Ich bin Mama und hochsensibel

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Hochsensible Mütter haben eine äusserst enge Bindung zu ihren Kindern. (Foto: iStock)

Das Thema «Hochsensibilität» ist zurzeit in aller Munde. Vereinfacht gesagt, beschreibt dieser Ausdruck Menschen, die über eine sehr sensible Wahrnehmung und eine Feinfühligkeit der Sinne verfügen. Die Ausprägungen sind unterschiedlich. Ich bin Mama und hochsensibel.

Ein wichtiger Teil meines Lebens war immer der Rückzug. Ich brauchte viel Zeit für mich, um meine Gedanken und Gefühle zu ordnen und Eindrücke zu verarbeiten. Zusammen mit ausreichend Schlaf und Ruhe war dies essenziell, um mein inneres Gleichgewicht zu halten, Kraft zu schöpfen und gestärkt wieder in den Alltag zurückkehren.

Meine Schwangerschaft stellte mich in dieser Hinsicht vor eine grosse Herausforderung. Ich war fortan nicht mehr alleine – keine Sekunde mehr. Es war ein kompliziertes Gefühl, dass ich meinen Körper mit einem anderen Menschen teilte. Überdies nahm ich mein Baby sehr intensiv wahr: Seine Bewegungen, wie es ihm ging, ob es schlief usw. Je länger die Schwangerschaft dauerte, umso schwieriger wurde eine klare Selbstwahrnehmung und umso mehr sehnte ich mich danach, meinen Körper wieder für mich alleine zu haben.

Schlafmangel und Gewichtsverlust

Nach einer schwierigen Geburt war es mir mangels Milcheinschuss nicht möglich, mein Kind zu stillen. Wochenlange Versuche blieben erfolglos. Heute weiss ich, dass dies ein Ausdruck der Überforderung in der Schwangerschaft und Geburt gewesen ist. Ich war geistig, emotional und körperlich an meine Grenzen gestossen, und mein Körper wollte sich nur noch zurückziehen und erholen.

Zu Hause brauchte mein Kind von allem sehr viel – ausser Schlaf. Ich bewegte mich in einem Radius von 4 Metern um es herum. Einen grösseren Abstand liess es nicht zu. Und für mich war klar, dass ich meinem Kind alles geben würde, was ich zu geben hatte. Den lang ersehnten Rückzug, ja, ich hätte ihn gebraucht, um mich zu sammeln und die Schwangerschaft und Geburt zu verarbeiten. Aber jetzt war keine Zeit dafür. Es gab nun jemanden, der wichtiger war als ich. Ich schlief und ass wenig und hatte den Drang, alles richtig machen zu müssen. Beim ersten Kontrolltermin ermahnte mich die Gynäkologin aufgrund meines raschen Gewichtsverlustes, mehr zu essen. Ich war so sehr mit den Bedürfnissen meines Babys beschäftigt, dass ich meine eigenen vergass.

Das schlechte Gewissen als steter Begleiter

Erst nach drei Monaten realisierte ich, dass ich etwas ändern musste. Es war ein Nachmittag, an dem ich wie gewohnt mit meinem Baby zu Hause war. Ich erinnere mich, wie es schrie und ich es einfach nicht beruhigen konnte. Die Emotionen meines Kindes empfand ich so intensiv wie meine eigenen. Es gab keine Trennung zwischen Du und Ich. Irgendwann weinte ich nur noch. Ich wusste nicht mehr weiter und fühlte mich entkräftet. Am Abend sprach ich das erste Mal mit meinem Mann über meine Überforderung. Wir vereinbarten Auszeiten, die ich mir nehmen sollte, um wieder ein Gefühl für meine eigenen Bedürfnisse zu bekommen. Das Problem war, dass ich mir diese Auszeiten selten nahm. Mich plagte ein schlechtes Gewissen, und an mir nagte der Gedanke, keine gute Mutter zu sein.

Nach dem Mutterschaftsurlaub ging ich Teilzeit arbeiten. Die Trennung von meinem Kind tat mir unglaublich weh, sodass ich oft mit Tränen in den Augen im Zug zur Arbeit sass. Und doch muss ich rückblickend sagen, dass dies meine Rettung war. Ich war nun regelmässig für mehrere Stunden wieder eine eigenständige Person. Auch wenn ich immer noch unter dem Schlafmangel litt und die Anforderungen im Büro hoch waren, spürte ich langsam wieder, dass es mich immer noch gab. Meine Selbstwahrnehmung kehrte zurück.

Die eigenen Grenzen kennen

Heute ist mein Kind drei Jahre alt, und ich bin momentan Vollzeitmami. Die Verschmelzung von Du und Ich geschieht immer noch. Die Gefühle meines Kindes nehme ich oft so stark wie meine eigenen wahr. Das kann im Alltag problematisch und bei Erziehungsfragen hinderlich sein. Im Unterschied zu früher nehme ich mir heute den Raum und die Zeit für mich, die ich brauche. Oder zumindest versuche ich es. Ich habe gelernt, dass die Quittung sehr schnell kommt, wenn ich längere Zeit über meine eigenen Grenzen hinweggehe.

Manchmal reicht ein Tag, um wieder in die eigene Kraft zu kommen, manchmal braucht es mehr. Im Alltag sind Achtsamkeit und ein bis zwei Ankerpunkte wichtig, in denen ich ganz bei mir bin. Das können zehn Minuten sein, in denen ich Musik höre, einen Tee trinke und aus dem Fenster blicke. Oder das können zwei Minuten beim Spazieren sein, in denen ich bewusst die Sonne oder den Wind im Gesicht wahrnehme und mich einfach verbunden fühle.

Den Beitrag haben wir auf Wunsch der Autorin anonymisiert. Sie ist Juristin (36) und lebt mit Mann und Kind am Zürichsee. Sie schreibt seit kurzem auf Facebook den persönlichen Blog «Im Herz».

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