Aktenzeichen Babyname

Unsere Autorin findet die Geheimnistuerei um Babynamen lächerlich. Denn gelästert wird sowieso.
«Ach, kommt schon, wenigstens ein Tipp?!» In der Schweiz sind Namen von Ungeborenen streng geheim. Foto: iStock

«Wenigstens ein Tipp?!» In der Schweiz sind Namen von Ungeborenen streng geheim. Foto: iStock

Ich weiss, dass sie Blähungen hat. Ich weiss, dass das Baby meist gegen Abend tritt und manchmal Schluckauf hat. Ich weiss, dass ihr Mann und sie es, wenn überhaupt, nur noch Doggy Style tun, weil der Bauch im Weg ist. Ich weiss, in welcher veganen Farbe das Babyzimmer gestrichen wurde, wie das Baby ungefähr aussehen wird und dass es bereits Haare hat – schliesslich habe ich noch aus der Arztpraxis Ultraschallbilder geschickt bekommen. Nur eins, das weiss ich nicht: seinen Vornamen. Mein Gott, ich kenne nicht mal den Anfangsbuchstaben!

Mit teilweise verstörenden Details aus dem Schwangerschaftsverlauf wird man von Paaren in Erwartung nicht mal beim Brunch verschont, aber wenn es um die Namensgebung geht, da wird geschwiegen, als hüte man den Da-Vinci-Code. Die werdenden Eltern schauen sich meist verschwörerisch an, kichern und haben sichtlich Spass an der Geheimniskrämerei («oops, eben wäre es mir fast rausgerutscht!»). Und ich? Ich bin nur noch genervt. Meist artet der Brunch in ein pseudo-spassiges «Ach, kommt schon, wenigstens ein Tipp!»-Pingpong aus, bis ich irgendwann passiv-aggressiv Namen wie Adolf oder Kim Jong-un rate. Aber die Eltern schweigen eiserner als russische Prostituierte über Donald Trumps Nacht in Moskau. Es könnte ja schliesslich morgen in der Zeitung stehen: «Barbara und Freddie taufen ihr Kind Stefan!» Schocker!

Letztlich heissen ja doch alle Leon oder Emma

Es tut mir leid, ich verstehe diesen Brauch einfach nicht. Und jedes Mal, wenn ich nachfrage, bekomme ich ungenügende Antworten. «Wir wollen halt nicht, dass jemand den Namen doof findet.» Leute! Es wird immer jemanden geben, dem der Name eures Babys nicht gefällt. Ist das Grund genug, ihn – immerhin zeitintensiv und liebevoll ausgesucht – über den Haufen zu werfen? Wenn jemandem Chantal nicht gefällt, weil es – nun ja – irgendwie prollig klingt, nennt ihr das Baby dann Maria? Oder habt ihr etwa Angst, dass man euren wahnsinnig originellen Namen klauen könnte? Eine Freundin erklärte mir, dass sie fürchte, dass jemand vielleicht einen pädophilen Onkel mit gleichem Namen wie dem, den sie für ihr Kind vorgesehen hatte, haben könnte. Gut, das wäre natürlich blöd. Andererseits würde man doch ein Paar, das sich auf sein Baby freut, eher nicht mit dem pädophilen Onkel konfrontieren, oder? 

Ich kann mir nicht helfen, aber das Geheimnis um die Namensgebung erinnert mich immer ein wenig an Royals oder Hollywoodstars. Da schliessen die Untertanen Monate vor der Geburt Wetten ab, ob der Thronfolger nun Alexander oder George heissen wird. Aber am linken Zürichseeufer? Muss man da wirklich so ein Ding draus machen? Für einmal Gwyneth Paltrow sein? Die hat ihre Kinder ja wenigstens Apple und Moses genannt. Wenn so etwas Spektakuläres dabei herauskommen würde, könnte ich die Dramatik ja noch verstehen, aber hier heissen am Ende ja doch alle immer Leon oder Emma. Dafür muss ich nun wirklich nicht neun Monate Ratespiel ertragen. Ganz davon zu schweigen, dass ich unter solchen Umständen die Babygeschenke nicht mit hübsch bestickten Initialen versehen kann. 

Ein «Was könnten die Nachbarn denken»-Problem?

Ich glaube, es handelt sich um ein Schweizer Problem. Zumindest ist mir diese Geheimnistuerei vornehmlich hier untergekommen. In den USA haben jedenfalls bereits Spermien Namen. Ist es, weil wir Schweizer es immer möglichst allen recht machen wollen? Ein klassisches «Was könnten die Nachbarn denken»-Problem? Das einzige Argument, das ich halbwegs gelten lassen kann, ist der Aberglaube. Die Angst, dass es Unglück bringen könnte, wenn man dieses halb fertige Persönchen schon öffentlich mit Namen anspricht, kommt wohl noch aus einer Zeit, in der eine Geburt ohne Komplikationen alles andere als eine Selbstverständlichkeit war. Andererseits müsste es dann doch auch Unglück bringen, fröhlich Fotos direkt aus der Gebärmutter zu verschicken oder sogar zu posten.

Menschen werden immer über Babynamen lästern, die Augen verdrehen oder irgendeine nicht willkommene Assoziation äussern. («So hiess meine fettleibige Nachbarin, die nie einen Mann abgekriegt hat!»). Verkündet man den Namen bereits vor der Geburt, besteht nur eine höhere Chance, dass man sie uns auch ins Gesicht sagt. Aber das haben wir Schweizer ja nicht so gerne.

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