Bloss nicht auffallen, liebe Eltern!

Unsere Autorin wundert sich darüber, dass stillende Mütter und wickelnde Eltern noch immer für derart Unmut sorgen.

Peinlich? Ja, peinlich, dass wir diesen Anblick noch immer viel zu oft anprangern. Foto: Getty Images

Im Sommer 2007 wurde eine stillende Frau aus der Zürcher Lakeside-Lounge komplimentiert. Kurz zuvor war ich zum ersten Mal Mutter geworden, stand also selbst täglich vor der Frage: Stille ich hier, da oder dort und bewege ich mich dann noch innerhalb sozialer Normen oder bewege ich mich bereits auf ein «unziemliches» Abseits zu?

So verfolgte ich den Lakeside-Rauswurf und das anschliessende Protest-Stillen in den Medien interessiert. Und auch ein bisschen empört – als Neumutter, die nun genau wusste, wie undankbar es ist, sich zwischen bösen Blicken wegen eines schreienden Säuglings oder eines teilentblössten Busens zu entscheiden.

Kein Zerfall der Zivilisation

Die Lakeside-Geschichte war nur mein Einstand ins Thema. Vielleicht war es derselbe wundersame Mechanismus, der einen als Schwangere plötzlich die vielen anderen Schwangeren wahrnehmen lässt. Oder die Debatte nahm tatsächlich erst Fahrt auf. Jedenfalls stiess ich ab sofort – und bis heute – immer wieder auf Meldungen über Stillende, die aus Restaurants, aus Bussen, aus Flugzeugen, aus Gerichten und sogar aus Parlamenten geworfen worden waren. Ein Kommentar nach dem anderen verhandelte Benimmregeln rund ums Thema. Und es gab Titel wie «Die neueste Unsitte: Stillen in der Öffentlichkeit» oder, aktueller, «Seht her, ich bin Mutter, ich kann machen, was ich will!» Auch Repliken liessen meist nicht lange auf sich warten (wie z. B. «Lasst euch nicht unterkriegen, ihr stillenden Mütter!»), genauso wenig wie Still-Mobs oder Hashtags wie #normalizebreastfeeding oder #brelfie. Vor wenigen Jahren war das Thema gar bei Papst Franziskus angekommen, der Mütter zum Stillen in der Sixtinischen Kapelle einlud. Prost und Amen.

Natürlich sind die Diskussionen nötig und wichtig: Da werden gesellschaftliche Normen debattiert und verhandelt. Trotzdem wünschte ich mir, sie wären nun langsam definiert, Frauen grundsätzlich sichtbarer und somit auch öffentlich stillende Frauen zur Normalität geworden. Und nein, ich habe nichts gegen Diskretion, aber ehrlich: Keine der Stillszenen, die ich je beobachten konnte – und es sind nicht mal besonders viele –, schien mir dergestalt, dass man den Zerfall der Zivilisation befürchten müsste. Jedenfalls verspüre ich bei jedem neuen Beitrag darüber, dass diese oder jene Stillende «nun wirklich… ihhh…», das wachsende Bedürfnis, den Indignierten zuzuraunen: «Alles ist guuut, let’s move on!»

Wickeln, das neue Stillen?

Tatsächlich schien es mir wie ein «move» in eine neue Richtung, als vor einigen Wochen eine im Zug wickelnde Mutter – inkl. Leserfoto (man stelle es sich vor) – News-Konsumentinnen und -Konsumenten bewegte. Doch ein Windelwechsel als Anlass für einen Themenwechsel? Riecht erst mal nicht nach Morgenluft, auch nicht im übertragenen Sinn. Jedenfalls nicht, wenn das «mom shaming» damit bloss in eine zweite Runde geht. Zudem gehört Stillen und Wickeln nicht in den gleichen Topf. Das eine ist Nahrungsaufnahme, das andere -ausscheidung. Vor allem für Letztere gibt es meist klar definierte Orte und auch Normen.

Allerdings hat jede Zug fahrende Familie schon am Hinterteil des eigenen Säuglings erfahren, dass es tatsächlich Kompositionen ohne Wickeltisch gibt. Oder die Wickeltisch-Toilette sieben holprig fahrende Waggons mit schlecht öffnenden Verbindungstüren weiter vorn ist. Oder wegen Defekts geschlossen. Und auch so manches Restaurant, Kaufhaus und nicht zuletzt Herren-WC brilliert nicht mit Wickeltisch-Architektur. Ich erinnere mich gut an Vorrichtungen, mit denen man perfekt Charlie Chaplins Schrankbettszene hätte nachstellen können.

Noch lebendiger haften nur, eben, die Bilder mit gänzlich fehlender Infrastruktur in meinem Kopf. Wenn also Berichte über Eltern, die an (vielleicht) unpassenden Orten wickeln, nicht anprangern, sondern zu Fragen führen, warum es keine besseren Möglichkeiten gibt: doch doch, dann gern! Und umso lieber, wenn sie Verbesserungen anregen. Bei den SBB beispielsweise arbeitet man am Problem der fehlenden Wickelplätze, wie Sprecher Christian Ginsig in einem Interview mit der «Schweizer Illustrierten» sagte.

Steril vs. existenziell

Ob es nun ums Stillen oder ums Wickeln geht, in all den Artikeln schwingt unterschwellig auch die grundsätzliche Frage mit: Welchen Platz wollen wir der Familie in der Gesellschaft einräumen? Dürfen Kinder unterwegs also zum Beispiel nur Szenen sterilen Lächelns bieten? Oder kann auch mal was Existenzielles durchblitzen, wie Hunger (und manchmal ein Quadratzentimeterchen Busen) oder Geruch? Und: Gibt es für die Tilgung der uneleganteren Duftnoten des Familienlebens auch unterwegs geeignete Plätze – die im besseren Fall auch sinnvoll erreich- und gefahrlos benutzbar sind?

Anders ausgedrückt: Gehört Familie selbstverständlich dazu, auch im Zug, im Restaurant, im Park, im Kaufhaus? Oder darf sie an öffentlichen Orten nur am Rande vegetieren? Schön wärs, wenn Debatten vermehrt auf dieser Ebene stattfänden. Noch schöner, wenn sie dazu führen, dass Dinge leichter werden und der Druck sinkt, der auf Eltern und Kindern unterwegs lastet: bloss nicht aufzufallen.

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