Vom Dammriss meiner Schwiegermutter

Unser Papablogger erfährt nach der Geburt seines Sohnes etwas mehr, als ihm lieb ist.

Emotionaler Moment: Für Grossmütter steckt die Geburt des Enkels voller Erinnerungen. Foto: iStock

Meine Schwiegermutter ist eine liebenswürdige, herzliche, emotionale Frau. Allerdings mit einem Makel: Ist sie aufgeregt, versucht sie ihre Nervosität abzubauen, indem sie redet. Viel redet. Ausschweifend erzählt. Dabei springt sie von Thema zu Thema: Ihr Vater. Der Katholizismus. Die erste Wohnung. Die Geburt ihrer Töchter. Klar, Geburten sind etwas sehr Emotionales. Nicht nur für die werdende Mutter, sondern genauso für den Vater. Und die ganze weitere Familie. Und ganz speziell müssen sie sich auch für die Mutter der Gebärenden anfühlen. Welche Erinnerungen da aufkommen: Das eigene Kind – mein Kind – trägt ein Kind aus!

Tatsächlich zählte mein Telefongespräch mit der frischgebackenen Grossmutter und der Benachrichtigung, dass Tochter und Enkelin wohlauf sind, zu den bewegendsten Momenten innerhalb der Geburt meiner Tochter. Weil ich als empathischer Mensch ahnte, was in ihr in den vergangenen Stunden vorgegangen war. Danach weinten wir gemeinsam am Telefon. Ich wortlos und leise schluchzend. Meine Schwiegermutter, während sie etwas erzählte.

Live aus dem Muttermund

Bei der Geburt unseres zweiten Kindes war die Magie bereits nicht mehr ganz so gross wie bei der Premiere. Erstaunlich, wie rasch sich das abnützt. Trotzdem hielt ich auch dieses Mal die Familie per Whatsapp im Minutentakt auf dem Laufenden. Quasi in einem Geburten-Liveticker meldete ich die Fortschritte: «Muttermund ist jetzt 8 Zentimeter offen!!!» «Jetzt sind es schon 9!» und so weiter. Schwiegermama beantwortete jedes Update mit einem weinenden Emoji. Und ich glaubte ihr. Durch ihre Emotionalität ist sie sehr nahe am Wasser gebaut.

Unser Bub kam gesund auf die Welt. Beim Besuch im Spital war die Schwiegermutter verständlicherweise sehr aufgeregt – ja, gar etwas aufgekratzt. Ich hätte nichts dagegen gehabt, diese intimen Stunden in einem etwas stilleren Rahmen zu geniessen. Dazu muss ich sagen, dass ich eher zu den schweigsamen Menschen gehöre. Stille berührt mich nicht peinlich. Wahrscheinlich im Gegensatz zu meiner Schwiegermutter: In ihren Ausführungen hüpfte sie von ihrem Lieblingskinderlied zum Geburtsort ihres Onkels. Dabei liessen sich von mir weder Namen noch Orte ihrer Schilderungen in irgendeinen sinnvollen Zusammenhang bringen.

Von Dammrissen und sonstigen Nebenrisiken

In solchen Momenten fehlt meiner Schwiegermutter das Gespür, ob ihre Predigt das Gegenüber interessiert oder nicht. So kurz nach der nerventreibenden Geburt war ich aber definitiv zu schwach, um mich zu wehren. Auf ihren Mann als nützliches Korrektiv hoffte ich vergeblich. Gestählt aus 40 Jahren Zusammenleben, beamt er sich in Momenten der starken Aufregung der Liebe seines Lebens offensichtlich ganz einfach an einen völlig anderen Ort. Möglicherweise ein idyllisches Plätzchen im Wald, wo nur das Zwitschern ein paar exotischer Vögel die angenehme Waldesruh stört – mein Schwiegervater ist Ornithologe.

Zugegeben: Wahrscheinlich war es ich selbst, der ihr den todsicheren Steilpass gab. Ich schilderte nämlich den gut gemeinten Tipp eines erfahrenen Vaterkollegen zur Geburtsvorbereitung: Auf keinen Fall sollte ich während der entscheidenden Phase «dort unten» reinschauen. Zu verstörend könnten die Bilder sein, die sich in diesen zum Zerreissen gespannten Sekunden in die Erinnerung einbrennen.

Nun kennt meine Schwiegermutter auch beim Thema Sexualität wenig Berührungsängste. Zu den blutigen Nebenrisiken von Spontangeburten hatte sie ihre eigene Meinung: «Gell, ich hatte damals ja einen Dammriss. Der ist aber wieder zusammengewachsen. Und später hat mir mein Arzt da unten alles wieder tipptopp gerichtet und schön gemacht. Wir wollten ja auch noch ein bisschen Spass haben!» Um auf Nummer sicher zu gehen, fügte sie noch an: «Gell, du weisst schon, was ich meine?» Dabei kniff sie mir verschwörerisch den Ellbogen in die Seite.

Der Autor wurde kürzlich zum zweiten Mal Vater und schreibt diesen Beitrag aus Rücksicht auf die Gefühle seiner Schwiegermutter anonym.

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