Rassismus im Kindergarten

Oder: Warum das Leben in der Siedlung unserer Autorin vielleicht doch nicht wie in Bullerbü ist.

«Hau ab, du schwarzer Mann!»: Schon Kindergartenkinder können ganz schön fies sein. Foto: iStock

«Mama, wieso müssen dunkle Menschen eigentlich eine Prüfung machen, wenn sie in der Schweiz leben wollen?», platzte es nur wenige Tage nach seinem Eintritt in den Kindergarten aus meinem Sohn heraus. Dies habe ihm nämlich ein Freund aus dem Kindergarten erzählt. Ich war gerade dabei, Safranrisotto und grüne Bohnen fürs Mittagessen zu schöpfen, und für einen Augenblick blieb mir die Luft weg. «Und neulich auf der Fussballwiese hat zu ihm ein Mitspieler: ‹Hau ab, du schwarzer Mann› gesagt», doppelte seine Schwester nach. Ich war sprachlos – vor Wut. Völlig irrationaler, rasender, jegliche Logik ausblendender Wut. Ein Löwen-Mama-Moment – wurde mein Sohn tatsächlich dumm angemacht, und zwar wegen seiner Hautfarbe? Im Jahr 2019?

Mein Sohn gleicht seinem «Grosspapi», der bis zu seinem Tod auf einer winzigen Insel in der Karibik lebte, bis aufs Haar: Er hat haselnussfarbene, grosse Kulleraugen, schwarzes lockiges Haar und dunkelbraune Haut. Nur die Dreadlocks fehlen. Er gleicht weder dem blonden, blauäugigen «Grossmami» aus dem Muotatal noch seiner halb afroamerikanischen, halb vietnamesischen Oma, und von Opa aus dem Toggenburg hat er lediglich den überdimensional grossen Zeh vererbt bekommen. Das mittlerweile ein wenig überstrapazierte Wort «multikulti» trifft im Fall meiner Familie und der meines Mannes also offensichtlich ziemlich gut zu.

Biotomaten, nachhaltig produzierte Kleidchen und Rassismus?

Was also tun? Einem ersten Impuls folgend bei den Jungs zu Hause an die Tür klopfen und deren Eltern – die ich eigentlich immer sehr sympathisch fand – fragen, weshalb sie ihre Söhne zu kleinen Rassisten und nicht zu Menschen erziehen, für die Hautfarbe keine Rolle spielt? Sie darum bitten, wenn Migration beziehungsweise Einbürgerungsverfahren thematisiert werden, dann doch bitte so, dass mein Sohn, für den «Zuhause» die Toggenburger Berge, der Zürichsee und sein Lieblingsplatz im nahe gelegenen Wald bedeutet, der keinen Bezug zu seinen «schwarzen» Wurzeln hat – weil all jene, die ihm diesen hätten vermitteln können, schon vor langer Zeit verstorben sind –, am Ende nicht gesagt bekommt, er hätte aufgrund seiner Hautfarbe kein Recht, hier zu leben? Ihnen meine Besorgnis über den aktuellen Siegeszug rechtspopulistischer Parteien in Europa mitzuteilen? Und dass ich aufgrund der – auch hierzulande – sinkenden Hemmschwelle, fremdenfeindliche Parolen zu schwingen, noch weniger bereit bin, die Aussagen ihrer Söhne zu tolerieren?

Ihnen meine Furcht gestehen, dass mein Sohn dieselben Erfahrungen wie meine Mutter machen muss, der man hierzulande in den Siebzigerjahren «Neger, Neger» nachgerufen hat? Und dass dies – sollte es wider Erwarten eintreffen – bedeuten würde, dass wir in der Schweiz während 50 Jahren offenbar keinen Schritt vorangekommen sind? Mein Bedauern ausdrücken, dass das Leben in unserer Siedlung mitten in der Stadt – in der die Mädchen im Sommer alle nachhaltig produzierte pastellfarbene Baumwollkleidchen tragen, wo zwischen den Häusern selbst angepflanzte Biotomaten und Auberginen wachsen und man sich auf der Strasse grüsst, wo jeder jeden kennt – offenbar doch nicht so «Bullerbü-like» perfekt ist, wie wir es uns alle wünschen?

Die Wut in meinem Bauch

Mein Sohn wartete noch immer auf seinen Teller Risotto – und auf eine Antwort. Also hiess es: Kopfkino ausschalten, die Wut in meinem Bauch, nicht aber in meinem Kopf weiterbrodeln lassen. Ich nahm ihn fest in den Arm, erklärte ihm, dass er keine Angst vor einer Prüfung zu haben braucht. Stellte klar, dass die Farbe der Haut absolut keine Rolle spielt. Keine Rolle spielen darf. Erzählte ihm von der brasilianischen Künstlerin Angelica Dass, die sich nach einer Welt sehnt, in der alle Hautfarben gleich wichtig beziehungsweise gleich unwichtig sind. Die es sich mit ihrem Fotoprojekt «Humanea» zum Ziel genommen hat, jede existierende Hautfarbe abzulichten, um am Ende quasi ein Familienporträt der Welt zu erschaffen.

Ich liess ihn wissen, dass wir für ihn da sind und er sich uns immer anvertrauen kann. Am Ende konnten wir sogar ein wenig zusammen lachen, und er verabschiedete sich daraufhin wieder nach draussen, zum Fussballspielen.

Die Welt war für ihn – zumindest für den Moment – wieder in Ordnung. In mir brodelte die Wut, kaum war er weg, jedoch weiter. Ich tat, was ich in solchen Situationen seit Jahren zu tun pflege: Ich wartete auf den Abend – und schlief die Wut einfach weg. «Morgen ist alles nicht mehr so schlimm» ist zwar ein abgedroschenes Sprichwort, für mich und mein hitziges Gemüt deshalb aber nicht weniger wahr.

A***-Kinder? Nein, Kinder …

Ausgeschlafen und nach Gesprächen mit meinem Mann und guten Freunden kam sodann die Erkenntnis: Kinder sind Kinder. Kinder können fies sein. So richtig. Und sie wissen, wo es wehtut. Am Ende spielt es keine Rolle, ob man ein speckiges Bäuchlein, schiefe Zähne, eine grosse Nase, eine Zahnlücke, einen ungewohnten Nachnamen oder eben dunkle Haut hat: Kinder haben diesen ausgefeilten, einzigartigen Sensor und damit die fragwürdige Gabe, stets den einen wunden Punkt zu treffen.

Und auch wenn man nach einem solchen Vorfall am liebsten laut «Ihr A***-Kinder!» schreien möchte, hilft das weder einem selbst, seinem Kind noch dem jeweiligen «A***-Kind» wirklich weiter. Wichtig ist am Ende nur – das finde zumindest ich – in solchen Momenten Halt und eine sichere Basis zu bieten, aus denen jenes Selbstvertrauen geschöpft werden kann, künftig mit ähnlichen Situationen umgehen zu können.

Ein paar Tage später bestätigte sich dann meine Theorie: Ich wartete vor der grossen Turnhalle auf meinen Sohn. Ein paar hibbelige Erstklässler in Turnschuhen, kurzen Polyester-Hosen und Fussballtrikots wuselten um mich herum. «Kennst du Rafael?», fragte ein Kind sein Gegenüber. Dieses antwortete hämisch grinsend: «Ja, der ist meeeeegaaaaa fett.»

Weitere interessante Postings: