einen Vater der Zeit für sie hat und sich ihrer annehmen kann, und keinen ausgelaugten Typ, der auch noch da wohnt, wo sie sind !

    • tststs sagt:

      Nein, wir sind hier in einem Blog; dieser hier widmet sich dem Alltag rund um und mit Kindern.
      Wem dies zu banal oder zu jammerig ist, kann jederzeit wegklicken.
      Selbstverständlich darf man auch kommentieren; wohlwollend oder weniger wohlwollend.

    • Tamar von Siebenthal sagt:

      Und wo soll der „ausgelaugte Typ“ denn sonst wohnen, wenn nicht bei seiner Familie?

  • sara sagt:

    so ganz spontan fällt mir „mal eins kiffen“ ein
    gut, bei ihnen in ihrem zustand dürften es auch zwei sein

    • Vater2000 sagt:

      Joo…. habe 3 Kinder, zwischendurch mal Ein oder Zwei durchziehen bringt Entspannung und die Einsicht das gewisse Dinge mit Humor einfacher zu erleben sind.

  • 13 sagt:

    Das kann ich gut nachvollziehen.
    Die Zeit zwischen 2.00 und 3.00 Uhr morgens dient dazu, die Gedankengänge zu beenden für die man tagsüber keine Zeit hat. Und um den nächsten Tag zu planen und zu strukturieren, wenn dann alles laufen sollte. Um 3.30 Uhr überlegt man sich dann, ob es nicht doch sinnvoll wäre, gegen die Schlaflosigkeit etwas zu unternehmen und sich Hilfe zu holen. Aber bis man die zwischen 2.00 und 3.00 Uhr festgelegten Tasks abgearbeitet hat, ist dann wieder 22.00 Uhr und man hofft auf wenigstens etwas Schlaf. Mal davon abgesehen, erscheint ein weiterer Punkt auf der To do Liste eher beängstigend als hilfreich. Daher streicht man ihn wieder und vertagt den Gedankengang in die nächste Nacht.

  • Anya Meyer sagt:

    Gratulation zum Buch, jetzt aber runterfahren! Ich empfehle Schlafmeditation, es gibt gute Apps dazu. Auf Dauer macht einen Schlaflosigkeit naemlich kaputt, und das waere schade fuer die 4 Kinder! =)

  • Esther sagt:

    Hallo Niels : es ist DRINGEND dass Sie aufhören Kaffee zu trinken. Sogar Koffeinfreien. Mein ganzes Leben bis vor ein paar Monate schlief ich sehr schlecht, konnte nicht einschlafen. Ich nahm Schlaftabletten aber es half nicht mehr. Bis ich eines Tages hier in der BZ (Danke BZ !) ein Kommentar lies wo ein Mann sagte dass er eines Tages einfach mit dem Kaffee aufhörte, total. Und von diesem Tag an, schlief er ! Amselben Tag habe ich mit Nespresso aufgehört, total! Seither gehe ich früh schlafen gegen 21.30, lese eine halbe Stunde, und dann schlafe ich ein bis ca. 5 Uhr Morgens. In einem Zug. Der einzige Kaffee bleibt derjenige Morgens um 6 Uhr. Dann absolut keinen Kaffee oder Tee mehr. Probieren sie es !

  • Robert Hasler sagt:

    Probleme mit dem Schlafen sind heute ganz offensichtlich weitest verbreitet. Launig geschrieben, aber dünnes Eis auf dem man dem Burn-out entgegenwandelt, der meist ebenfalls erst dann ernst genommen wird, wenn man über dem Abgrund hängt.

  • Christine sagt:

    Als Mutter eines behinderten Kindes muss ich Ihnen sagen: das klingt gar nicht gut. Suchen Sie nach Entlastungsmöglichkeiten. Ansprüche runterfahren/ungrad grad sein lassen, Kinder mehr einspannen/mehr Verantwortung übertragen, Haushalthilfe einstellen, Freunde/Nachbarn/Verwandtschaft einspannen, täglich kleine Erholungsinseln schaffen (Bei Tag! Was tut Ihnen gut?), Entspannungshilfen/-methoden für den Abend finden, notfalls professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Das klingt erst mal alles unmöglich, ich weiss, muss auch nicht von heute auf morgen klappen. Aber machen Sie’s zum Thema/zur Priorität und bleiben Sie dran, in kleinen Schritten, denn der aktuelle Weg führt längerfristig zum Kollaps.

    • Christine sagt:

      Ach ja: auch mal Nein sagen oder Prinzipien über Bord werfen…

    • tststs sagt:

      Schon mal bedacht, dass für einige Menschen „darüber reden/bloggen“ die Therapieform der Wahl ist?

      • Christine sagt:

        Stimmt, Schreiben/darüber reden hilft auch (ich schreibe Tagebuch), aber ich glaube trotzdem, dass Herr Pickert seinen Alltag darüber hinaus weiter entlasten müsste. So aus der Ferne beurteilt.

      • Martin Frey sagt:

        So aus der Ferne beurteilt, würde ich mal meinen, dass NP sich selber, seine Ressourcen sowie die des familiären Systems einem Realitätscheck unterziehen sollte. Was nicht zuletzt auch dazu führen würde, mit der Lebenskomplizin Klartext zu reden.
        Aber ob das in ihrem Sinne ist, wissen die Götter.

      • tststs sagt:

        Hmmm, vllt lese ich den Text ganz falsch, aber ich lese hier nichts von „Kurz vor dem Abgrund“. Es ist ein simpler Alltagsbericht und ich sehe keine Stelle, an der sich der Autor einen anderen Alltag wünscht.

      • Christine sagt:

        Für mich klingt‘s ziemlich unvernünftig, vielleicht sogar verzweifelt. Es ist ja was anderes, als Student ein paar Wochen Nachtschicht zu schieben, wenn man nachher sein Schlafmanko wieder aufholen kann, aber Herr Pickert schreibt schon ziemlich lange und viel über seine Mehrfachbelastung und seinen Stress, und „Semesterferien“ sind da auch keine in Sicht…

      • Sportpapi sagt:

        @Martin Frey: Sehr richtig. Andererseits ist es klischeehaft typisch, dass ein Mann sich einfach die Aufgaben schultert, nach dem Motto: „Wir schaffen das!“ Nicht typisch ist hingegen die öffentliche Klage über die Überlastung…

      • Martin Frey sagt:

        @Sportpapi
        Das ist halt die Ambivalenz des postmodernen, feministischen Mannes. 😉 Aber wie man sich bettet, so liegt man.

  • Doris sagt:

    Zwischen 02.00 und 03.00 ist die beste Zeit, um aufs WC zu gehen, einen Schluck Wasser zu genehmigen und dann weiterhin schlaflos am Fenster in die dunkle Nacht hinauszuschauen, all die schwarzen Fenster in der Nachbarschaft zu betrachten und sich vorzustellen, dass alle andern ausser einem selbst tief schlafen. Irrtum! Man könnte sich zu einem Verbund zusammenschliessen, einander Zeichen geben, von schlaflos zu schlaflos, vielleicht mit einer Wunderkerze oder so.

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