Besonders ist nicht besser

Niemand bezeichnet seine Kinder als Durchschnitt. Das ist verständlich – aber auch gefährlich.

Anders als die anderen: Daniel Radcliffe (r.) verkörperte die zauberhafte Romanfigur Harry Potter in der Verfilmung. Hier posiert er mit Emma Watson (Hermine) und Rupert Grint (Ron) bei der Premiere des vierten Teils 2005. Foto: Kirsty Wigglesworth (Keystone)

Als ich vor Jahren in Süddeutschland wohnte und meine älteste Tochter eingeschult werden sollte, bekam ich einen Brief. Der erste Satz darin lautete: «Ihr Kind ist womöglich hoch begabt.» Das an sich war schon befremdlich genug. Aber bei der weiteren Lektüre fiel mir die Kinnlade immer tiefer herunter. Aus «womöglich» wurde in der Mitte des Briefes ein «vermutlich» und gegen Ende ein «wahrscheinlich».

Diese Steigerung wurde mit der Aufforderung verbunden, mein Kind für eine Sommerakademie für hoch begabte Kinder anzumelden. Die Absender des Schreibens kannten weder meine Tochter noch uns Eltern. Sie setzten einfach nur darauf, mit dem Begriff «hoch begabt» über einen Schlüsselreiz zu verfügen, der dafür sorgt, dass ihr Angebot angenommen wird. Haben wir nicht.

Stattdessen habe ich seitdem nicht mehr aufgehört, mich über diesen Brief zu ärgern. Unter anderem deshalb, weil das Thema Hochbegabung dabei auf geradezu gefährliche Weise vereinfacht wurde. Hochbegabung ist ein sehr seltenes Phänomen, das gerade einmal zwei Prozent der Bevölkerung betrifft und das nicht zwingend in eine Leistungssteigerung übersetzt wird. Hoch begabte Kinder schreiben nicht zwangsläufig gute Noten oder sind später erfolgreicher im Leben.

Das macht schon insofern keinen Sinn, als unser allgemeines Leben hauptsächlich in den Bahnen einer Norm verläuft, deren Rahmen sie sprengen. Dementsprechend sind Abweichungen des eigenen Sozialverhaltens von dem der anderen nicht weiter verwunderlich.

Ein unterschwelliges Angebot

Was mich aber seit diesem Brief vor allem nicht loslässt, ist dieses unterschwellige Angebot, das elterliche Bedürfnis nach der Besonderheit des eigenen Kindes zu befriedigen. Besonders meint in diesem Zusammenhang immer besser. Besser als die anderen, besser als der Durchschnitt. Begabter, talentierter, leistungsfähiger, stärker, aufmerksamer, kompetenter. Nicht besser im Springfurzen oder im «So lange rot anlaufen, bis man kriegt, was man will». Sondern besser in gesellschaftsrelevanten, marktkonformen Eigenschaften. Sagen wir ruhig: in verwertbaren Eigenschaften.

Um das gleich klarzustellen: Ich bin in dieser Hinsicht wie viele andere Eltern auch. Ich halte meine Kinder für etwas Besonderes. Sie haben alle bestimmte Eigenarten, die sie auszeichnen und einzigartig machen. Das heisst aber nicht automatisch besser. Im Gegenteil: Manchmal sind sie auch besonders fies oder besonders ausdauernd nervig.

Worum es mir hier geht, macht eine legendäre kanadische Studie deutlich, die ungefähr zum gleichen Zeitpunkt erschien, als meine Tochter eingeschult wurde. Damals wurden knapp 400 Männer und Frauen zu ihrem Fahrverhalten und ihrer diesbezüglichen Selbsteinschätzung befragt. Ausnahmslos alle hielten sich für überdurchschnittlich gut am Steuer.

Wer ist der Durchschnitt?

Aber wenn alle über dem Durchschnitt liegen, wer ist dann der Durchschnitt? Wenn alle sich für «besser» halten, was ist dann mit «gut» oder «okay» oder «eher schlecht» gemeint? Mir scheint, dass wir als Gesellschaft das «besonders Bessere» immer mehr fetischisieren und Genügsamkeit und Zufriedenheit dabei ins Hintertreffen geraten. Deswegen stehen Menschen in langen Schlangen vor Felszungen an, um wie alle anderen auch das perfekte, einmalige Instagram-Foto zu schiessen.

Oder sie lassen sich wie Hunderte vor ihnen von einheimischen Sherpas auf den Mount Everest hinaufschleifen, um anschliessend von der Einmaligkeit der Bergbesteigung zu berichten.

In all der Sehnsucht nach dem angeblich Besonderen ist es heute nicht mehr ungewöhnlich, ein Buch wie «1000 Places to See Before You Die» auf dem Nachttisch zu haben, sondern eher, sich zu fragen: warum eigentlich? Kommt am Ende des Lebens etwa ein Kontrolleur, der abstempelt, wo wir überall gewesen sind, und uns dafür benotet?

Ich fürchte, viele von uns warten für sich oder die eigenen Kinder so sehr auf den Brief aus Hogwarts, dass sie sich damit den Appetit am Gewöhnlichen verderben. Und damit an dem, was das Leben zum grössten Teil ausmacht. Das wünsche ich niemandem. Am wenigsten meinen Kindern.

48 Kommentare zu «Besonders ist nicht besser»

  • Max Berchtold sagt:

    Der beste Beitrag und nicht nur für Personen mit Kindern. Und der Satz, der Einstein zugeschrieben wird kommt noch dazu: 10% Inspiration und 90% Transpiration. Wer hoch hinaus will muss nicht nur begabt sein, sondern auch Arbeiten und wie immer das Quäntchen Glück.

  • Niklas Meier sagt:

    Funfact:
    Hochbegabte Kinder erhalten keine spezielle Förderung. Erst wenn sie Krankheitsbilder entwickeln.
    Ein Kind das kein Deutsch kann erhält Förderung von Tag 1 der Schulpflicht.

    • Muttis Liebling sagt:

      Welche Krankheitsbilder haben Sie im Auge?

    • Sportpapi sagt:

      Hm. Erstens stimmt es so nicht. Und wenn, so ist die Frage offen, ob und welche spezielle Förderung angemessen wäre.
      Dass Kinder, die kein Deutsch können, vom ersten Tag an (und besser noch früher) gefördert werden, damit sie in die Lage versetzt werden, dem Schulunterricht zu folgen, scheint mir hingegen klar. Oder wird das ernsthaft in Frage gestellt?

  • Patrick Reolon sagt:

    Ich war gerade drauf und dran darüber zu lästern, dass es, rein statistisch gesehen, praktisch unmöglich ist ein Durchscnittlich zu sein, da sich der Durchschnitt ja aus dem Median (mittelwert, durchschnitt) aller Vielfältigkeit ergibt…
    Alle sind „anormal“ (die negative Seite des nicht-durchschnittlich sein) und wirklich normal sein ist nur ein statistisches Gebilde in dem mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit keine reale Person reinpasst.

    Da hab ich mir den Artikel aber nochmals sorgfältig durchgelesen und eigentlich geht es ja gar nicht darum… In einer Gesellschaft der Selbstverwirklichung, ist das Selbst ja nur dann ein Selbst, wenn es niemand anderem ähnelt.
    Und da verlieren wir uns zu häufig, im Versuch uns mit oberflächlichen Eigenschaften zu individualisieren.

    • Muttis Liebling sagt:

      Ich sagte bereits anfangs, dass die Kategorien ’normal‘, ‚besonders‘ und ‚Durchschnitt‘ Abstraktionen sind, die man auf reale Personen nicht anwenden kann. Nicht alles, was die Umgangssprache hergibt, lässt sich zu sinnvollen Sätzen fügen.

  • MAB sagt:

    Seit vielen Jahren arbeite ich mit hochbegabten Kindern. Vielleicht 50% würde von Ihnen würde ich als „hochbegabt“ erkennen. Den Rest sicherlich nicht.
    Die meisten Kinder fallen nicht durch gute Noten auf sondern durch viele andere Kleinigkeiten. Einige von Ihnen haben ein anderes Sozialverhalten. Anfangs sind sie forsch, sobald die anderen „auftauen“ nehmen sie sich zurück, sie erkennen frühzeitig gefährliche Situationen bei anderen Menschen und versuchen, sie davor zu bewahren.
    Viele fallen jedoch durch Probleme in Kindergarten oder Schule auf, weil sie für Lehrer ein Alptraum sind. Sie haben viele Fragen und wollen etwas lernen. Dumme Antworten von Lehrern decken sie meist gnadenlos auf. Die Arbeit mit solchen Kindern macht viel Spaß, ist aber anstrengend.

  • Cristina Fleischmann sagt:

    Wer Glück hat, hat ein normales Leben! Ich bin mit Ihnen, Herr Pickert durchaus einer Meinung. Allerdings fällt mir auf, dass heute jedes Merkmal speziell ist. Nicht nur die guten Seiten. „Mein Sohn (2 Jahre alt) kann nicht gut aussprechen- er muss vielleicht einen Logopäden besuchen“, sagt eine Mutter. Ein hoffentlich übertriebenes Beispiel, aber die Tendenz ist Etwas ausergewöhnliches zu identifizieren und es dann fördern ( wenn positiv) oder behandeln (wenn negativ). Irgenwie wird absolut alles thematisiert. Auch den von Ihnen erwähnten Konkurrenzkampf ist komplett absurd und trotzdem echt. Normal oder durchschnitich zu sein ist ganz gut so. Das Leben geniesst man trotzdem und glücklich zu sein muss jeder lernen.

  • E.W. Forster sagt:

    … Den „Brief aus Hogwarts“ haben wir alle mal noch auf Kindesbeinen erhalten gehabt. Er kam allerdings nicht in dieser deutlich und offensichtlich ‚vereinfachten Form‘ an, sondern wurde uns jeweils in invididueller Form präsentiert. Viele haben diesen bewegenden Moment dann später leider vergessen, Manche sind höchst erschrocken und verwirrt weggerannt ins gewohnte Terrain zurück, und wieder Andere haben sich schliesslich irgendwann verloren in der Muggelwelt und sind dann langsam selbst zu solchen geworden.
    Das Wunder des Menschenlebens und das unendliche Mysterium ist trotzdem verblieben, wenn dies auch nicht mehr für Alle wirklich wahrnehmbar ist… ;o)

  • Barbara Schülé sagt:

    Für mich ist das eine der besten Beiträge des Mama-Blogs und Sie treffen den Nagel auf den Kopf. Mein „Motto“ für dieses Jahr ist „good enough“. Das heisst nicht, dass man sich nicht bemüht, aber dass man selbst und auch die eigenen Kinder gut und gut genug sind, so wie sie sind.

  • Rudolf Belser sagt:

    Danke für diesen feinen Text! Ich bewundere alle Eltern, die heute dem allgegenwärtigen Hamsterrad von Profit, Wachstum, Egoismus und „Number One“ den Rücken kehren und ihre Kinder dazu erziehen, die Besten zu sein in Kooperation, sozialer Verantwortung, Ressourcenschonung, Altruismus und Achtsamkeit. All diese Tugenden, die heute gerne als „Gutmenschentum“ diskreditiert werden, brauchen wir ja alle dringend, um einen lebens- und liebenswerten Planeten zu erhalten. Und das mit einer Menschenfamilie, die ihre Erfüllung nicht mehr vergeblich im „Alles-haben-wollen“ sucht, sondern endlich im „Mehr-Sein“ finden darf. Allen Eltern dazu viel Mut und Widetstandskraft!

  • Veronica sagt:

    Vor ein paar Jahren habe ich in einer deutschen Zeitung gelesen, dass in Norddeutschland Tests zur Abklärung von Hochbegabung explodieren. Die Tests wurden von privaten Instituten durchgeführt, die offensichtlich eine (lukrative) Marktlücke füllen. Im Artikel führte der Journalist aus, dass die Tests durchaus seriös und von entsprechend ausgebildeten Fachleuten durchgeführt wurden. Interessant war das Resultat: Bei kaum einem der abgeklärten Kindern bestätigte sich die von den Eltern beobachtete Hochbegabung. Wie haben die Eltern auf das Resultat reagiert? Sie stellten nicht die Hochbegabung ihres Sprösslings in Frage, nein, sie waren überzeugt, dass das Testresultat nicht korrekt war und beauftragten ein weiteres Institut mit einer neuen Abklärung …

  • Norah sagt:

    Besten Dank für die anregende Lektüre, Herr Pickert. Entschleunigung sowie JOMO (Joy Of Missing Out), als Antwort auf FOMO (Fear Of Missing Out), gehen auch in diese Richtung.

  • Maike sagt:

    Nicht nur jedes Kind ist etwas besonderes, sondern jeder Mensch ist es. Und besonders ist nicht die Kurzform von besonders gut. Es ist einfach nur die Zusammenstelleung seiner Fähigkeiten, die ihn besonders macht. Hitler war besonders fiese, Mutter Theresa besonders menschenfreundlich und Stephen Hawkins besonders schlau.
    Besonders sind für mich Menschen, die mit ihren Fähigkeiten sehr deutlich aus der Menge der Menschen herausragen. Im Positiven wie im Negativen. Wie die o.a. Beispiele es für mich zeigen.

    • Martina Waser sagt:

      Wobei das besonders Menschenfreundlich bei Mutter Theresa doch bereits sehr in Frage gestellt wird. Da sollten Sie sich keine Illusionen machen.

  • Andrea sagt:

    Vielen Dank für den Beitrag. Es ist erschreckend, wie viele Eltern in meinem Umfeld ihre Kinder für etwas Besseres/Besonderes halten und das ihren Kindern auch tagtäglich vermitteln. Das Resultat sind egozentrische, rücksichtslose Kinder, die sich nicht einordnen können. Selbstverständlich ist mein Sohn für mich auch etwas Besonderes, objektiv betrachtet ist er aber ein ganz normales Kind mit Stärken und Schwächen.

    • tststs sagt:

      Wieso muss es hier ein entweder-oder sein?
      Ich habe das Gefühl, meine Mutter hat mich durchaus genau in diesem Gedanken erzogen (Du bist supi, das tollste Kind für mich, Du kannst alles erreichen), hat mich mit Liebe überschüttet; aber trotzdem konnte Sie hat mir auch Dinge wie Rücksicht, Empathie, Anstand beigebracht.

      • Carolina sagt:

        Ts: Leider übermannt/-fraut mich hier der Zynismus und ich sage jetzt mal, dass es wohl klar ist, dass Sie selber sich all diese Attribute zuschreiben;-))
        Aber nein, ernsthaft: Ich glaube tatsächlich, dass Andrea schon Recht hat – ich erlebe in der Therapiesituation doch recht häufig, dass es für viele Eltern durchaus ein neues und überraschendes Konzept ist, dass Anspruch und Wirklichkeit bei ihren Kindern einen tiefen Graben aufweisen und weder ihnen selber noch den Kindern gut tun. Wenn man mal als Eltern in der Lage ist, seine Kinder als ’normal‘ anzusehen, also als Mensch wie jeden anderen mit bestimmten Fähigkeiten, mit Potential, aber auch ‚Fehlern‘, kann eine schwierige Beziehung oft normalisiert werden – und man darf die Kinder weiter mit Liebe überschütten!

      • tststs sagt:

        😉

        Meine Aussage steht IMHO nicht im Widerspruch zu Ihrer Therapieerfahrungen!
        „dass Anspruch und Wirklichkeit bei ihren Kindern einen tiefen Graben aufweisen und weder ihnen selber noch den Kindern gut tun“ Das sind dann Eltern, die nur „Du bist so supi-dupi“ sagen, aber keine Kritik ausüben. Meine Mutter hat zwar im Positiven keine Grenzen aufgezeigt, aber im Negativen durchaus!
        Man kann das eigne Kind durchaus für das tollste halten (hoffentlich!) und trotzdem ein realistisch Bild von ihm haben (also so ungefähr das, was Sie auch schreiben). Das eine ist eine Wertung, das andere eine Messung.
        Wie gesagt, ich kreide ja nur an, dass Andrea ein automatisches „Entweder-Oder“ macht, wo IMHO (und ich würde auch sagen IYHO) auch ein sowohl-als-auch möglich ist-

  • Ewen sagt:

    Einfach herrlich! Könnten meine Gedanken sein. Heute ist gewöhnlich sein abnormal geworden. Krass ist, dass die Menschheit seit der neuen Einstellung, etwas besonderes zu sein, irgendwie flöten geht. Das sollte allen Antwort genug sein in Bezug auf das angebliche Talentiertsein. In Egozentrik und Narzissmus wohl am ehesten.

    • tststs sagt:

      Haha, mit vollen Hosen ist gut zu stinken! Es gibt wohl kaum so eine egozentrische und narzisstische Gruppierung wie die vereinte Kommentatorenschaft! Wir haben ja das Gefühl, wir wüssten alles besser und haben nicht die Gnade, es für uns zu behalten. Nein, wir müssen alles und jeden kommentieren. Weil unsere Meinung ja so wichtig ist!
      😉

      • Maike sagt:

        Das siehst Du in meinen Augen etwas verkehrt @tststs. Im Grunde sind diese Foren doch nichts anderes als Diskussionsgruppen zu x-beliebigen Themen. Mit dem einzigartigen Unterschied, man kann gleichzeitig an mehrern Diskussionen teilnehmen und kann nachlesen, was insgesamt gesagt wurde und auch Stellung zu Aussagen nehmen, die Monate zurück liegen. Und die eigene Aussage bleibt auf ewig erhalten.
        Zudem kann man lange überlegen, intern vorformulieren, bis man etwas schreibt. Deswegen hat’s hier so grossen Zulauf an Kommentatoren, weil die Hürden so niedrig sind.
        Und was soll es für eine Gnade sein, seine Meinung für sich zu behalten ?

      • tststs sagt:

        Natürlich sind solche Foren per se eine gute Sache und als Austausch-/Meinungsbildungs-/Wissenserfahrungsplattform eine wunderbare Idee.
        Nur eben, sie werden von Menschen bevölkert. Und wenn es uns wirklich nur darum ginge, Informationen zu erhalten oder sich auszutauschen, gäbe es sicher zielführendere Formen. Aber hier geht es immer auch um Selbstdarstellung, Ego-Streicheln, Bestätigung erhalten. Und das meine ich auch gar nicht negativ, so sind die Menschen halt (resp. ein Teil davon)

      • Carolina sagt:

        Stimme Ihnen völlig zu, ts! Und nehme mich überhaupt nicht davon aus! Diese Blogs sind oft ein Besserwisserverein, die mit erhobenem Zeigefinger vorgefasste und immer wieder durchgekaute Meinungen aufweisen, von den immer gleichen Exponenten (schäm!) und leider sehr oft aus einer Elfenbeinturmsituation heraus. Information würde ich das absolut nicht nennen. Aber nachdem ich all das gesagt habe: ich bin genauso süchtig wie Sie!

      • tststs sagt:

        Junkies sind wir!
        Aber eben, man könnte nach Schlimmerem süchtig sein 😉 (sagt der Suchti)

  • Yogibär sagt:

    Ein gelungener Post zu einem schwierigen Thema. Ihre Zeilen zeigen, dass unsere Generation verlernt hat, das Alltägliche und das Gewöhnliche wertzuschätzen. Die „Social Media Queue“ ist symptomatisch für unseren Drang das Besondere zu präsentieren. Wir setzen uns nicht 100 Meter unter den Gipfel und geniessen dort die Aussicht in Ruhe und Dankbarkeit für einen wunderbaren Moment.
    Wir pushen unsere Kinder zu Höchstleistungen, weil wir Angst haben, sie könnten gegenüber anderen abfallen. Wir glauben, unseren Kindern etwas Gutes zu tun, wenn wir sie fördern, damit sie zu den Besten gehören. Vielleicht würde es uns allen gut tun, auch unsere Kinder 100m unter den Gipfel zu setzen und das wertzuschätzen, was gelingt.
    Darum: Daumen hoch für ihr Plädoyer für etwas mehr Bescheidenheit!

    • tststs sagt:

      Unsere Generation hat verlernt?
      Was?
      Bescheidenheit?

      Ich weiss, was Sie meinen, aber wenn Bescheidenheit eine ach so menschliche Tugend wäre, dann hätten wir kaum je den Kopf zur Höhle rausgestreckt!
      Ausserdem glaube ich kaum, dass die Bescheidenheit von früher™ auf freiwilliger Basis geschah.
      Und gefordert wurden die Kinder früher auch um einiges mehr, dafür so gut wie gar nicht gefördert.

      • Yogibär sagt:

        Ja, die Höhle und die Evolution. Da muss ich Ihnen beipflichten. Aber es geht ja nicht darum, nicht nach einem Ziel zu streben oder sich weiterzuentwickeln.
        Es ist auch kein „früher war alles besser“ Post, dafür bin ich schlicht zu jung.
        Es ist nur ein Gedanke, dass wir vor lauter, mein Kind ist besonders sportlich, klug, musikalisch… vergessen, dass es auch einfach ein Kind ist und das was es tut auch einfach gerne tun kann, ohne darin das beste werden zu müssen.

      • tststs sagt:

        „Es ist nur ein Gedanke, dass wir vor lauter, mein Kind ist besonders sportlich, klug, musikalisch… vergessen, dass es auch einfach ein Kind ist “
        Ich verstehe total was Sie meine, aber das beruht z.T. auf einer völlig verklärten Vorstellung, die wir von Kindheit haben; als ob die Kinder früher stundenlang unkontrolliert durch die Felder streiften, sich ein paar Beeren pflückten (die sie selbstverständlich als ungiftig erkennen ohne dass Google befragt werden musste) und ungestört spielen konnten.
        Leider nein, Kindheit und das Konzept dahinter sind relativ neu.
        Und das Eltern nur das Bestmögliche für ihr Kind wollen (also die bestmöglichen „Überlebenschancen“) liegt auch auf der Hand. Es scheitert nur daran, dass niemand sicher weiss, was das Bestmögliche ist!

    • Hans Meier sagt:

      Vor allem hat’s 100m unter dem Gipfel noch Platz und das Risiko, runterzufallen, ist auch noch viel kleiner. Persönlich finde ich es aber gut, wenn alle zum Gipfel drängen. Ich muss für meinen Teil dann nur den leeren Platz 100m unter dem Gipfel in Ruhe suchen. Und meinen Kids erklären, warum eine solche Strategie letztlich zu mehr Lebensqualität und Glückseligkeit führt. Dort hat’s ja dann höchstens noch den Yogibär, mit dem man entweder eine interessante Diskussion führen kann oder ihn andernfalls vielleicht doch noch dazu motivieren kann, auch dem Gipfel hinterher zu rennen 😉 Deshalb: die Leute sollen ruhig unbescheiden zum Gipfel streben.
      Das wäre mein Plädoyer für noch mehr Unbescheidenheit der 99.99% der überdurchschnittlich Hochbegabten auf diesem Planeten! Weiter so!

  • Muttis Liebling sagt:

    Falls man die Schule einst auch einmal inhaltlich reformieren wollte, plädiere ich für Grundlagenkurse in Wahrscheinlichkeitsrechnung und philosophischer Wertelehre. Damit nie mehr solche Sätze geschrieben werden:

    ‚Aber wenn alle über dem Durchschnitt liegen, wer ist dann der Durchschnitt?‘

    Damit auch Erwachsene wenigstens elementar mit der Dialektik des Normalen und des Besonderen umgehen können und solche Texte wie der hier nie mehr geschrieben werden.

    • Yogibär sagt:

      Erleuchten Sie uns betreffend Dialektik des Normalen und Besonderen. Das wäre sicher sehr erheiternd.

      Der von Ihnen zitierte Satz bezieht sich in meinen Augen auf den Umstand, dass in vielen Lebensbereichen eine normative Verschiebung nach rechts. (Sie kennen Gauss, oder?) stattfindet. Ich betrachte das als ein spannendes Thema für einen Blog. Aber wahrscheinlich fehlt mir das philosophische Grundwissen.

      • Muttis Liebling sagt:

        Die Abstraktion des Normalen beginnt ab der Beobachtung des ersten Besonderen. Wenn alle normal sind, gibt es die Kategorie nicht. Umgekehrt kann man nur besonders gegenüber einer Normalität sein.

        Einfach wird es, wenn wir die Gausssche Normalverteilung unterstellen. Dann ist einfach alles normal, was 95% um den Erwartungswert liegt. Man kann dann nicht behaupten, es gäbe >5% nicht Normale.

        Wir lernen an der Verteilung, was Durchschnitt aka Erwartungswert ist. Es ist eine vereinfachende Masszahl für eine Verteilung. Der Satz

        ‚Aber wenn alle über dem Durchschnitt liegen, wer ist dann der Durchschnitt?‘

        zeigt Unverständnis für Statistik. Man kann über oder unter Durchschnitt, aber nicht Durchschnitt selbst sein. Usw. …

      • tststs sagt:

        „Die Abstraktion des Normalen beginnt ab der Beobachtung des ersten Besonderen. “
        Nope, normalerweise beginnt es, wenn uns jemand sagt, was normal und was anormal/besonders/abnorm ist.

        „Dann ist einfach alles normal, was 95% um den Erwartungswert liegt. Man kann dann nicht behaupten, es gäbe >5% nicht Normale.“
        Jetzt verwechseln Sie Messwert und gemessene Masse. Wenn der Erwartunswert bei 170 cm liegt, dann gilt alles, was ca. zwischen 160 und 180 liegt als normal. Und trotzdem können >5% ausserhalb dieses Zentimeterbereichs liegen. (Es ist zwar idR nicht zu erwarten, aber durchaus möglich)
        Dementsprechend ist es auch möglich, dass ein gemessenes Subjekt genau auf dem Durchschnittswert liegt.

      • Muttis Liebling sagt:

        @tststs

        Wenn ausserhalb Erwartungswert +- 2 x Streuung mehr als 5% der Wahrscheinlichkeitsmasse liegen, ist es keine Normalverteilung.

        Ein Individuum kann einen Messwert aufweisen, welcher exakt dem Erwartungswert, umgangssprachlich Durchschnitt, entspricht. Aber dadurch ist er nicht Durchschnitt. Die Zahlen sind Abstraktionen, keine Ontologien. So wie das Normale und das Besondere Abstraktionen und keine Ontologien sind. ‚Ist‘ und ‚gehört zu‘ ist etwas Verschiedenes.

        Aber zum Kern. Im Blog geht dieses Dialektische, das wechselseitige Bedingen von Normal und Besonders verloren. Jeder real existierende Mensch kann selbstverständlich gleichzeitig normal und besonders sein. So wie jeder immer gleichzeitig krank und gesund ist.

      • tststs sagt:

        „Wenn ausserhalb Erwartungswert +- 2 x Streuung mehr als 5% der Wahrscheinlichkeitsmasse liegen, ist es keine Normalverteilung.“
        ??? Bitte was? 2x Streuung? Die Streuung kann jederzeit die ganze Skala umfassen, wie soll dann die Streuung 2x grösser sein?
        Da ich darin nicht ganz unbewandert bin, glaube ich zu wissen, was Sie sagen wollen. Aber bei aller Liebe, das ist ein absoluter Nonsense-Satz (Sie wollen wahrscheinlich sagen: Wenn mehr als 5% ausserhalb der Streuung 2%(?) liegen, dann spricht man nicht mehr von Normalverteilung)

        Blog geht dieses Dialektische, das wechselseitige Bedingen von Normal und Besonders verloren. Jeder real existierende Mensch kann selbstverständlich gleichzeitig normal und besonders sein. So wie jeder immer gleichzeitig krank und gesund ist.

      • tststs sagt:

        „Aber dadurch ist er nicht Durchschnitt.“ Wenn Sie hier Sprachpolizei spielen wollen, da müssten Sie sich doch eher an der eigenen Nase nehmen! Im Satz vorher wird „liegt über dem Durchschnitt“ geschrieben; dass hier der Durchschnitt personifiziert wird und mit dem Verb „sein“ daher kommt, macht daraus keine Entität, sondern ist ein sprachliches Stilmittel.

      • tststs sagt:

        Sprachpolizei zum zweiten: Natürlich sind Zahlen keine Ontologie, nichts und niemand ist eine Ontologie, ausser die Ontologie selber. Sie meinen wohl schlicht „Zahlen sind kein Seiendes“
        Aber auch hier: Ob die Ausdehnung (aka Zahlen) der Entität auch Teil ihres Seienden ist oder nicht, darüber wird also heftig diskutiert. Und stellen es einmal mehr so dar, als sei unter Zahlen nur etwas zu verstehen, und dieses ist sicher keine Entität.

      • tststs sagt:

        „…Blog geht dieses Dialektische, das wechselseitige Bedingen von Normal und Besonders verloren. “
        Ernsthaft? Das Logischste auf der Welt (ohne Licht kein Dunkel, ohne Hass keine Liebe, ohne Normales kein Besonderes) muss für Sie zuerst genannt werden???
        Sorry, aber solche grundphilosophischen Annahmen setze ich voraus. Ich persönlich wäre beleidigt, wenn ein Blogger mich auf diesen Umstand jedes Mal hinweisen würde!
        (Ausser natürlich ich bin in einem Philosophie-Blog gelandet 😉 )

    • Michel sagt:

      Man lernt das bereits heute in der Schule. Wenn man den Kopf öffnet. Und man erinnert sich dran, wenn man gesund ist und sich dran erinnern will.

      • Maike sagt:

        Ich stosse mich vielmehr an

        Falls man die Schule einst auch einmal inhaltlich reformieren wollte, plädiere ich für Grundlagenkurse

        Da plädiert jemand etwas zu tun, was aber schon in der Vergangenheit liegt ???

      • Muttis Liebling sagt:

        @Maike

        Es wird wohl immer reformiert, aber nicht inhaltlich. Statistisches Denken ist auch Maturanden überwiegend so unbekannt wie Ernährungs-, Allgemeine Gesundheits- und Krankheitslehre.

        Es gibt eine weithin beobachtbare Asymmetrie zwischen Interesse und Duchbildungsgrad. Je mehr Interesse, umso weniger Bildung.

        Vgl. nur im MB die Esoteriken der ‚zuckerfreie Ernährung‘ oder gar ‚gesunde Ernährung‘, die Imagination eines ‚dritten Geschlechtes‘. Das sind Bildungslücken in der Dimension von Steinbrüchen.

      • Röschu sagt:

        @Maike
        „Da plädiert jemand etwas zu tun, was aber schon in der Vergangenheit liegt ???“
        Nein.

      • tststs sagt:

        „Statistisches Denken ist auch Maturanden überwiegend so unbekannt wie Ernährungs-, Allgemeine Gesundheits- und Krankheitslehre.“

        Mal ein zustimmendes Wort: ein bisschen mehr Statistik- und Stochastikwissen würde tatsächlich guttun!

        „Es gibt eine weithin beobachtbare Asymmetrie zwischen Interesse und Duchbildungsgrad. Je mehr Interesse, umso weniger Bildung.“
        Wie ist dies zu verstehen? Ich dachte, es sei gerade umgekehrt, je grösser das Interesse, desto grösser die Motivation sich Wissen in diesem Bereich anzueignen!

    • SrdjanM sagt:

      Sie besitzen einen wirklich besonderen und überdurchschnittlichen Scharfsinn für sprachlich und logisch unzureichende Formulierungen!

      Sie liegen damit so weit ausserhalb aller üblichen Normen für Kommentatoren in Tageszeitungen, dass Sie sich wirklich einen Umstieg auf die Blog-Form überlegen sollten.

      Ihnen und uns zuliebe.

      Entsprechende Förderungsangebote des Kantos oder durch Private finden Sie bestimmt online.

      • tststs sagt:

        Schön wärs. ML hat die unglaubliche Gabe, Sätze so intelligent klingen zu lassen, dass man deren Inhalt sofort glaubt.
        Dem ist aber öfters nicht so.

        Ich möchte ML hier auf keinen Fall diffamieren (ganz im Gegenteil, er/sie ist ein richtig guter Sparringspartner im logischen Denken), aber bitte lassen Sie sich durch seine gute Schreibe nicht blenden.

  • Colisa sagt:

    Bester Blog ever! Danke Nils Pickert.

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.