Depressives Kind? Redet darüber!

Rund jeder fünfte Jugendliche leidet an psychischen Problemen. Warum fällt es uns so schwer, darüber zu sprechen?

Gefährliche Tabuisierung: Viele Eltern schämen sich, über die psychischen Probleme ihrer Kindern zu sprechen. Foto: iStock

«Aber behalte es für dich, ich möchte nicht, dass das die Runde macht», bittet mich eine Kollegin, nachdem sie mir auf mein Nachhaken hin erzählt hatte, dass ihr 15-jähriger Sohn wegen Depressionen in Behandlung sei.

Ok, ich rede nicht darüber. Aber ich lese und schreibe darüber. Darüber, dass etwa jeder fünfte Jugendliche psychische Probleme hat. Darüber, dass manche psychischen Krankheiten erst nach vielen Jahren richtig diagnostiziert werden. Darüber, dass Borderlinestörungen sich nicht nur durch Selbstverletzungen äussern. Darüber, dass ca. 80% aller Suizide auf psychische Krankheiten zurückzuführen sind. Und darüber, warum es uns so schwerfällt, über diese Probleme zu reden.

Warum kümmern wir uns so wenig um unsere Psyche?

Bloggerin Dominique de Marné, die deutsche Schauspielerin Nova Meierhenrich und Coach Arne Tempel haben alle eine schwere Depression hinter sich, waren ganz unten. Sie haben ein Parallelleben geführt, sodass es ihnen lange Zeit gelungen ist, ihr Leiden vor anderen zu verbergen. Alle drei sind durch ihre Lebenskrise stärker geworden. Sie setzen sich heute dafür ein, dass andere Menschen nicht das Gleiche durchmachen müssen wie sie, indem sie reden, aufklären und psychischen Krankheiten damit das Tabu nehmen.

Zehn Jahre lang hat es gedauert, bis sich Dominique de Marné Hilfe holte und ihre Leiden einen Namen bekamen: Borderlinestörung, Depression und Alkoholsucht. Davor war sie davon überzeugt, dass sie allein fertigwerden musste mit ihren Problemen und gefühlten Schwächen. Heute geht sie als Mental Health Advocate an Schulen und leistet Aufklärung. In ihrem 2018 veröffentlichten Buch fragt sie sich, warum wir uns zwar um den Schutz unserer Smartphone-Displays kümmern, das Entkalken des Wasserkochers, die Wartung unseres Autos und um gesunde Ernährung, aber um unsere Psyche, um die kümmern wir uns nicht. Von unserem Kopf erwarten wir ständige Funktionsbereitschaft, und wenn der einmal streikt, dann geben wir uns die Schuld, anstatt das Problem als Krankheit zu betrachten.

Die Co-Depression der Tochter

Der Vater von Schauspielerin Nova Meierhenrich litt jahrelang an einer schweren Depression. Seine Familie gab sich grosse Mühe, ihm zu helfen und hätte dringend Unterstützung von aussen benötigt, aber die gab es nicht. Schliesslich erkrankte Nova an einer Co-Depression und gestand sich erst nach langer Zeit ein, dass sie selbst Hilfe brauchte. Mit ihrem Buch «Wenn Liebe nicht reicht» will sie betroffenen Familien helfen. «Die Krankheit kann jeden treffen, egal wie stark man ist.»

Mit seinen Youtube-Videos und Audiokursen bietet Arne Tempel Hilfe zur Selbsthilfe im Umgang mit depressiven Phasen. Wer seinen wöchentlichen Newsletter «Der kleine Sonntagsimpuls» liest, fühlt sich, als wäre er von einem guten Freund umarmt worden.

Lasst uns reden und zuhören!

Moritz, ein Junge aus dem Nachbarort, hat seit dem Kindergarten Probleme mit dem «Leben aussen». Eine Kombination aus Hochsensibilität, depressiven Phasen und Angststörungen machte ihm zu schaffen. Für seine Familie war das sehr belastend, vor allem auch die wiederkehrenden Suizidgedanken. Rückblickend ist Moritz’ Mutter froh, dass ihr Sohn nie das Vertrauen in seine Familie verloren hat. Sie erzählt, dass sie sich in den Krisenzeiten so sehr jemanden gewünscht hatte, mit dem sie sich hätte austauschen können. Aber obwohl sie von Familien mit ähnlichen Problemen wusste, wollte niemand darüber reden. «Die Scham war zu gross», vermutet sie «das Gefühl, als Eltern versagt zu haben.» Inzwischen ist Moritz volljährig, von zu Hause ausgezogen, und es geht ihm gut, weil er gelernt hat, mit seinen Herausforderungen umzugehen und seine Bedürfnisse ernst zu nehmen.

Wenn wir damit beginnen, über psychische Probleme zu reden, öffnen wir Türen. Wir werden feststellen und anderen zu der Erkenntnis verhelfen, dass wir alle mit unseren Problemen nicht allein sind. Damit könnten wir psychische Krankheiten aus dem Dunstkreis von Scham, Stigmatisierung und Tabuisierung befreien. Viele Suizide könnten so vermieden werden. Lasst uns reden. Und zuhören. Insbesondere den Menschen, die denken, sie müssten ihre Probleme allein lösen.

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