Mutterschaftsstrafe für Kinderlose?

Von wegen freiwillig: Solange wir in alten Rollenbildern verharren, werden Frauen «bestraft». Foto: iStock

Ein Kind bekommen – das verändert vieles im Leben. Nicht ganz unwichtig: auch den Lohn. Zumindest bei Frauen. Das zeigt eine kürzlich veröffentlichte Studie mit Beteiligung der Uni Zürich.

Ein Kind zu bekommen, führt gemäss Studie dazu, dass Mütter im Durchschnitt rund die Hälfte weniger verdienen als vor der Geburt – und zwar auch zehn Jahre später. Die Autor*innen der Studie nennen das «Kinderstrafe». Ich würde es Mutterschaftsstrafe nennen. Denn: Bei Vaterschaft lässt sich kein solcher Effekt feststellen.

Freiwillige Entscheidung versus Strafe

Die Daten stammen zwar aus Deutschland und Österreich – viel besser dürfte es aber in der Schweiz nicht aussehen. Immerhin etwas besser ist die Lage in den USA und dem Vereinigten Königreich mit 31 beziehungsweise 44 Prozent, und noch besser in Schweden und Dänemark. Dort beträgt die Mutterschaftsstrafe bei Frauen «nur» rund ein Viertel des vorgeburtlichen Lohns.

Auf das Durchschnittseinkommen drücken in allen sechs untersuchten Ländern erstens jene Mütter, die nicht mehr in den Arbeitsmarkt zurückkehren und somit gar keinen Lohn mehr erhalten. Oft unfreiwillig, wie der Blogbeitrag «Frau ist schwer vermittelbar» verdeutlichte. Zweitens sinkt das Durchschnittseinkommen, weil Mütter mehr als Väter ihre Pensen reduzieren. Und drittens verdienen die Mütter im Durchschnitt schlicht auch weniger als Väter im gleichen Alter und mit gleich viel Arbeitserfahrung.

Natürlich liesse sich einwenden, dass Frauen die «Arbeit aus Liebe» zu Hause ja freiwillig verrichten und selbst entscheiden, die Kinder mehr zu umsorgen als Väter, mehr zu putzen und zu kochen. Eine Strafe könne das kaum sein, auch nicht, wenn sie sich so krass im Geldbeutel widerspiegle. Das ist aber zu kurz gegriffen.

Denn die Frage ist, was hier «freiwillig» bedeutet. Und inwiefern die Entscheidungen einzelner die Lohnungleichheit erklären.

Frauen arbeiten gleich viel, für weniger Lohn

Eine Mutter, die nach der Geburt ihr Pensum auf 80 Prozent reduziert, wird beleidigt, muss sich anhören, eine Rabenmutter zu sein, wird bemitleidet. Währenddessen der Vater, der sein Pensum auf 80 Prozent reduziert, viel Zuspruch und Lob erhält für die Zeit, die er sich für seine Kinder nimmt. Freiwillig ist in diesem Kontext ein grosses Wort. Zumal Frauen im Schnitt gleich viele Stunden arbeiten wie Männer – wenn man die unbezahlte Arbeit mitzählt.

Und: Der Vergleich der Männer- und Frauenlöhne zeigt gemäss anderen Studien bereits beim Einstieg in den Arbeitsmarkt eine Lohnschere. Also auch bei kinderlosen Erwachsenen, die über die dieselben Qualifikationen verfügen und in vergleichbaren Berufen und Branchen arbeiten. Wenn wir von Lohnungleichheit reden, ist die Mutterschaftsstrafe also nur eines von vielen Phänomenen.

Aber bleiben wir dabei. Denn hier bleibt die Frage, weshalb sich die in der Studie untersuchten Länder so stark unterscheiden. Einerseits wegen ihrer unterschiedlichen Familienpolitik, zum Beispiel Dauer und Ausgestaltung des bezahlten Elternurlaubs oder Subventionen bei der Kinderbetreuung.

Der Bundesrat scheint die Rollenbilder nicht ändern zu wollen …

Damit lässt sich der Unterschied gemäss den Autor*innen der Studie aber nur zum Teil erklären. Eine weitere Ursache liegt in den vorherrschenden Normen und Rollenbildern. Je mehr Menschen in einem Land finden, dass Frauen zu Hause bei ihren Kindern bleiben sollen, desto grösser die Mutterschaftsstrafe. Solange sich in einer Gesellschaft die Rollenbilder also nicht ändern, solange werden Phänomene wie die Mutterschaftsstrafe fortbestehen. Und damit wären wir wieder bei den individuellen, freiwilligen Entscheidungen, die nicht als Erklärung herhalten dürfen.

Lohnungleichheit nur auf die Entscheidungen einzelner zurückzuführen, wäre fatal. Erstens, weil die Lohnungleichheit schon lange vor der Mutterschaft startet. Und zweitens, weil die vorherrschenden Normen und Rollenbilder die individuellen Entscheidungen massgeblich beeinflussen. Da mutet es als Signal schon sehr merkwürdig an, wenn der Bundesrat nicht nur die Volksinitiative für einen vierwöchigen Vaterschaftsurlaub ablehnt, sondern auch den indirekten Gegenvorschlag mit einer zweiwöchigen «Auszeit» für die Väter. Damit wird Männern eine weitere Chance verwehrt, von Anfang an eine aktive Väterrolle zu übernehmen – unabhängig vom Goodwill einzelner Arbeitgeber. Und damit vielleicht einmal das Rollenverständnis zu verändern. Das würde sich dann auch in der Haushaltskasse rechnen.

 

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