Zu cool für Spielzeug

Vom Liebling zum Problembär: Mit Stofftieren wollen sich Teenager irgendwann nicht mehr sehen lassen. Foto: Cristian Sorin (Pexels)

Vor kurzem hatte meine Tochter eine Freundin zu Besuch. Als ich irgendwann ins Zimmer schaute, sah es aus, als ob eine Bombe eingeschlagen hätte. «Wir richten neu ein», erklärten die zwei und machten sich wieder daran, Zeichnungen abzuhängen und das Regal auszuräumen.

Am Abend fragte ich meine Tochter, was den Ausschlag gegeben habe für diese spontane Aktion. Ihre Freundin habe vorgeschlagen, sie solle ihr Kinder- in ein Teenie-Zimmer umwandeln, sagte meine 9-Jährige. «Und ist es jetzt eines?», wollte ich wissen. Nicht laut der Freundin, erklärte mein Mädchen, «es stehen noch zu viele Spielsachen im Regal».

Playmobil ist für Babys

Spielsachen, so habe ich die letzten Wochen erfahren, gelten schon unter Dritt- und Viertklässlern als Babyzeug. Nicht nur Puppen und Stofftiere, auch Playmobil oder Lego sind offenbar Dinge, mit denen man sich als cooles Kind nicht mehr sehen lässt.

Aufgefallen ist mir das zum ersten Mal, als ich mit meinen Kindern unterwegs war zum Papa. Meine 9-Jährige nahm ihr Playmobil-Auto mit und trug es in der Hand. Sie spazierte zuerst ganz zufrieden neben mir her – bis uns ein paar Fünftklässler entgegenkamen und sie das Auto sofort versteckte: «Das ist voll peinlich, wenn die mich damit sehen.»

Hatten wir früher in dem Alter nicht noch ganze Nachmittage lang Familie gespielt mit unseren Puppen – und zwar draussen, vor aller Augen? «Ich habe persönlich auch den Eindruck, dass Kinder heute mit vielem früher beginnen», sagt Barbara Wüthrich, Fachverantwortliche bei der Elternberatung von Pro Juventute, «und dadurch haben sie auch früher das Gefühl, aus gewissen Dingen schon herausgewachsen zu sein, eben zum Beispiel dem Spielen mit Lego oder Playmobil.» 

Spielen ist essenziell

Dabei ist Spielen enorm wichtig für die kindliche Entwicklung. Kinder vertrödeln nämlich keineswegs ihre Zeit, wenn sie ihre Teddys wickeln oder Lego-Häuser bauen. Nein, sie lernen im freien Spiel ganz viele Dinge: Im Kleinkindalter wird vielleicht eher die Motorik gefördert, später das Einfühlungsvermögen, indem man unterschiedliche Rollen einnimmt – und natürlich die Kreativität und Fantasie.

Wüthrich sagt, dass das Spiel auch für Teenager nach wie vor essenziell sei. Es wäre ihrer Meinung nach jedoch falsch, das Kind aktiv zum Spielen motivieren zu wollen: «Spielen zeichnet sich gerade dadurch aus, dass selbstbestimmt gehandelt wird.»

Viel effizienter ist es laut Wüthrich, ab und zu bewusst Langweile beim Kind aufkommen zu lassen. In solchen Situationen entwickeln sich nämlich ganz von alleine die besten Spielideen. Und vielleicht müsse man als Erwachsener auch die eigene Vorstellung von «Spielen» überdenken.

Gamen gehört dazu

«Eine Streitfrage zwischen vielen Eltern und Kindern ist oft, ob Gamen auch zum Spielen gehört», so Wüthrich. Wenn aber Spielen heisst, einer selbstbestimmten Tätigkeit nachzugehen, die Spass macht und in der die Kinder sich ausprobieren können, «dann gehört Gamen ganz sicher zum Spielen dazu.»

Ich habe mit meiner Tochter über das Thema geredet und sie darin bestärkt, ihren eigenen Interessen nachzugehen, egal, was andere sagen. Und ihr gesagt, dass ich persönlich es toll finde, wie viel Kreativität sie mit ihren Playmobil an den Tag legt. Sie verbringt nämlich einen Grossteil der Zeit damit, das dreistöckige Haus einzurichten: Sie hängt Lichterketten auf, bastelt Kartonmöbel und bemalt winzige Leinwände, die sie anschliessend ins Haus klebt. Ist alles fertig, filmt sie das Ganze und kommentiert jeden Raum in tadellosem Hochdeutsch – Youtube lässt grüssen.

Nur zwischendurch spielt sie noch wie früher Rollenspiele mit den Figuren, oft gemeinsam mit dem jüngeren Bruder. Ein Weg, den laut Barbara Wüthrich viele Kinder gehen, denn «mit Jüngeren zusammen können sie nochmals richtig in Spielwelten eintauchen und sich auf Dinge einlassen, für die sie doch schon viiiel zu alt wären».

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12 Kommentare zu «Zu cool für Spielzeug»

  • britsi sagt:

    Lego sind bei meinem Teenager (13,m) immer noch hoch im Kurs. Allerdings ist es ihm enorm wichtig zu betonen, dass er keinesfalls Lego „spiele“, er „konstruiere“…

  • Cybot sagt:

    Es gibt Lego-Sets, für die sogar Fünftklässler noch zu klein sind. Man muss als Teenager halt auch lernen, manchmal auf die Meinung der anderen zu pfeifen. im übrigen ist ein Fünftklässler noch kein Teenager, von einer 9-Jährigen ganz zu schweigen.

  • Suchmaus sagt:

    Ja ich ab ein Sohn 8 Jahre alt und er spielt auch gerne. Dafür haben seine Klassenkameraden nicht viel Verständnis. Gaumen ist in alles andere ist zu kindisch, das höre ich auch von Eltern und von Lehrpersonen, das mein Sohn zu verspielt ist. Was er aber kann und viele in seinem Alter nicht ist, er kann Berufe im Detail erklären oder baut sich aus Karton Laptop und Drucker mit Kabel in Form von Faden oder so. Ich denke diese Weitsicht haben viele Gamer dann nicht. Entweder man hat Glück oder nicht was die Klassenkameraden wollen. Ist halt so.

  • Reto sagt:

    Kinder und Teenager wollen oft cool wirken. Dabei soll man ruhig sein Leben lang spielen. Völlig egal, ob mit Lego, Playmobil, Games oder Brettspielen. Spielen macht Freude, und steht somit für eine schöne Zeit. In angesagten Firmen gehören Nerf-Gefechte längst zum Büroalltag.
    Ach, was vermisse ich die richtig geile Bude, in der der Patron regelmässig mit einer neuen Nerf-Gun aus seinem Büro stürmte und alle unter Beschuss nahm.

  • Maike sagt:

    Meine Tochter wird im September 30 und hat sich dazu eine Barbie gewünscht… Für gewisses Spielzeug ist man nie zu alt oder zu jung.

  • Reincarnation of XY sagt:

    Etwas mehr Selbstbewusstsein wäre schon gut. In den Kreisen meiner Jungs dürfen die Kinder mehr zu sich selbst stehen. Da kommt der gestylte Skater mit 12 immer noch mit seinem Teddybär zum Übernachten und keiner macht ihn blöd an. Diese Freiheit find ich super.

    Braucht etwas Glück mit dem Freundeskreis, aber wir tragen ja auch etwas dazu bei. Wenn die Kinder zu Hause lernen, dass Sie zu sich selbst stehen können, werden sie mit dieser Haltung auch ihre Freunde prägen und sie machen nicht den Fehler, dass sie sich verbiegen und verleugnen, nur um bei den anderen anzukommen.

  • Papperlapapi sagt:

    Eine Neunjährige ist kein Teenager.
    Die Beobachtungen der Autorin kann ich nicht teilen.
    Meine 13-jährige hat bis 12 gerne mit Playmobil gespielt. Tatsächlich Teenager geworden, also 13 und nicht 9, hat sie das Zeugs aus ihrem Zimmer in die Abstellkammer verräumt. Altersadäquat.
    Der 10-jährige spielt noch sehr gerne mit Lego.
    Abgeräumt habe ich dieses Frühjahr den Sandhaufen, nachdem er letztes Jahr nie mehr benutzt worden ist.
    Die Kinder entwickeln sich, die Interessen wandeln sich mit dem Alter. Ich vermag kein Problem zu erkennen, würde mir Sorgen machen, wenn es nicht so wäre.

    • tststs sagt:

      Nun ja, es ist ja die Tochter, die ihr Zimmer als Teenie-Zimmer bezeichnet. Es gibt halt so Kinder, die nach „Älterem streben“ (sorry, mir kommt kein besserer Begriff in den Sinn). Ich war genau so ein Kind: immer 5 Schritte vor der Familie laufen, dass ich das Gefühl hatte, ich sei alleine unterwegs. Und mit 14 war ich gemäss Selbsteinschätzung natürlich schon längstens erwachsen!
      Nur die Legos, die habe ich nie weggeräumt 😉

    • Lichtblau sagt:

      Meine Tochter hat auch mit ca. 13 Jahren tabula rasa gemacht. Ein paar der schönsten Plüschtiere habe ich danach in die Einrichtung „integriert“ (den Tiger, die Schlange und die Giraffe). Zu schaffen machte mir eher, dass sie bei ihrem kürzlichen Auszug kein einziges Kinderbuch mitnahm. Während ich meine bis heute hüte wie Schätze.

  • tststs sagt:

    Hüstelhüstel… Sie müssten noch kurz klarstellen, ob sich das „gamen“ auf digitale oder analoge Games bezieht 😉

    • Maike sagt:

      Gamen aus dem Kontext harausgelesen bezieht sich hier auf das digitale Spielen. Und unter der Prämisse das Spielen einer – selbstbestimmten Tätigkeit – nachgehen ist, fällt auch das digitale Gamen unter Spielen.
      Mir persönlich gefällt das analoge Spielen besser, aber mittlerweilen ist da eine ganz andere Generation mit anderen Massstäben in einer anderen Umwelt herangewachsen. Die finden WoW usw. genauso toll wie wir seinerzeit Malefiz etc. Jedem das seine.

    • Cybot sagt:

      „Gamen“ ist per Definition digital.

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