Aufstehen, bitte!

Schwangere sind nicht krank. Aber einen Sitzplatz anbieten sollte man ihnen trotzdem, findet unsere Autorin.
Mamablog

Schwangeren Frauen wird hierzulande in den öffentlichen Verkehrsmitteln zu wenig Beachtung geschenkt. Foto: iStock

36 Grad, ein Feierabend kurz vor den Sommerferien. Ich stehe in einem nicht klimatisierten Tramwagen, halte mich an der Stange über dem Kopf, mein Babybauch ragt dick in den Gang hinein. Niemand bietet mir seinen Sitzplatz an. Leider kann ich meine Mitpassagiere schlecht dafür verurteilen. Denn: Zeit meines ÖV-Lebens bin ich ebenfalls selten für schwangere Frauen aufgestanden. Ich hatte sie schlicht nicht im Fokus. Für ältere Leute hingegen oder Menschen mit Gehhilfen hüpfte ich regelrecht vom Sitz, mit mir eine Horde anderer Passagiere.

Warum nur stehen – respektive sitzen – wir hier­zulande schwangeren Frauen so viel ignoranter gegenüber als anderen körperlich eingeschränkten Personen? In Spanien beispielsweise ist das ganz anders. Da rügten mehrere Mitpassagiere einen Mann, weil er nicht umgehend von einem der reservierten Plätze im Bus aufstand, als ich mit meiner hochschwangeren Freundin einstieg. In den USA, erzählt eine Arbeitskollegin, seien ihr als Schwangere gleich reihenweise Sitzplätze angeboten worden.

Liegt es schlicht daran, dass man in diesen Ländern offener ist, empathischer? Kaum. Eher daran, dass dort wie in vielen anderen Ländern in den öffentlichen Verkehrsmitteln explizit darauf hingewiesen wird, dass Schwangere einen Sitzplatz benötigen – meist anhand eines Piktogramms, das eine Frau mit Babybauch zeigt. Auch in der Schweiz existieren Sitze für «Personen mit eingeschränkter Mobilität». Nur: Die einzige auf dem Hinweisschild abgebildete Person ist ein Mann mit Stock.

Schwangere unter Leistungsdruck

Natürlich, ich bin da als Schwangere wohl mitgemeint. Doch blosses Mitmeinen scheint hier nicht zu funktionieren. Denn Fakt ist: Die Frau mit Babybauch ist nicht abgebildet. Dieser bildliche Ausschluss macht es für Schwangere schwieriger, die eigentlich auch für sie reservierten Plätze selbstbewusst einzufordern. Zudem widerspiegelt der Ausschluss, was von einer schwangeren Frau in einer Leistungsgesellschaft gemeinhin erwartet wird: Dass sie bitte weiterhin ­dieselbe Ausdauer an den Tag lege – bei der Arbeit wie in der Freizeit.

Auch in den neuen Trams der Stadt Zürich ist auf dem Piktogramm nur ein Mann mit Stock zu sehen. Foto: Keystone

Mir wurde einige Male gesagt, dass ich ja «bloss schwanger, nicht krank» sei. Doch abgesehen davon, dass sich eine Schwangerschaft durchaus wie eine monatelange Grippe anfühlen kann, sind auch beschwerdefreie Schwangere irgendwann eingeschränkt: Man schleppt schlicht mehr Blut, mehr ­Wasser und ein mehrere Kilo schweres Baby mit sich herum. Mitleid braucht man dafür nicht, einen Sitzplatz jedoch nähme man gern.

Vorbildliche SBB

Damit Frauen «in anderen Umständen» und ihre Bedürfnisse auch tat­sächlich wahrgenommen werden, gilt es, sie klar zu bezeichnen – in Wort und Bild. Sprache schafft Realität. Die Bildsprache leistet dies vielleicht sogar noch umfassender, weil sie eine Situation auf einen Blick erklärt.

Erfreulicherweise haben die SBB den Nachhol­­be­darf erkannt. Wie es auf Anfrage heisst, statten sie in allen neuen Zügen die Sitze für Personen mit eingeschränkter Mobilität standardmässig mit Schwangeren-Piktogrammen aus. Das hilft nicht nur den Schwangeren, die den Sitz leichter einfordern können. Sondern allen, die ihn bisher aus – ja, auch das gibt es! – höflicher Zurück­haltung nicht freigegeben haben. Denn auch mit den besten Absichten ist ja nicht immer erkennbar, ob es sich bei der Wölbung um ein Baby oder um die Folgen eines ansonsten wonnigen Lebensstils handelt.

Dieser Artikel entstand in Zusammenarbeit mit annabelle.

53 Kommentare zu «Aufstehen, bitte!»

  • Miguel de Antoni y Maura sagt:

    Kürzlich wurde ich übelst beschimpft, weil ich im Tram laut der Dame zu breitbeining auf dem Sitz sass (manspreading), und dies, obschon ich genau bis zur Sitzkante kam, niemanden berührte o.ä.. Zudem waren mehr als die Hälfte der Sitze noch frei. Woher sollte sie denn wissen, dass ich an einer schlimmen Hüftarthrose leide? Dann kommt es sehr oft vor, dass ich in der MTT schwangere Frauen antreffe, die Gewichte stemmen, ihre Squats ausführen und auf dem Cross-Trainer schwitzen. Wer leidet jetzt mehr? Wem steht es im Gesicht geschrieben? Der pöse Mann, der nicht aufstehen will! Freundlichkeit würde sich auszahlen, aber Forderungen sind nun mal einfacher auszusprechen, v.a. dann, wenn man sie als kategorischen Imperativ versteht.

  • Angelika Liegel sagt:

    Das ging mir schon vor 17 Jahren so, als ich von Wien nach Zürich zog und mit dicken Bauch im Tram stehen musste…ich wunderte mich damals auch ziemlich über die Ignoranz (oder die höfliche Zurückhaltung). Freue mich, dass dieses Thema endlich angegangen wird.

  • Anh Toàn sagt:

    Ich bin altmodisch: Ich biete jeder Frau, die sonst stehen müsste, meinen Platz an. Wäre mir peinlich, vor oder neben einer stehenden Frau zu sitzen.

  • Reincarnation of XY sagt:

    Ich bin selbst Schweizer und liebe mein Land, aber wir Schweizer sind etwas verkrampft, unterkühlt und unfreundlich. Das merkt man auch in dieser Diskussion. War neulich in London mit einem Freund unterwegs, der Krücken hatte. Überall wurde ihm sofort ein Platz angeboten, auch wenn noch andere frei waren, zu denen er hätte humpeln können. In den Warteschlangen wurden wir nach vorn gebeten…
    Die Zürcher behaupten ja gerne, ihre unfreundliche Art hätte mit der Reizüberflutung zu tun, die eine Grossstadt nun mal mit sich bringe, so gehört bei Herrn Tingler. Ein Witz: Im Vergleich zu London ist Zürich ein kleines Städtchen, dennoch sind die Londoner stets höflich und hilfsbereit, was dem Schweizer mit Grossstadt-Allüren ziemlich abgeht.

    • Martin Frey sagt:

      Das hat auch nichts mit der Grösse einer Stadt zu tun, RoXy, sondern hat primär soziokulturelle Gründe. Wie viele andere Aspekte des menschlichen Zusammenlebens auch. Nicht umsonst stammt der Begriff „Gentleman“ aus dem Englischen, und hat kaum ein würdiges Pendant in anderen Sprachen.
      Der Rest sind Schutzbehauptungen.

      • Reincarnation of XY sagt:

        Ganz meine Meinung, MF.

        Hören wir also auf, unsere soziokulturelle Prägung zu leugnen und bemühen wir uns im Alltag etwas offener, entspanter und freundlicher zu sein. Ganz allgemein. Unser Land und wir selbst könnten nur profitieren.

  • Mickymouse sagt:

    Vor nicht allzu langer Zeit in einem Tram in der Stadt Zürich: Selbstverständlich habe ich einer schwanger aussehenden Frau meinen Platz angeboten, den sie auch sofort besetzte. Auf den Kommentar einen weiteren Frau, dass das aufmerksam von mir sei, sagte ich: Für mich sei klar, dass ich einer schwangeren Frau den Platz gebe. Kommentar der schwangeren Frau daraufhin: Ich bin gar nicht schwanger!

  • Lia sagt:

    Man kann ja auch mal den Mund aufmachen und fragen anstatt immer nur zu erwarten.

    • Franka sagt:

      Kann man. Schade, wenn man es muss.

    • Mira sagt:

      Könnten Schwangere. Man könnte aber auch Anstand haben und von selbst darauf kommen, dass langes Stehen für schwangere Frauen mühsam ist. Heutzutage scheint man Höflichkeit von anderen Menschen verlangen zu müssen, um sie zu bekommen. Das kann es doch nicht sein! Höflichkeit sollte von einem selbst kommen. Ich habe als Schwangere nur dann nach einem Platz gefragt, wenn ich gemerkt habe, dass mir langsam schwarz vor Augen wird, weil ich es unhöflich, ja anmassend finde, jemanden um seinen Platz zu bitten. Ich habe die Unhöflichkeit der heutigen Gesellschaft inzwischen akzeptiert. Man kann auf niemanden mehr zählen. Ausnahmen sind der kleine Lichtblick am Tag.

  • Silvia sagt:

    Als ich mit meinem Zwillingsbauch in Paris war, war ich auch sehr positiv überrascht, wie man da mit schwangeren Frauen umgeht. Im Supermarkt gibt es extra Kasse , in Geschäften ohne Extrakasse wurde ich aufgerufen als ich mich wie gewohnt hinten anstellte. In der Metro wurden mir Sitzplätze angeboten. Einmal stand eine auf mich extrem müde wirkende Frau auf, deren Angebot ich dankend ablehnte, doch sie bestend darauf, mir den Sitz zu überlassen. Da kann ich schon nur staunen, wenn sich hier Leute mokieren, wenn eine Frau mit Kinderwagen auf ihr Recht pocht, im Kinderwagen Abteil einen Platz zu bekommen, selbst dann, wenn die Person ohne Wagen noch frei Sitzplätze wählen kann. Lächerlich…

    • Franka sagt:

      In Lyon wurde uns sogar mit unseren Kleinkindern im Tram Platz gemacht. Wir versuchten abzuwehren, auch weil wir das so gar nicht gewohnt sind. Aber die meisten haben gern Platz gemacht. Und das ist in 4 Tagen sehr oft passiert, sodass ich denke das ist eine kulturelle Sache und kein Zufallsbefund. Hier in der Schweiz ist mir das noch nie passiert. Als Schwangere schon, aber selten.

  • vanessa sagt:

    Super Artikel, genau auf den Punkt gebracht. Man sollte nicht bitten müssen für etwas das selbstverständlich sein sollte. Denn es ist eigentlich doch nichts anderes als Höflichkeit, seinen Sitz jemandem zu überlassen der oder die ihn dringender braucht als man selbst. Piktogramm hin oder her …
    Ich war kürzlich mit der SBB und Kinderwagen unterwegs, und bei einem (einzigen) vierer-Abteil war das Kinderwagen-Piktogramm angebracht. Juhuu! Leider sass – im sonst LEEREN Zug – genau da schon ein Herr. Als ich ihn höflich darum bat, doch bitte ein anderes Abteil zu nutzen, lehnte er ab.
    Es kommt also letztendlich nicht auf die vorgegebenen Regeln an, sondern als das, was wir als Gesellschaft daraus machen.

    • tststs sagt:

      Naaaaja, wenn sich in einem leeren Zug jemand genau vor „meinem“ Abteil aufstellt und fragt, ob er genau diesen Platz haben könnte… ich glaube, dann würde ich auch aus Spass an der Freude einfach mal „Nein“ sagen… Piktogramm hin oder her…

    • Nico Lechner sagt:

      Liebe Vanessa

      und warum hätte er jetzt aufstehen sollen, wenn sonst alle Plätze für sie und ihren Kinderwagen frei waren? Ich hätte ihre Bitte in der von ihnen beschriebenen Situation auch freundlich dankend abgelehnt, denn sie erscheint als reine Prinzipienreiterei.
      Augenmass schent mir auf beiden Seiten angebracht.

      • Silvia sagt:

        Ein Kinderwagen hat in einem gewöhnlichen Abteil keinen Platz. Schlicht und einfach…

      • tststs sagt:

        Aber die Frau hätte mit dem Kinderwagen in diesem Abteil noch Platz gehabt, oder?

      • Monique sagt:

        Neulich in der S-Bahn nach Zürich um ca 08Uhr, viele Pendler. Schulklasse auf Schülerreise,Alter ca acht Jahre, stürmten in den Zug, besetzten die Plätze, da rief die junge Lehrerin:Ihr müend im Fall nöd ufstah Au wenns viel Lüt hät. Also, was Hänschen nicht lernt… Ich dachte meinen Teil dazu, Ich wurde erzogen, dass ich aufstehen musste, wenn eine ältere oder schwangere Person in die Bahn stieg. Lang ist’s her

      • tststs sagt:

        Genau, Monique, die Lehrerin wollte ihren Kids sicher mal wieder eine Lektion in arschigem Verhalten verpassen.
        Man verlangt hier (IMHO auch zurecht), dass man sich in Schwangere hineinversetzt und dementsprechend Rücksicht nimmt. Das sollte aber IMHO für alle Menschen gelten.

        Und jetzt denken Sie bitte noch einmal nach, was war wohl die Überlegung der Lehrerin…

    • Jasmin sagt:

      Und warum genau hätte der Mann aufstehen und ein anderes Abteil nutzen sollen, wenn der Zug ansonsten leer war?

      • Sereina sagt:

        Weil man an diesem Ort eben Platz für den Kinderwagen hat (Sitze hochklappen). Was ansonsten nicht geht. Mit Kinderwagen kommt man nicht durch den Gang zum nächsten Abteil.
        Aber hauptsache alles erst in Frage stellen…

      • Lutbek sagt:

        Für Personen, die noch nie mit Kinderwagen im Zug waren, mag es schon Prinzipienreitend tönen, wenn eine Person mit Kinderwagen die im Kinderwagenabteil sitzende Person bittet, doch den Platz freizugeben, wenn sonst noch alle Plätze frei sind. Aber die Person mit Kinderwagen muss ihren Wagen deponieren können und möchte weder das schlafende Baby wecken und herausheben, noch einer fremden Person überlassen, die sich vermutlich auch daran stören würde, wenn die Sitzbank vis à vis für den Kinderwagen hochgeklappt wird.

      • tststs sagt:

        Für alle, die nicht wissen, wie diese Sitzreihe aussieht (die notabene nicht nur für Kinderwagen, sondern in erster Linie für Rollstuhlfahrer gedacht ist): Man hätte ohne Probleme den Kinderwagen neben besagtem Herrn deponieren können und einen der freien Plätze einnehmen können. Diese Plätze reichen nämlich nicht nur für 1 Person und 1 Kinderwagen.
        Oder – wenn der Dünkel denn so gross ist – Wagen dort platzieren und ins nächste, schräg gegenüberliegende sitzen, auch von dort hat man das Kind bestens im Blick.

      • tststs sagt:

        Dass dies aber ein Problem sein kann, sehe ich (fast) täglich im Tram: die Leute im „Parkbereich“ machen keinen Wank, Kinderwägen müssen zwischen Tür und Bank platziert werden.
        Und hier sind Eltern viel zu nett! Haut doch mal auf den Tisch!
        „Musste“ schon mehr als einmal -in entsprechender Lautstärke- jemandem zurufen, wie sehr ich ihre/seine Geduld bewundere, ich hätte diese Ignoranten schon längst mit dem Kinderwagen zur Seite buxiert… 😉

  • Valentin B. sagt:

    Das nächste mal einfach mit Stock ins Tram!
    Problem gelösst!

    • Christina sagt:

      Sie hatten offenbar immer Glück, nicht auf einen Stock angewiesen zu sein!
      Wenn ich mit meiner 91-jährigen gehbehinderten Mutter in Bus und Tram unterwegs bin, erlebe ich immer wieder, dass sich Leute auf den extra für Menschen mit eingeschränkter Mobilität ausgezeichneten Sitzen breit machen. Und erst dann aufstehen, wenn meine Mutter darum bittet, dort Platz nehmen zu können!

      • tststs sagt:

        Genau so ist es gedacht.
        Gewisse Personen haben Anspruch auf diesen Platz, sie müssen diesen Anspruch aber geltend machen.
        (Interessant aber, wie Sie bereits im Voraus wissen, dass sich dort „breit gemacht wird“ und jemand nicht zurecht dort sitzt.)

      • Martin Frey sagt:

        „Gewisse Personen haben Anspruch auf diesen Platz, sie müssen diesen Anspruch aber geltend machen.“
        Eigentlich nicht, tststs. Diese Haltung ist definitiv zu einfach, und kommt nur den asozialen, dreisten entgegen.
        Deklarierte Plätze sind reservierte Plätze. Wenn die entsprechende Zielgruppe noch ihren ganzen Mut zusammennehmen und lange Grundsatzdiskussionen führen muss, ist das Ziel bereits verfehlt. Sie können Ihr Auto auch nicht auf einem Behindertenparkplatz nur weil er gerade frei ist und sagen, falls jemand ihn möchte soll er mich im Geschäft suchen und seinen Anspruch anmelden. Dieses Verhalten stellt ein Vergehen dar und wird, mE zurecht, mit Busse geahndet.

      • Anh Toàn sagt:

        @Martin Frey Wenn Sie auf einem Behinderten parkplatzen parkieren, kann der Behinderte seinen Anspruch nicht anmelden. Aber anhalten, jemanden aussteigen oder einsteigen lassen, den Einkauf einladen, darf man soweit ich weiss auf einem Behindertenparkplatz. Wird der gebraucht, kann man gleich weg fahren.

        @tsts: Wenn jemand ersichtlich Mühe hat zu gehen oder zu stehen, macht er seinen Anspruch auf den nächsten Platz automatisch geltend. Nun, früher hat man sich hinter der Zeitung versteckt, heute nimmt man das phone. Aber sich bemerkbar machen reicht zumindest bei den allermeisten Berechtigten, um ihren Anspruch geltend zu machen.

      • tststs sagt:

        „Deklarierte Plätze sind reservierte Plätze.“ Sicher?
        Ich würde sagen, hier hinkt der Vergleich zum Behindertenparkplatz. Dieser darf zu keiner Zeit (ob Anh Toan auch recht hat, weiss ich nicht) von einem unbewilligten Fahrzeug benutzt werden. Die Plätze in Zug/Tram jedoch schon.

        „Wenn die entsprechende Zielgruppe noch ihren ganzen Mut zusammennehmen und lange Grundsatzdiskussionen führen muss“ DAS mein‘ ich natürlich nicht mit „Anspruch anmelden“.

        Ich erlebe es einfach zu oft, dass ein angebotener Platz ausgeschlagen wird, als dass man automatisch von einem Erscheinungsbild (Schwanger, Alter, Gewicht, Hilfsmittel) auf einen Sitzwunsch schliessen kann.
        Aber natürlich finde ich auch, dass man im Minimum Augenkontakt aufnimmt…

      • tststs sagt:

        „Wenn jemand ersichtlich Mühe hat zu gehen oder zu stehen, macht er seinen Anspruch auf den nächsten Platz automatisch geltend.“

        Absolut, dies kommt aber nicht so oft vor, wie man evtl. vermutet! Bei stark eingeschränkter Mobilität wird der ÖV ja eher gemieden.
        Noch einmal: Nur weil jemand wie 95 aussieht, an Krücken geht oder einen dicken Bauch hat, will/muss er nicht automatisch sitzen.

        Herrje, ich biete meinen Platz ja auch an… ich störe mich nur gerade an dem Bild, das gerade wieder gezeichnet wird: Schweizer NIE, im Ausland IMMER. Ich pendle seit 25 Jahren mit Bahn, Tram, Bus, Postauto, herrje mit Seilbahnen und Kursschiffen… aber besagte Anstandswüsten treffe ich einfach nicht an (Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel!)

      • tststs sagt:

        „Wenn jemand ersichtlich Mühe hat zu gehen oder zu stehen, macht er seinen Anspruch auf den nächsten Platz automatisch geltend.“
        Und das wäre ja so ein eindeutiger Fall, wie ich ihn weiter unten beschreibe.

      • Martin Frey sagt:

        „Dieser darf zu keiner Zeit (ob Anh Toan auch recht hat, weiss ich nicht) von einem unbewilligten Fahrzeug benutzt werden. Die Plätze in Zug/Tram jedoch schon.“
        Ist das so? Da wäre ich mir nicht so sicher. Und wie ist es mit Frauenparkplätzen notabene?
        Persönlich halte ich mich von all dem deklarierten fern, aber das primär aus einer prinzipiellen Haltung heraus und nicht in Abhängigkeit davon, ob es strafbar wäre oder nicht.
        @tststs
        Das ein angebotenen Platz ausgeschlagen wird, gibt es natürlich. Trotzdem ist das Angebot deswegen nicht falsch sondern eben, letztendlich Ausdruck einer Haltung von Anstand und Erziehung. Und wenn jemand ob eines solchen Angebots negativ reagiert (wie hier mehrfach erwähnt), ist das primär ein Zeichen dessen, dass genau dies dieser Person abgeht.

  • Jasmina sagt:

    Ich bin ganz Ihrer Meinung, Frau Hess. Es sollte selbstverständlich sein, einer schwangeren Frau den Sitzplatz anzubieten. Leider sind nicht alle Mitmenschen so aufmerksam und mitdenkend.
    Deshalb sollte, wer auch immer und aus welchen Gründen auch immer einen Sitzplatz benötigt, direkt jemanden bitten, aufzustehen. Ich selbst bin da immer recht freundlich geradeheraus, und habe noch immer Hilfe bzw. einen Sitzplatz bekommen.

    • tststs sagt:

      „Deshalb sollte, wer auch immer und aus welchen Gründen auch immer einen Sitzplatz benötigt, direkt jemanden bitten, aufzustehen.“
      Es gibt ein paar wenige, wirklich eindeutige Fälle, wo es der Anstand gebietet, sofort aufzustehen und den Platz anzubieten.
      Bei den meisten anderen Fällen zeugt es von guter Kinderstube, mit den Betroffenen Augenkontakt zu suchen und den Platz nonverbal oder verbal anzubieten.
      Aber selbst wenn man sich fragen lässt, und erst dann – dann aber selbstverständlich – den Platz räumt, erachte ich das noch als respektvoller Umgang.
      Nicht jede Schwangere möchte sitzen.
      (Resp. nicht jede mit Bauch ist schwanger 😉 )
      Blinde haben meist ihren Stamm(steh)platz.
      Manch ein älterer Mitfahrer sitzt erst ab einer Fahrzeit von min. 4 Stationen.

  • vreni müller sagt:

    Wahrscheinlich aus dem selben Grund wie hier in der Schweiz generell gegenüber allen egoistisch und empathielos umgegangen wird. Frauen wird nicht mehr geholfen; die wollen ja schließlich die Emanzipation sollen sie haben, die Alten müssen nicht um 17 Uhr einkaufen gehen und das Tram verstopfen, haben ja den ganzen Tag Zeit und die schwangeren wollten diesen Balg ja selber haben, also sollen sie sich nicht so anstellen…Und so könnte ich fleißig weiterschreiben….Ich bin immer wieder vom neuen absolut schockiert was ich für Situationen in meiner Umgebung und im Umgang miteinander mitbekomme und habe keine Erklärung dafür!!

  • Röschu sagt:

    „Erfreulicherweise haben die SBB den Nachhol­­be­darf erkannt. Wie es auf Anfrage heisst, statten sie in allen neuen Zügen die Sitze für Personen mit eingeschränkter Mobilität standardmässig mit Schwangeren-Piktogrammen aus.“
    Wie lange wird es wohl dauern, bis sich jemand darüber empört und beschwert, weil dadurch die Schwangerschaft als Gebrechen dargestellt werde?

  • Caroline sagt:

    Guter Beitrag. Die Sache mit der Leistung empfinde ich auch so: Die meisten Menschen haben schlicht keine Ahnung, was eine Schwangerschaft körperlich bedeutet – das war bei mir vor der eigenen Erfahrung genauso. Eine Schwangere als solche erkennen ist schon eine Hürde. Wissen, dass schwanger sein mehr ist als nur ein wenig Bauch, kann man bei vielleicht 40% der Mitreisenden voraussetzen. Es gehört zur Aufklärung und in die Erziehung, dieses Wissen und eine wertschätzende Haltung gegenüber Schwangeren (und Kindern) weiterzugeben.

    • tststs sagt:

      „Die meisten Menschen haben schlicht keine Ahnung, was eine Schwangerschaft körperlich bedeutet“

      Da haben Sie absolut recht! Manchmal habe ich das Gefühl, der Körper wird bei der Aufklärung vergessen!

    • Hermann sagt:

      Immer diese ahnungslose Menschheit, unglaublich.

  • Werner Guntli sagt:

    Wer kennt diesen alten Witz: Eine schwangere Frau steigt ins Tram ein. Der 9-jährige Fritzli bietet ihr sofort seinen Sitzplatz an. Die Frau setzt sich dankbar und sagt zu ihm: „Du bist wirklich ein Gentleman“. Etwas später in der Schule kommt in einem Text das Wort Gentleman vor. Die Lehrerin fragt, wer wisse, was das bedeute. Fritzli meldet sich stolz: „Das ist einer, der eine schwangre Frau sitzen lässt.“

  • Barbara Grohé sagt:

    Manchmal kann diese Höflichkeit auch wie ein Schuss nach hinten losgehen. Ich war mit meinem Mann mit der SBahn auf dem Weg in die Stadt. Er bot einer schwangeren jungen Frau seinen Sitzplatz an. Meine Güte! Wir bekamen einen Blick geschenkt, der uns wie ein Pfeil durchbohrte. Sie drehte sich wütend um und stellte sich woanders hin. So kann es einem hier auch ergehen.

    • Proud Mary sagt:

      Habe das selbe auch erlebt. Ihre Antwort „Schwanger = nicht krank.

    • Neu-Mama sagt:

      Es ist zwar nicht zu vergleichen mit Rom, wo ich dieses Jahr neben dem angebotenen Sitzplatz, beim Anstehen in Reihen öfter nach vorne geschickt / durchgelassen wurde, aber mir wurde während meiner Schwangerschaft in der CH fast immer ein Sitzplatz angeboten.

  • Jan Holler sagt:

    Im Sommer 2005 fuhren wir mit dem Zug von Frankfurt nach Bern. Meine Frau war im 7. Monat schwanger mit einem dicken Bauch. Wir hatten verpasst zu reservieren, dachten, für 2 hat es Platz. Wir mussten durch den ganzen Zug. Niemand(!) wollte uns sitzen lassen, obwohl Dutzende von Plätzen frei waren, aber natürlich mit Taschen belegt. Jedes Mal bekamen wir zur Antwort: Ist gerade im Speisewagen oder auf der Toilette, was ganz klar gelogen war in den meisten Fällen. Die Zugbegleiterin rief noch per Mikro aus, bitte Plätze frei geben, meinte aber zu uns, das nütze rein gar nichts.
    Wir fanden dann ein fast leeres 6er-Abteil Platz. Dort wollte niemand sitzen, weil dort eine Frau mit ihrem behinderten Kind sass.
    Tolle Menschheit, wirklich!

    • Marusca sagt:

      @JH: Woher wissen Sie denn so genau, dass sich im 6er-Abteil niemand niederlassen wollte, weil dort eine Frau mit ihrem behinderten Kind sass? Haben Sie alle gefragt? Ich kann mir so etwas jedenfalls kaum vorstellen und habe deshalb auch Mühe, es zu glauben.

    • Hermann sagt:

      Die Deutschen aber auch, so kennt man sie!

  • tststs sagt:

    Hauptsache, man muss den Mund nicht aufmachen.
    Ist ja auch nicht so leicht wie die Faust im Sack.

    • CS sagt:

      Sehr guter Artikel, liebe Stephanie Hess.
      Im letzten Satz streifen Sie ein Problem, das mich jeweils auch beschäftigt: ist diese Frau schwanger oder einfach nur dick? Ich habe schon manchmal böse Blicke von vermeintlich Schwangeren eingefangen als ich als 75-Jähriger aufgestanden bin und ihnen mit kurzem Blick auf ihren Bauch meinen Platz angeboten habe. Umgekehrt glaube ich, dass es für eine korpulente Frau ebenso mühsam ist, im Tram zu stehen wie für eine schwangere. Daher Männer: bitte aufstehen bei Frauen in „andern Umständen“, ob schwanger oder nicht.

      • Maru sagt:

        CS: Der Bauch einer (hoch)schwangeren Frau unterscheidet sich deutlich von einem „einfach nur dicken“ Bauch.
        Und nein, wegen einer angefressenen Wampe, egal ob von Frau oder Mann, sehe ich mich nicht im Mindesten veranlasst, den Platz freizugeben, denn würde ich das tun, müsste ich wohl öfter stehen als sitzen..

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