Bin ich jetzt der Mann? 

Rollenverteilung 2.0: Warum unsere Autorin in ihrem vermeintlich progressiven Familienmodell plötzlich doch mit veralteten Ansichten kämpft.

Im Mikrokosmos der eigenen Familie sind die Gleichstellungsfortschritte erschreckend klein: Szene aus «Workin‘ Moms». Foto: Netflix

Es geschah um vier Uhr morgens. Ich wurde zum dritten Mal von unserem schreienden fünf Monate alten Baby geweckt. Eigentlich schläft sie gut, aber wenn man die Sache mit dem Schlafen endlich hingekriegt hat, kommen ja bekanntlich schon die ersten Zähne. Ich rieb ihr also im Halbschlaf das Zahngel (keine Angst, pflanzlich!) aufs Zahnfleisch, während mein Mann schnarchte und nichts mitbekam. Es war die zweite Arbeitswoche nach meiner Babypause. Man muss zu unserer Situation sagen, dass mein Mann vier Tage die Woche zu Hause bleibt, während ich arbeite. (Ah sehen Sie, da hat sich schon der erste Fehler eingeschlichen! «Während ich zur Arbeit gehe» muss es richtigerweise heissen. Mehr dazu gleich.)

Die Nachtschichten teilen wir uns mehr oder eher weniger, aber daran bin ich selbst schuld. Es ist eine Mischung aus selbst gemachtem schlechtem Gewissen meinem Mann gegenüber und dem Gefühl, dass ich doch wenigstens nachts meinem Kind nah sein sollte, wenn ich es schon tagsüber nicht bin, die mich nachts Wache schieben lässt. Sie sehen, es ist kompliziert. Frau im Job, Mann zu Hause: Von aussen betrachtet leben wir ungefähr das, was man heute absurderweise als «progressive Rollenverteilung» bezeichnet und ernten dafür auch viel Zuspruch.

Von wegen modernes Familienmodell

Als es in jener Nacht von einer Seite schnarchte und von der anderen plärrte, stieg jedoch mein Aggressionspegel, bis ich den Kindsvater wachrüttelte und ihm die Worte: «Du musst jetzt übernehmen, ich muss schliesslich morgen arbeiten!» an den Kopf knallte. Der Arme rieb sich die Augen, als hänge er gerade mitten in einem Albtraum fest. Tat er ja irgendwie auch. Meine Worte hallten mit bitterem Nachklang im Raum und forderten seine unmittelbare Replik: «Und das, was ich mache, hier zu Hause, ist das etwa keine Arbeit?» Wäre es nicht dunkel gewesen, hätte er gesehen, wie ich errötete. Ich, die an allen Fronten Gleichstellung predigt, die irgendwie stolz auf unser vermeintlich modernes Familienmodell war, selbst gefangen in reaktionären Denkmustern? Hatte ich gerade angedeutet, dass die Arbeit daheim nicht gleich viel wert ist, wie die an einem Schreibtisch? Es war vier Uhr morgens, wir vertagten den Streit, doch die Situation gab mir zu denken.

Ich war die letzten fünf Monate zu Hause und habe natürlich nicht vergessen, wie hart es ist, alles zu managen. Andererseits stehe ich nun unter sogenannter «Doppelbelastung» (furchtbares Wort!) und damit treten offenbar plötzlich Gesinnungen der Fünfzigerjahre zutage: Derjenige, der arbeitet, soll gefälligst nachts nicht gestört werden, damit er im Arbeitsleben funktioniert. Das suggeriert, dass derjenige, der das traute Heim nicht um sieben Uhr morgens verlässt, sich tagsüber ausruhen könnte. Der viel beschworene Ratschlag: «Schlaf, wenn das Kind schläft», lässt sich aber in der Realität noch lange nicht in jeder Familie in die Tat umsetzen, vor allem dann nicht, wenn das Baby nur im Tragetuch, im Kinderwagen oder gar nicht schläft. Bei älteren Kindern erübrigt er sich ganz. Ist es zu Hause wirklich so viel entspannter, als im Job? Wieso habe ich dann schon so oft von Freundinnen den Satz gehört: «Bei der Arbeit erhole ich mich von zu Hause»? Da stimmt doch etwas nicht.

Wenn Gleichstellung, dann überall!

Soll das jetzt also Gleichberechtigung sein, wenn in einer heterosexuellen Beziehung der Mann ganz selbstverständlich leidenschaftlich über die Anstrengungen von Hausarbeit referiert, während die Frau Angst hat, dass sie im Job infolge fehlenden Schlafs nicht ausreichend performen wird? Auch wenn es wünschenswert ist, dass wir öfter in den Schuhen des anderen Geschlechts gehen, kann das Umkehren der Rollen, wie bei einem Shakespeare-Drama, natürlich nicht die Antwort sein. Ich finde es befremdlich, dass alle «Bravo!» rufen, nur weil mein Mann zu Hause bleibt. Wenn eine Frau sich entscheidet, dies zu tun, erntet sie noch immer mitleidige bis abfällige Blicke. Arbeitenden Frauen hingegen wird noch immer oft vorgeworfen, sie täten dies vor allem zur Selbstverwirklichung.

Natürlich herrscht, zumindest in der Theorie, mittlerweile weitgehend der gesellschaftliche Konsens, dass alle Geschlechter in allen Situationen gleichwertig behandelt werden müssen. Ich merke aber selbst gerade schmerzlich, dass es im Mikrokosmos der eigenen Familie ein langwieriger Prozess ist, diese Überzeugung auch umzusetzen – einer, bei dem wir uns ständig kritisch selbst hinterfragen müssen. Also wenn wir schon Gleichstellung fordern, dann bitte überall – auch im Bett! (kleiner Scherz)

Im Ernst: mein Mann und ich jedenfalls werden unsere Aufteilung, oder zumindest unseren Umgang damit, noch einmal überdenken müssen. Nur weil wir altmodische Rollen neu besetzt haben, sind wir offenbar noch lange nicht fortschrittlicher geworden.

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