Die Angst vor dem Hüttenkoller

Diese Unordnung! Dieser Lärm! Wenn die dunklen Herbsttage Einzug halten, wird es wieder ganz schön eng zu Hause.
asasas

Ein typischer Indoortag: Bleibt die Familie in den eigenen vier Wänden, wirds laut. Foto: iStock

Mit jedem Tag zieht die Natur dichteren Nebel und kälteren Regen über uns. Wir Warmduscher ziehen uns in unsere wohltemperierten Häuser zurück, wo wir für die nächsten Monate wieder zusammengepfercht aufeinanderhocken werden.

Wie jedes Jahr begleitet ein Schock den Wechsel von weit zu eng. Hat unsere Familie die letzten Monate doch hauptsächlich draussen verbracht, was jedem Einzelnen von uns, Raum, Zeit und Freiheit schenkte. Doch nun schrumpfen die Systeme, die sich zuvor auf die Strasse, die Nachbarn und die Natur ausgedehnt hatten, wieder auf die Grösse eines Einzellers und werden in die Form viereckiger Räume gepresst.

Alle zwanzig Minuten Streit

«Jetzt hört endlich auf zu streiten, das ist ja nicht zum Aushalten!», brüllte ich bereits am ersten Indoortag nach zwei Stunden ins Wohnzimmer, das aussah, als wäre ein Orkan durchgefegt. Natürlich trug das kein bisschen zur Beruhigung bei, es half mir aber dabei, den «Schockus-Schrumpf-Autumnus» zu diagnostizieren. Diese Unordnung! All die überquellenden Regale, die längst ausgemistet hätten werden sollen und deren Existenz sich jetzt nicht länger verdrängen lässt, eine wahre Zumutung. Und dann dieser Lärm!

Studien besagen ja, dass sich Geschwister im Schnitt alle zwanzig Minuten fetzen. Alle! Zwanzig! Minuten! Ein Geschrei, als ginge es um Leben und Tod, und das in einem geschlossenen Raum – das verstösst eindeutig gegen die Mutterrechte! Ich finde es ja wirklich wichtig, dass Kinder lernen, Konflikte zu lösen. Aber mein Nervensystem interessiert sich nicht die Bohne für die Befindlichkeit anderer Menschen. Auch nicht für jene meiner Kinder. Sein Wohlwollen gilt einzig mir. Vorbildlich schlägt es Alarm, sobald die Reize von aussen zu viel werden. «Muddi, das reicht nun für dich. Leg die Füsse hoch!», sagt es mir mit eindeutigen Signalen, wenn es zu viel wird. Ahnung vom mütterlichen Dasein hat es nun wirklich nicht. Füsse hochlegen: wie zynisch!

Selbstverständlich streiten sich meine Kinder auch im Sommer. Doch wenn sie sich auf der Strasse auf die Kappe geben, ist ihnen der Weg dann meist doch zu weit, um zu Mama zu rennen und zu tädderlen, was X eben Schreckliches mit ihnen angestellt hat, und sie finden dann meist selber eine Lösung. Sie kommen erst angekrochen, wenn der Hunger plagt, wenn sie eine Umarmung brauchen oder Blut in Strömen fliesst.

Immer diese wechselnden Emotionen

Doch in der plötzlichen Enge der vier Wände bekommt man wieder jeden Gefühlsausbruch, jede Laune der Kinder mit. Die ungemütliche Lautstärke macht es den Erwachsenen schwer, nicht darauf zu reagieren. Die Kinder wiederum sehen die verlockende Verfügbarkeit einer polizeilichen Instanz vor ihren Augen glänzen, die doch bitte schauen soll, dass ES, und zwar nur ES, zu seinen Rechten kommt.

Irgendjemand Kluges hat einmal gesagt, das Anstrengendste am Elternsein sei, sich ständig auf die wechselnden Emotionen von Kindern einzustellen. Trifft die Sache sehr genau, finde ich. Genau diese Herausforderung soll auch massgebend an Erschöpfungszuständen von Müttern beteiligt sein.

Um dem entgegenzuwirken, schlage ich deshalb vor, dass wir per sofort eine grosse Glaskuppel über unsere Stadt legen, damit der Radius auch während der kalten Jahreszeit weit bleibt, uns grössere Systeme zur Verfügung stellt und der eigentliche Zauber des Herbstbeginns nicht vom überreizten Kleinfamilienschock überlagert wird. Vorschläge zur Realisierung bitte auf dem Dienstweg an die zuständige Amtsstelle. Danke.

28 Kommentare zu «Die Angst vor dem Hüttenkoller»

  • MaBu sagt:

    Wunderbarer Artikel, genauso geht es mir auch! Voll ins Schwarze getroffen. Diese Enge nach dem Sommer in den eigenen vier Wänden, diese direkte Präsenz und Nähe zu allen Konflikten und Streitereien. Anstrengend – alles, was ich im Leben als nicht unerfolgreiche Lehrerin gelernt habe und lebe, funktioniert mit den eigenen Töchtern (die sich abgöttisch lieben, aber eben dann auch heftigst zoffen können) nicht.
    Und an all die wunderbaren, familienharmonischen Menschen, die bei jedem Wetter rausgehen bzw. denken „es müssen halt einfach Regeln her“ und man solle das Familienleben nicht immer so schlecht reden, mein Statement: Ja, Familie zu haben ist das beste, das pralle Leben sozusagen! Aber wo die besten Emotionen möglich sind, können eben auch die schwierigsten vorkommen

  • Martina sagt:

    Irgendwie scheint niemand hier den Stil der Autorin zu verstehen. Natürlich ist das überspitzt formuliert, dafür ist es abwechslungsreich und sehr lustig zu lesen. Ich glaube, das sollte das Ziel von einem Blog sein. Frau Sommer, mich unterhalten Ihre Artikel, vielen Dank!

  • Tamar von Siebenthal sagt:

    Warum muss der Alltag mit Kindern wieder einmal so negativ dargestellt werden? Als ob Kinder eine Strafe wären. Klar ist es überspitzt formuliert, aber warum kann man nicht schreiben, wie bereichernd der Alltag mit Kinder ist, anstatt die eigenen Kinder mit einem solchen Beitrag zu beschämen?

    Was die angebliche Studie angeht, dass Geschwister alle 20 Min streiten: meine Kinder haben die ersten 10 Jahre im Leben meines Jüngsten NIE gestritten und auch später nur moderat und DAS empfinde ich als normal.

    Meine ehemalige Schwester hingegen hat mich vom ersten Tag an mit ihrem Hass verfolgt, bis ich den Kontakt abgebrochen habe.

    • Tamar von Siebenthal sagt:

      Teil 2

      Mit meinem Ex gab es ebenfalls täglich Streit und mir wurde eingeredet, dass dies normal ist und „dazu gehört“. Jedenfalls brauche ich das nicht mehr und lebe mit meinem jetztigen Mann und meinen Kindern in Harmonie und ehrlich gesagt ist es DAS, was ich als normal empfinde.

      • Peter S. Grat sagt:

        So wie Sie hier bisweilen austeilen, getraut sich whs niemand Ihrer Familie Ihnen zu widersprechen.

        Als Harmonie würde ich das jetzt nicht bezeichnen.

      • Tamar von Siebenthal sagt:

        @ Peter S. Grat

        Danke für den Lacher am Morgen.

        Stimmt, nachdem ich mir über Jahrzehnte alles habe gefallen lassen, habe ich angefangen mich zu wehren und zwar immer ums Zehnfache. Bekomme ich eine Hand ins Gesicht, gibts die Faust retour, aber keine Angst: von meinem jetztigen Mann bekomme ich keine Ohrfeigen, also brauche ich auch meine Faust nicht und meine Kinder sind eh schon immer die Besten gewesen.

        Nur weil in Ihrer „Familie“ Unfrieden herrscht, müssen Sie Ihre eigene Umzufriedenheit nicht auf mich implantieren.

        Tip falls Sie es nicht mehr aushalten: Partner entsorgen hilft, sofern Sie nicht zu feige dazu sind…. Ansonsten leiden Sie weiter, aber belästigen Sie mich nicht damit.

      • Peter S. Grat sagt:

        Meine Familie ist perfekt, in dem Sinne dass wir alle auch mal unperfekt sein dürfen.

        Sie scheinen von einem extrem ins andere gelangt sein – von der schieren Katastrophe zu himmlischen Verhältnissen. Was selten der Realität entspricht, wie auch immer – man kann sich auch immer alles schön reden.

        Zudem: hier ist ein Diskussionsforum- wenn Sie es nicht aushalten, dass auf Ihre Beiträge geantwortet wird sollten Sie sich vielleicht hier nicht äussern? Und versuchen Sie doch mal, auf Beleidigung zu verzichten.

  • Maria sagt:

    Glaskuppel finde ich super :-D.
    Bis dahin gilt der Satz: Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung.
    Und raus mit dem Kind 🙂 Sonst würde mein Nervensystem auch regelmässig überreizt sein. Und da kommt mir der Satz in den Sinn: Ausgeglichene Eltern, ausgeglichene Kinder. Und ich bin sehr ausgeglichen, wenn mein Kind von draussen ausgepowert, glücklich und dreckig abends nach dem Essen kräht.

    • Enrico sagt:

      @maria
      Und dreckig abends nach dem…..
      Ja Maria, wie wahr !!
      Nur werden die modernen Frauen Sie für diese Aussage „erschließen „.
      Und wer macht dann wieder alles sauber? ÄÄhhh? Ahhh, wir Frauen!
      Ich als Mann habe einfach die Waschmaschine geöffnet, ALLE Kleider rein, 30 Grad, die Schuhe mit der Bürste vom gröbsten Dreck gereinigt, Herdplatte an, Radio an, Innerlich gereinigt mit Blick durchs Fenster gekocht während die Kinder unter der Dusche „spielten“.

      • Maria sagt:

        Ach, ich halte mich eigentlich für recht modern. Und viele Eltern aus meinem Umfeld machen das ähnlich wie ich. Dreckige Kinder strapzieren mein Nervenkostüm um einiges weniger als unausgeglichene. Bei unausgeglichenen Kindern würde ich mir aber wahrscheinlich selber die Kugel geben 😀 …

  • Pretty Belinda sagt:

    Ich könnte solche (womöglich hier vielleicht etwas überspitzt geschilderte) Situationen niemals akzeptieren und würde meinen Kindern – sofern ich denn welche hätte – klare und unmissverständliche Regeln setzen. Und man entgegne mir jetzt bitte nicht, ich könne hier gar nicht mitreden, da ich ja keine hätte. Nein, habe ich nicht und habe ihnen auch noch keine einzige Sekunde nachgetrauert, aber wäre es anders, würde ich ganz einfach meinen gesunden Menschenverstand anwenden und ganz bestimmt nicht zulassen, dass der Nachwuchs ständig meine Nerven ramponiert und mich regelmässig zum Affen macht. Dieser Überzeugung ist übrigens auch mein Mann , der sich kategorisch und mit allem Nachdruck verbitten würde, sich von Unmündigen kujonieren zu lassen.

  • Hannah Gwüst sagt:

    Statt einer grossen Glaskuppel, kann man trotz Kälte und Regen gelegentlich raus – und muss halt auch mit. Sind die Kids grösser und weniger leicht zu motivieren, dann hilft immer noch gute Planung.
    Ich sammle über das ganze Jahr Ideen für Basteleien, und wenns Herbst wird, freuen wir uns alle auf die gemeinsame Zeit. Klar – nicht ständig will man neue Tischspiele machen – die Kids sollen ja auch alleine spielen können. Aber ein Youtube-Video (oder ticktock) mit einer tollen Bastelanleitung / Tricks für effektivolle Zeichnungen ist schnell ein stundenfüllender Erfolg. Geht ihn die Ludothek, leiht Material – lasst kochen und backen – geht ins Figurentheater – ich liebe den Herbst!

    • Sara sagt:

      Tönt sehr schön. Und natürlich bin ich neidisch, dass es bei uns nicht so harmonisch zu und her geht.
      Aber ich wette, sie haben nicht drei Jungs zu Hause, sonder eher Mädchen (zumindest das älteste Kind).
      Figurentheater, zeichnen und wahrscheinlich noch salzteigen… keine Chance. Ich will definitiv auch die Glaskuppel 🙂

      • Hannah Gwüst sagt:

        …nein, ich habe einen schon recht grossen Jungen und ein kleineres Mädchen. Und der Junge kann sich auch mit Tiktok-Anleitungen, gutem Bastelmaterial und grossflächigem Papier (A2) einen ganzen Tag beschäftigen. Obwohl er ein „richtiger“ Junge ist und 4x die Woche Sport trainiert. Und Fortnite liebt… Man muss Material, Platz und Putzmittel haben. Und akzeptieren, dass dann keine Aquarellzeichnung entsteht sondern irgendwas mit schrecklichen Augen, viel Schwarz und einer Grösse, dass man es irgendwann diskret entsorgen muss…
        Und Figurentheater ist ein prima Einstieg in kulturelle Veranstaltungen. In eine Oper kann man keine Kind zerren, wenn es nicht irgendwann dahin geführt wurde. Echt, Herbst ist herrlich.

  • Lisa sagt:

    Irgendwie verstehe ich den Artikel nicht. Auch im Sommer ist man doch nicht ausschliesslich draussen, und im Winter auch nicht immer drinnen. Dass wir mehrere Jahreszeiten haben ist nun auch nix Neues. Und die „Regeln“ zuhause (ob definiert oder unausgesprochen) gelten ja das ganze Jahr über, so im Grundsatz. Ich verstehe das Problem nicht.

  • maria bischer sagt:

    Sorry – aber dieser Artikel ist nun wirklich lächerlich. Klar – Winter und Sommer ist nicht dasselbe. Klar, Nebel kann aufs Gemüt schlagen. Aber man kann tatsächlich auch bei schlechtem Wetter nach draussen. Gerade kleinere Kinder stört das in der Regel wenig wenn sie nur gut eingepackt sind. Und sonst – falls die Familie in einer Einzimmerwohnung lebt – einverstanden! In allen anderen Fällen kann man ein anderes Zimmer aufsuchen oder die Kinder mal um Rücksicht bitten. Wär doch auch mal was?!? Mal die Füsse hochlegen würde wahrscheinlich tatsächlich auch helfen… ;-))

    • Maike sagt:

      Mein Gedanke – man kann mit dem Nachwuchs auch im Herbst raus. Wasserdicht eingepackt stapfen sie mit Wonne durch die Pfützen, schieben Laub vor sich her etc.
      Und mal ehrlich, sowas wie der Herbst ist keine einmalige Geschichte, der kommt jedes Jahr. Und genauso wie man sich auf Weihnachten mit Backen vorbereitet, könnte man das doch auch mit den Unternehmungen für den Herbst machen oder ?

  • Christel Moser sagt:

    Schon wieder ein Post der die angeblich so unzumutbaren Seiten des Familienlebens anprangert. Ich frage mich jedes Mal was wohl die Absicht dahinter ist. Und ehrlich, wenn Ihre Kinder so überborden, dann liegt das ziemlich sicher an der Erziehung. Schon mal was von Grenzen setzen gehört? In diesem Fall würde das heißen, keinen Krieg im Wohnzimmer, Lautstärke erträglich halten und sonst geht’s ab ins Zimmer. Und zwar alle Streithähne, konsequent, immer. Punkt. Dann sind wir natürlich auch Vorbilder für die Kinder, d.h. wenn wir mit Vorliebe auf unsere Bildschirme starren müssen wir nicht überrascht sein wenn unsere Kinder nicht lesen, backen, spielen, basteln, experimentieren, Musik machen, in Pfützen plantschen, bei Vereinen mitmachen etc. etc. etc.

  • H. Volkart sagt:

    Angenehmes und Vorzüge für sich selbst, aber Nachteile und Unangenehmes zwingend verteilen – so etwas nennt man dann wohl Ego-Sozialisierung!

    • C. Schneider sagt:

      Ist immer schön, wenn ein früher/erster Kommentar vor Humorlosigkeit strotzt, es offensichtlich ist, dass die Kolummne bewusst falsch interpretiert wird
      ( „Ego-Sozialiation“). Das lässt hoffen, dass nun interessantere und erhebende Kommentare folgen, da ein Miesepeter für alle gesprochen (geschrieben) hat, die anderen sich nun „abgeholt“ fühlen.
      Und es ergäbe sich daraus sogar ein neues Thema: wie kann man mit Miesepeters (auf engem Raum) zusammenleben?

  • Bea Formaz sagt:

    Die letzten beiden Abschnitte gelten auch für ein Töchterntrio im Erwachsenenalter (18, 22 und 27 Jahre, 66% davon bereits ausgeflogen). Frau hört eben nie auf, Mutter zu sein. Mit diesem Titel kann man nicht eine Minute Pause, geschweige denn eine Woche Ferien machen…. ABER: die schönen Momente überwiegen trotzdem =))

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