Wie es wirklich ist, alleinerziehend zu sein

Mamablog

Arbeiten bis zum Umfallen: Freizeit gibt es als alleinerziehende Mutter keine mehr. Foto: Getty Images

Welche Alleinerziehende* kennt es nicht? Jemand aus dem Umfeld sagt: «Weisst du, ich bin ja auch so gut wie alleinerziehend. Mein Mann ist nie da, und wenn er da ist, macht er mehr Arbeit, als er hilft!» Wie soll man auf so was reagieren? Am besten lächeln, tief durchatmen, weitergehen und an etwas Schönes denken. So mach ich es zumindest.

Aus eigener Erfahrung sage ich euch, liebe «So-gut-wie-Alleinerziehende», ihr habt wirklich keine Ahnung, was es bedeutet, ganz allein für die Kinder zu sorgen! Darum will ich das jetzt mal in aller Deutlichkeit sagen. Alleinerziehend sein bedeutet: einen Fulltime-Job haben, mit den Kindern Hausaufgaben machen, Elterngespräche führen, den Haushalt schmeissen, im Sportverein der Kinder mithelfen, Geburtstagsfeste organisieren, Weihnachten feiern und alle Geschenke besorgen, Waldhütten bauen, in der Nacht Monster vertreiben, Prinzessinnenkostüme nähen, den Osterhasen unterstützen, Rechnungen zahlen, das Auto in die Werkstatt bringen, Steuererklärung ausfüllen, Ferien planen, Krankenkassen vergleichen und so weiter.

Bloss keine unvorhergesehenen Absenzen!

Alleinerziehende müssen jede einzelne Entscheidung mit allen daraus resultierenden Konsequenzen ohne Rückhalt vom Partner treffen. Diese Verantwortung können sie mit niemandem teilen. Sie müssen Vater und Mutter zugleich sein. Das ist eine unglaublich grosse Last. Eine Last, die nicht vorübergehend ist, weil der Partner mal eben auf Geschäftsreise weilt. Nein. Alleinerziehend ist man 24 Sunden, 365 Tage im Jahr.

Im Job muss ich als alleinerziehende Mutter mindestens 100 Prozent leisten, da ich sonst Gefahr laufe, als überfordert abgekanzelt zu werden. Inständig hoffe ich, dass die Kinder nicht krank werden oder sich etwas in die Nase stecken; dass sie nicht in eine Schlägerei geraten oder ich sie aus irgendeinem anderen Grund von der Schule abholen muss. Oberste Prämisse ist stets: Bloss keine unvorhergesehenen Absenzen! Diese goutieren weder das Team noch die Vorgesetzten.

Auch dass ich vor der eigentlichen Arbeit bereits zig Diskussionen über kurze Hosen im Winter, Regenstiefel im Hochsommer oder das Tragen von Mützen nach dem Schwimmunterricht mit den Kindern geführt habe, lächle ich mit Vorteil einfach weg, mache den Switch in die Berufswelt und agiere als Businessfrau in meinem Job. Über Mittag erledige ich die Einkäufe oder powere mich im Fitness aus, damit ich nach der Arbeit schnellstmöglich zu Hause bin und das Abendessen bereitmachen kann.

Funktionieren mit leeren Akkus

Es folgen hitzige Diskussionen über unfaire Hortleiter und Turnlehrerinnen, die beim Fussballspiel nicht richtig gepfiffen haben, und die Freundin, die nun doch nicht den vereinbarten pinken Hasenpulli in der Schule getragen hat. Niemand fragt mich: «Wie war eigentlich dein Tag?», oder «Läuft das neue Projekt gut»? Nach der Gutenachtgeschichte wartet die Hausarbeit. An manchen Tagen bin ich dermassen erschöpft, dass ich direkt mit den Kindern ins Bett falle, auch wenn es erst kurz nach acht ist.

Wie es sich anfühlt, wenn ich mit Fieber im Bett liege und niemand da ist, der mich mal als Mami vertritt, oder wenn ich aufgrund einer Reorganisation in der Firma die Stelle verliere und Angst habe, die Rechnungen nicht mehr zahlen zu können, muss ich an dieser Stelle wohl nicht mehr erklären. Denn auch wenn meine Akkus leer sind, muss ich weiter funktionieren. Da ist niemand, der mich in den Arm nimmt, mich tröstet, mich festhält und mir versichert, dass schon alles gut werden wird.

Nun frag ich dich, liebe «So-gut-wie-Alleinerziehende», denkst du tatsächlich, dass dich dein mehr oder weniger bequemer oder oft abwesender Mann nur ansatzweise in die Situation bringt, dich als alleinerziehend zu beklagen?

* Dieser Bericht ist aus der Sicht einer Frau geschrieben, darum wird durchgängig die weibliche Form verwendet. Alleinerziehende Männer sind selbstverständlich mitgemeint.