Liebe heterosexuelle Frauen…

Soll die Schweiz Samenspenden für gleichgeschlechtliche Paare erlauben? Unsere Autorin findet, dass diese Frage alle interessieren sollte – und schreibt einen Brief.

Einen Tag lang hatten wir eine leise Ahnung davon, was alles möglich sein könnte: Frauenstreik am 14. Juni 2019 in Zürich. Foto: Keystone

Liebe heterosexuelle Endzwanzigerin,

wahrscheinlich schliessen weder deine Lebenssituation noch medizinische Gründe eine Schwangerschaft grundsätzlich aus. Du lebst in so guten Zeiten wie noch nie, um über die Frage nachdenken zu können, ob biologische Mutterschaft Teil dessen ist, was du dir unter einem gelungenen Leben vorstellst. Natürlich gibt es Luft nach oben. Auch heute hast du es mitnichten einfach. Dennoch ist die Möglichkeit, über die Frage nachzudenken, ob du eigene Kinder haben möchtest, eine wahlfreiheitliche Errungenschaft, welche (die meisten) Frauen bis vor kurzem nicht hatten. Das Leben deiner Mutter war um ein Vielfaches vorgeebneter als deines heute ist. Nicht zu sprechen vom Leben deiner Grossmutter. Dir aber steht es heute frei, zu entscheiden, ob du schwanger und Mutter werden willst – oder auch nicht.

Kluge Frauen wie die Schriftstellerin Sheila Heti sind mit klugen Büchern über die eigene Kontemplation der Kinderfrage und deren verneinenden Ausgang in der Öffentlichkeit präsent. Auch die klimabedingten Argumente gegen biologische Mutterschaft – zumindest gegen die zu extensive – sind dir vertraut. Seien wir ehrlich: Letztere spielen in den immer häufigeren Gesprächen unter Freundinnen, die sich um die Kinderfrage drehen, keine bedeutende Rolle. Bei der Diskussion um Mutterschaft steht die Realisierung des eigenen Lebensentwurfes nach wie vor über dem Engagement fürs grössere Ganze. Natürlich gibt es gute Gründe für eine solche Haltung – gerade auch deswegen, weil wir keine Restriktionen hinsichtlich dessen, was wir mit unserem eigenen Körper tun, dulden wollen. Die Schweiz hat keine rühmliche Geschichte, was die Kontrolle von Frauenkörpern betrifft.

Am 14. Juni 2019 gingen wir gemeinsam auf die Strasse. Einen solidarischen Tag lang hatten wir eine leise Ahnung davon, was alles möglich sein könnte. Zusammen mit Freundinnen trug ich ein Transparent mit der Aufschrift «Mehr vom Kuchen» durch die Stadt. Lange hatten wir im Vorfeld darüber diskutiert, ob wir nicht besser «Ein anderer Kuchen» schreiben sollten. Ob mehr von diesem oder jenem: Ich bin bereit, dafür zu kämpfen, dass du alles vom Kuchen haben wirst, welcher Sorte auch immer er sein soll. Wenn Kinder haben Teil deines Lebensentwurfes ist, dann sollst du deine Mutterschaft in den dafür bestmöglichen gesellschaftlichen Verhältnissen realisieren können. Falls du Mutterschaft ablehnst, möchte ich ordentlich am Stuhlbein derjenigen sägen, die in einem anderen Jahrhundert sitzen geblieben sind, und dich für deine Meinung verurteilen.

Manchmal bin ich mir nicht ganz sicher, wie bereit jedoch du bist, für diejenigen anderen Frauen auf die Strasse zu gehen, deren Lebensrealitäten und Mutterschaftsoptionen sich von deinen unterscheiden. Stell dir vor, dass du mit demjenigen Menschen, den du liebst und mit dem du Kinder haben möchtest, nie wirst Kinder zeugen können. Weder erlaubt es dir der Staat, diesen Menschen zu heiraten, noch erlaubt er es euch als Paar, auf Reproduktionsmedizin zuzugreifen. Stell dir vor, dass dieser Staat keine Ahnung davon hat, was für Menschen ihr seid, und dennoch gibt er durch seine Gesetzgebung unmissverständlich zu verstehen, dass er euch von Grund auf geteilte Elternschaft eigentlich nicht zutraut – nein, stell es dir besser nicht vor. Es ist nicht schön. Weil es nicht schön ist, gingen viele Menschen am Tag nach dem 14. Juni gleich noch einmal auf die Strasse. In Zürich war Pride. Vielleicht hattest du schmerzende Füsse vom Vortag. Vielleicht hattest du auch einfach etwas Besseres vor. Falls du trotzdem da warst: High Five!

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