Darum streike ich zum zweiten Mal

Am Schweizer Frauenstreik vom 14. Juni 1991 gingen Hunderttausende auf die Strasse – hier in der Basler Innenstadt. Foto: Michael Kupferschmidt (Keystone)

Ich weiss nicht mehr, was es für ein Gedicht war. Und ich würde mich gerne erinnern. Ich hatte es am Frauenstreik 1991 vorgelesen. Weil ich bis dahin nie vor vielen Menschen gesprochen hatte, war ich nervös. Vielleicht war meine Stimme sehr leise. Vielleicht hat niemand die Worte überhaupt verstanden.

Ich freute mich aufs Frausein. Ich freute mich am Frausein. Dieser Frauenstreik war für mich als Zwanzigjährige ein wichtiger Tag. Und ich wollte eine dieser Frauen werden, die für sich und für andere einstehen, die sichtbar sind, laut und fröhlich. Frauen, die mit Trillerpfeifen lärmend aufzeigen, was falsch läuft.

Warum sind wir Frauen nicht noch wütender?

Ich las viel damals. Und trug in mir Geschichten, die von der jahrtausendealten Unterdrückung der Frauen erzählten. Manchmal stellte ich mir vor, wie wir Frauen diese Erfahrungen unserer Vorfahrinnen alle in uns drin haben. Zum Beispiel den Kampf der Suffragetten in England und ihren Hungerstreik im Gefängnis, alle diese unsäglichen Anfeindungen, nur weil sie es gewagt hatten, das Frauenstimmrecht einzufordern. Zum Beispiel das Leiden, das unverheiratete Mütter erlebten. Bis in die Siebzigerjahre nahmen die Schweizer Behörden vielen von ihnen die Kinder weg, weil sie ein «liederliches» Leben führten. Die Geschichte ist voll von Gewalt gegen die Frauen.

Eigentlich wunderte ich mich, dass wir Frauen nicht noch wütender sind. Die Geschichte der Frau ist Teil unserer heutigen Gesellschaft. Ich finde, der Geschichte der Frauen wird zu wenig Aufmerksamkeit beigemessen. Der Frauenstreik hat viel bewegt, und für mich war er ein wichtiger Start ins Erwachsenwerden. Später habe ich mich manchmal für mich geschämt, weil ich dachte, vielleicht gelingt es mir einfach nicht, so wie diese Frauen zu sein. Frauen, die es schaffen, für sich selber einzustehen, die mutig sind. Frauen, die für sich selber Standards setzen, wie sie in der Berufswelt und im privaten Umfeld behandelt werden möchten, die Respekt einfordern, beim Lohn klar sind und auch nicht davor zurückschrecken, über Geld und ihre eigenen Ansprüche zu reden.

Ich bin über mich selber gestolpert

Das braucht zunächst auch einfach viel Selbstvertrauen. Und das hat mir gefehlt. Ich wusste gar nicht, was ich mit der Wut, die ich in manchen Situationen spürte, eigentlich wollte, erkannte das Gefühl oft gar nicht als Wut und richtete diese Wut dann gegen mich als Person. Ich bin immer wieder über mich selber gestolpert. Und manchmal denke ich, vielleicht bin ich auch übers Frausein gestolpert und über die Rolle, in die wir doch so leicht hineinrutschen, wenn wir nicht aufmerksam sind. Diese Rolle der lieben, netten, harmonischen Frau. Und jetzt ist es bald so weit: Der nächste Frauenstreik steht vor der Tür. Meine ältere Tochter ist fast so alt, wie ich es 1991 war.

Der Frauenstreik ist immer noch wichtig. Denken wir daran, wie viel jemand als Kleinkindererzieherin verdient. Und dass diese Person oft vor der Lehre noch schlecht bezahlte Praktika machen musste. Denken wir an die Situation in den Pflegeberufen. Typische Frauenberufe halt. Und vergleichen wir die Situation mit Berufsfeldern, wo Geld hin und hergeschoben, investiert und geprotzt wird.

Die Wirtschaftsmacht ist vor allem männlich

Ein anderes Beispiel: Die Landwirtschaftskammer des Schweizerischen Bauernverbandes geht nicht auf die Empfehlung des Bundesrates ein, Direktzahlungen nur noch an jene Haushalte zu bezahlen, in denen im Betrieb regelmässig mitarbeitende Partnerinnen sozialversichert sind. Rund 70 Prozent aller Bäuerinnen erhalten keinen Lohn, haben deshalb keinen Anspruch auf Mutterschaftsurlaub und stehen im Scheidungsfall schlecht da. Und dann die katholische Kirche: Hier basiert der Ausschluss der Frauen vom Priesteramt doch auf nichts anderem als einer schweren Diskriminierung der Frauen. Welcher andere Arbeitgeber könnte sich so etwas erlauben? Die Kirche als rechtsfreier Raum.

Gut 60 Prozent der erwerbstätigen Frauen in der Schweiz arbeiten Teilzeit und haben dementsprechend weniger in der Pensionskasse. Bei den Männern sind es nur ungefähr 16 Prozent, die Teilzeit arbeiten. Das hat Folgen für die Vorsorgesituation der Frauen. AHV-Beitragslücken sind bei Frauen häufig. Die Wirtschaftsmacht ist immer noch vor allem männlich. Und wer in der Wirtschaft mächtig ist, steuert eigentlich alles. Ich freue mich auf den Frauenstreik, weil er aufzeigt, dass gerade in der Care-Arbeit noch immer sehr viele Ungerechtigkeiten bestehen, weil die Lohngleichheit noch immer nicht erreicht ist und weil der Frauenstreik der Vielfalt der Frauenanliegen eine Farbe gibt.

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