Ich pfeif auf das Feminismus-Diktat!

Feminismus ist so individuell, wie wir Frauen es sind: Szene aus «Taffe Mädels». (Foto: 20th Century Fox)

Letzten Freitag war Tag der Frau. Das ganze Wochenende über durften wir Frauen in etlichen Artikeln lesen, was wir sind oder nicht sind und was wir zu sein und zu wollen haben.

Gemäss ein paar Journalistinnen und einigen eifrigen Kommentatoren können wir Frauen im Westen alles haben, alles erreichen, wenn wir uns nur mehr anstrengten. Und aufhörten zu jammern. Denn so wird Feminismus aktuell wahrgenommen: Als grosses Mimimi der faulen Weiber, die sich zu schade sind, sich gegen die Männer durchzusetzen.

Man fördert die Prinzessinnen, wo es nur geht, aber die packen ihre Chancen dann halt doch nicht, heisst es. Der Feminismus sei zu hip geworden, junge Frauen schmücken sich lieber mit trendigen «Girl Power»-T-Shirts, anstatt die Ärmel hochzukrempeln. Und überhaupt bekamen Frauen früher einfach Kinder. Heute sei die Familiengründung die reinste Inszenierung.

Feminismus à la carte?

Darum wird uns zum hundertsten Mal erklärt, was es heisst, Feministin zu sein – als seien wir immer noch zu blöde, es zu verstehen: Frau behält bei der Heirat ihren Namen und stellt ihren Feminismus nicht wie ein A-la-carte-Menü zusammen.

Wir haben verstanden: Es gibt nur faul oder fleissig. Willig oder unwillig. Feministin oder Antifeministin. Und wer es nicht schafft mit der Karriere und der finanziellen Unabhängigkeit, die hat es einfach zu wenig gewollt. Die hat zu wenig gekämpft. Die ist zu weich.

Abseits der akademischen Welt in warmen und modernen Minergie-Büros mit Soya-Lattes in den Znüni-Pausen spielen sich jedoch viele andere Frauen-Leben und Geschichten ab. Ihnen allen sind die Worte in der Wochenend-Presse ein goldgelber, lauwarmer Strahl ans Bein.

Die Pensionierten

So manche Frau über 70 arbeitet in einem kleinen Pensum, weil die Rente ohne Ergänzungsleistungen nicht reicht. Sie krampften ihr ganzes Leben lang, zogen Kinder auf, halfen dem Mann in der Firma, pflegten die Schwiegereltern und haben heute ausser ein bisschen Schmuck und einer kleinen Wohnung: nichts. Diese Frauen strengten sich täglich an und kämpften. Viele von ihnen waren an den ersten Frauenmärschen dabei und haben für das Frauenstimmrecht gekämpft.

Die Hausfrauen und Wiedereinsteigerinnen

Meine Freundin, meine Mutter, meine Nachbarin, sie alle sind Hausfrauen. Sie haben sich in den ersten Jahren nach der Geburt ihrer Kinder entschieden, den Job an den Nagel zu hängen. Aus verschiedensten Gründen: keine subventionierte Kita im Dorf, keine Möglichkeit, die Arbeitsstelle nach dem Mutterschaftsurlaub wieder anzutreten, Freude an der Zeit mit den Kindern oder einfach andere Prioritäten. Einige von ihnen sind Tagesmütter und helfen so anderen Müttern bei der Karriere. Einige von ihnen sind politisch tätig oder beginnen nochmals eine Ausbildung. Und auch wenn die meisten von ihnen den Namen ihrer Männer bei der Heirat angenommen haben, sind sie sehr wohl emanzipiert und leben ihren Feminismus. Mehr als viele Karriere-Frauen.

Die Alleinerziehenden

Wir kennen die Geschichten: Frauen trennen sich und nehmen ihre Ex-Männer mit Alimenten aus. Die Mehrheit der alleinerziehenden Mütter nagt jedoch am Hungertuch und kämpft mit Erschöpfungsdepressionen. Am schlimmsten ist es für die Unverheirateten, die keine Frauenalimente erhalten. Kleines Beispiel gefällig? Er arbeitete 80 Prozent im Detailhandel (Mini-Lohn), sie 60 Prozent als Coiffeuse (Mini-Lohn). Sie trennten sich. Sie waren nicht verheiratet (emanzipiertes Paar). Sie bekommt 700 Franken Alimente für zwei Kinder zugesprochen und betreut die Kinder an durchschnittlich fünf Tagen pro Woche, er an zwei. Man muss kein Mathe-Genie sein, um zu erkennen, dass hier etwas schiefläuft. Bestimmt haben diese Frauen aber in den Augen der Kommentarschreiber sonst was falsch gemacht: Selbst schuld, wer sich den falschen Partner aussucht!

Die Karriere-Mütter

Die Mütter müssen nur wollen: Zum Beispiel nach 14 Wochen Mutterschaftsurlaub an den Arbeitsplatz zurückkehren. Schmonzes! Die wenigsten Frauen können mit triefenden Milchbrüsten, noch schmerzender Geburtsnarbe, einem Still-Rhythmus von zwei bis vier Stunden und nächtlichem Schlafentzug in einer Sitzung (unter Männern) bestehen. Dazu kommt: Die Kinder sind im ersten Jahr Kita ungefähr alle vier Wochen krank. Dazwischen ist man selber krank und irgendwann auch noch der Partner. Auf sechs Monate Pause verlängern kann Frau zwar an vielen Orten, doch auch dann ist das Pensum oft noch zu hoch oder die Arbeit zu viel oder der neue Teilzeitjob unterfordernd.

Nur wollen? Kate Foster kämpft in «Workin‘ Moms» um ihre Karriere. (Foto: Netflix)

Liebe Frauen und Feministinnen, Feminismus funktioniert sehr wohl auch à la carte und individuell: Ich selbst habe zweimal meine Führungsposition für ein paar Jahre auf Eis gelegt, weil ich Kinder geboren habe, und war in der Zeit Hausfrau und Tagesmutter. Ich habe eine Scheidung erlebt und eine zweite Heirat und war sowohl finanziell unabhängig wie abhängig. Heute trage ich mehr zum Familieneinkommen bei als mein Mann, und ich finde es trotzdem völlig in Ordnung, wenn eine Frau sagt, sie wolle nicht Karriere machen. Mehr noch: Ich finde es alles andere als unfeministisch.

Life is not that simple. Feminism is not that simple, ihr Journalistinnen und Kommentarschreiber. Feminismus ist so individuell, wie wir Frauen es sind. Anstatt andere Frauen dafür abzustrafen, dass sie zu wenig oder das Falsche tun, sollten wir uns lieber über jeden Effort und jedes Engagement in Richtung Gleichberechtigung freuen.

Weitere interessante Postings zum Thema: