Jetzt fehlt mir doch ein Geschwister

Sie kennen sich in- und auswendig, sie ärgern und versöhnen sich: Geschwister. Foto: Getty Images

Ich bin als Einzelkind aufgewachsen. Ich hatte meine Freundinnen, aber ich konnte mich auch bestens alleine beschäftigen. Stundenlang spielte ich mit meinem Playmobil-Bauernhof oder kochte Löwenzahnsuppe und Grasspaghetti für meine Stofftiere. Niemand störte oder nervte mich. Ich war zufrieden mit mir und meiner kleinen Welt.

Meine Eltern hatte ich – einzeln, da sie getrennt lebten – jeweils für mich. Kein Kampf um Aufmerksamkeit. Keine Eifersucht. Kein Geschrei (zumindest nicht unter Kindern). Manchmal war mir langweilig, logisch. Trotzdem antwortete ich immer, wenn mich jemand fragte, ob ich mir Geschwister wünschte, mit einem klaren Nein. Mir fehlte nichts. Ich kannte es nicht anders.

Keine verhätschelte Egoistin

Auch objektiv betrachtet habe ich aus dem geschwisterlosen Aufwachsen keinen Schaden davongetragen. Studien widerlegen das weit verbreitete Vorurteil, Einzelkinder seien verhätschelte, aufmerksamkeitssüchtige Egoisten, die nicht gut mit anderen Menschen klarkommen. «Im Grossen und Ganzen gibt es keine Unterschiede zwischen Einzel- und Geschwisterkindern», stellt die amerikanische Psychologin und Einzelkind-Forscherin Toni Falbo fest.

Heute habe ich selbst zwei Kinder. Mein Mann und ich hatten so grosse Freude an unserem Erstgeborenen, dass wir uns wünschten, ein zweites Kind auf seinem Lebensweg begleiten zu dürfen. Mir gefällt zudem der Gedanke, dass die Kräfte in unserer Familie ausgeglichen sind: Zwei Erwachsene und zwei Kinder.

Jetzt erlebe ich die Vorteile von Geschwistern. Schon morgens früh legen meine beiden Kinder mit ihren Rollenspielen los. Da ist immer ein potenzieller Spielkamerad. Die Schwester und der Bruder können sich auch mal gegen uns Eltern verbünden. Sie kennen sich in- und auswendig. Sie ärgern sich und sie versöhnen sich. Sie lieben – und sie hassen sich.

Ich bewundere die Verbundenheit

Und jetzt, als längst erwachsene Frau, denke ich häufig, wie schön es wäre, eine Schwester oder einen Bruder zu haben! Ich habe zwar eine Halbschwester, die viel jünger ist als ich. Doch wenn man nicht miteinander aufgewachsen ist, ist es nicht dasselbe.

Ich bewundere diese Verbundenheit, die ich bei vielen erwachsenen Geschwistern beobachte. Man hat die ersten Jahre des Lebens zusammen verbracht, das ist ein stabiles Fundament. Auch wenn man vielleicht grundverschieden ist und im Alltag nicht viel Kontakt miteinander hat, weiss man: Da ist jemand, bei dem ich jederzeit nachts um drei klingeln könnte. So wird es mir jedenfalls von Freundinnen und Freunden mit Geschwistern erzählt.

Gerne würde ich mal mit jemandem über meine Eltern lästern können, der sie genauso kennt wie ich. Es wäre eine Entlastung, die Verantwortung für die älter werdenden Eltern zu teilen. Und eines Tages nicht alleine aus meiner kleinen Herkunftsfamilie zurückzubleiben – dieser Gedanke wäre äusserst tröstlich.

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Warum mein Kind ein Einzelkind bleibt

Das Drama Einzelkind

30 Kommentare zu «Jetzt fehlt mir doch ein Geschwister»

  • Enrico sagt:

    Kleine Randbemerkung:
    Der Mamablog gab beim 10 Jahr Jubiläum 500000 Komentare gebloggt zu haben. Das bei 250 Beiträgen. Das ergibt ein Durchschnitt von 200 pro Beitrag.
    Jetzt stehen wir nach einem Tag bei 30. Ergibt 150000.
    Meine Frage: war der Mamablogg früher viel erfolgreicher und heute sehen wir die letzten Zukungen. Oder sind diese 500000 einfach Fake News ?
    Kann mir jemand dabei helfen ?

    • Enrico sagt:

      Oh, jetzt habe mich noch verrechnet.
      Bei 30 ergibt es natürlich 75000. Entschuldigung für meine Fake News.

    • Poison Ivy sagt:

      Enrico – Sie sind irgendwie witzig. Ihren Kommentaren entnehme ich, dass Sie ein ziemlich unentspanntes Verhältnis zum Mamablog haben. Und trotzdem tauchen Sie immer wieder hier auf. Warum tun Sie sich das an?
      Ich an Ihrer Stelle würde einfach was anderes lesen.

  • Tamar von Siebenthal sagt:

    Meine ältere Schwester hat mich vom ersten Tag ab meiner Geburt gehasst. Psychoterror und körperliche Misshandlungen waren praktisch Alltag und auch im Erwachsenenleben wurde keine Gelegenheit verpasst, mich zu demütigen, eins ans Bein zu pissen und mich bei anderen schlechtzumachen. Vor drei Jahren habe ich den Kontakt zu ihr abgebrochen und ich will nie wieder etwas mit ihr zu tun haben.

    Der Kontakt zu meinem Bruder und dessen Familie ist eng und innig. Er hat ebenfalls keinen Kontakt mehr mit seiner Schwester.

    • Esther sagt:

      @Tamar : ich habe auch eine solche Schwester leider. Ich denke sie ist nicht nur eifersüchtig seit meiner Geburt, aber sie ist mit Sicherheit eine perverse narzisstin. Sie hat 3x gut geheiratet, sehr nette Männer, aber jedes mal ist es schiefgegangen. Narzissitisch und ungemein stolz und also stets beleidigt macht jemanden etwas besser als sie. Sehr intelligent aber keine Herzintelligenz.

    • Poppy sagt:

      Ich denke, Frau Sattler idealisiert, weil sie nicht am eigenen Leib erfahren hat, was für Scheusale Geschwister sein können, auch wenn man sie gerne hat.

  • Anh Toàn sagt:

    Haben zwei Einzelkinder Kinder, haben die weder Onkel noch Tanten und viel trauriger, auch keine Cousins und Cousinen. Viel zu wenig Leute in den Familien, hat mal jemand geschrieben, sei der Grund, warum heute so viele Ehe geschieden werden. Heute heirate man eine Person, früher eine ganze Sippschaft. Da gibt’s Ablenkung, Ausgleich, Trost, einen anderen als den Ehepartner um sich zu ärgern.

    • Sonusfaber sagt:

      Ich habe unzählige Tanten, Onkel, Cousins und Cousinen (gehabt), dazu noch Grosseltern und Geschwister und deren Kinder und so weiter und so fort und obwohl ich nach wie vor ein harmonisches Verhältnis zu allen habe (auch zu meinen Geschwistern), erlebe ich die ganze Sippschaft als geradezu erstickend, bisweilen sogar als Bedrohung. So sehr, dass ich eines schönen Tages die Flucht ergriffen habe – seither bin ich nur noch telefonisch erreichbar, seither geht es mir definitiv besser, seither bin ich aufgeblüht.

      • Esther sagt:

        mann solte sowieso nicht zu nahe der Familie wohnen. Imselben Land bleiben ok aber mit einer gewissen distanz. Oder dann man hat eine super Familie, eine herzliche. Das gibt es auch, ist aber eher selten.

      • Poppy sagt:

        Ging mir auch so. Familie kann erstickend sein mit ihren Ansprüchen und Projektionen.

  • Synn sagt:

    Mir geht es genau gleich, mit dem Unterschied, dass ich mir schon von klein auf sehr ein Geschwister gewünscht hätte. Natürlich ist der Gedanke nicht ständig präsent und mir gehts auch gut als Einzelkind. Trotzdem habe ich manchmal das Gefühl, dass da einfach jemand fehlt mit einer gemeinsamen Vergangenheit von klein auf.

  • Florian Hofstetter sagt:

    Sie haben mir aus der Seele gesprochen. Als Einzelkind von Scheidungseltern war ich eigentlich immer happy. Nun aber, da die Eltern älter werden und eine gewisse Belastung darstellen können, fehlt mir die Unterstützung von Geschwistern. Ob nun schlussendlich es wirklich anders wäre mit Bruder oder Schwester kann ich nicht beurteilen. Aber es stimmt, die Verbundenheit von Geschwistern, die ich manchmal sehe, finde ich schon toll. Wenn die Geschwister denn wirklich gut miteinander klarkommen und sich als Individuen sehen!

  • Brunhild Steiner sagt:

    Schöner Text, danke.
    Unser Umfeld präsentiert alle möglichen Varianten von gelungenen bis zu desaströsen Geschwisterbeziehungen.
    Deshalb nahm ich eine gute bis wertvolle Geschwisterbindung nie für selbstverständlich, sondern habe mich aktiv um die „Geschwisterschaft-Bildung“ unserer Kinder bemüht, resp tue das noch immer.

    Für mich etwas vom Wertvollsten das wir unsren Kindern mitgeben können, da es sie bis an ihr Lebensende begleiten wird.

    Ist selbstverständlich keine Garantie, aber es von alleine zu erwarten noch viel weniger.

    • Christina sagt:

      Unsere Mutter pflegte, wenn wir gerade hässig waren miteinander, meinen Bruder und mich zu ermahnen: „Seid gut miteinander, ihr habt nur euch!“ Jetzt sind wir alt, und genau so ist es.

  • Maike sagt:

    Ich bin mit einer Schwester aufgewachsen, mein Mann mit einem Bruder und so gab es für uns keine zwei Meinungen, als wir uns für Kinder entschieden haben – es sollten zwei werden. Hat glücklicherweise auch geklappt und so haben wir zwei Mädels im Abstand von 1.5 Jahren bekommen.
    Die Betreuung war am Anfang doch etwas stressig, aber schon bald nahm es deutlich gegenüber den Einzelkindern ab. So war immer eine Spielkameradin vorhanden, nur sehr selten waren die Eltern als Entertainer gefragt.
    Noch heute, mit knapp 30 sind sie ganz dicke miteinander, obwohl – oder vielleicht gerade deswegen – sie vollkommen unterschiedlich ticken.

  • Marie sagt:

    Obwohl sich manche Geschwister nicht mögen, bleibt doch der Fakt dass sie eine Familie bleiben wenn dann die Eltern nicht mehr sind. Wir sind 4 Kinder, alle verschieden. Einzelkinder, die dazu noch 2 arbeitende Eltern haben, sind sehr einsam. Sie brauchten unbedingt einen Hund damit zuhause jemand da ist für sie, liebevoll und präsent.

    • Barbara V.E. sagt:

      Echt jetzt? Einen Hund? Weil das Kind sonst niemanden hat der liebevoll und präsent ist?
      Ich finde den Satz echt unfair: dem Hund und den Eltern gegenüber. Der Hund als „Liebes-Tankstelle“ und die Eltern… herzlos und karrieregeil und ohne Liebe für das Kind oder was?!
      Ich war alleinerziehende Mutter und hatte die Tochter tagsüber bei Tageseltern, wo sie liebevoll in die Familie integriert war und wenn ich Feierabend hatte, kümmerte ich mich um das Kind. Ich war liebevoll und präsent. Der Haushalt kam, wenn das Kind im Bett war oder später in der Jugi oder am Samstag in der Jungschi.
      Ach ja: wer kümmert sich um den Hund? Das Kind? Wer bezahlt das Fressen und geht Gassi? Wer einen Hund hat, braucht Zeit und wer schon keine Zeit für ein Kind hat, soll kein Tier halten, finde ich.

      • Marie sagt:

        @Barbara : ich finde man kann nicht einfach ein Kind in die Welt stellen dass niemand zuhause hat und überdem erlaubt man ihm nicht einen Hund zu haben welcher doch ein lustiger une treuer Gefährte ist, ist doch niemand zuhause, aber auch wenn Mutter oder Vater zuhause sind. Meine Tochter war auch Einzelkind aber sie hatte 2 Büsis und 1 kleiner Hund, und nach der Schule freute sie sich immer nach Hause zu geheh. Auch ging sie mit dem Hund spazieren. Sie hat sich nie alleine gefühlt. Um 18 Uhr war ich dann zuhause. Also ich kann sagen wir waren eine lebhafte une fröhliche Familie. Der Vater lebte im Ausland muss ich noch zufügen. Also keine präsenz aber Ferien mit ihm 1x pro Jahr 2 Wochen. Gut hatte ich Geschwister die sich um meine Tochter bekümmerten !

  • Reincarnation of XY sagt:

    Gute Gedanken.
    Das Leben dauert länger als die Kindheit.
    Natürlich wäre es falsch etwas nicht vorhandenem nachzutrauern und es zu idealisieren. Man muss man die Realität stets annehmen, alles „wenn“ und „hätte“ ist völlig unnütz. Aber mir gefällt Ihr ausgesprochener Gedanke, dass Menschen eine Bereicherung sind. Heute, liest und hört man so viel menschenfeindliches.
    Geschwister können natürlich auch belastend und keine Stütze sein. Menschen, von denen man sich abgrenzen muss. Sie beschreiben den Idealfall. Aber oftmals ist es so, wie Sie es sagen. Ich bin jedenfalls froh, jemanden zu haben, mit dem ich Kindheit und Elternhaus geteilt habe, gerade jetzt, gerade so, wie Sie es beschreiben.
    Vielen Dank.

  • Sonusfaber sagt:

    Geschwisterliebe ist bis auf wenige Ausnahmen eher Wunschdenken als Wirklichkeit – jedenfalls meinen Beobachtungen nach. Spätestens im Erwachsenenalter, wenn die Eltern pflegebedürftig sind und/oder Erbschaften anstehen, kann auch die grösste Geschwisterliebe schmerzhaft erschüttert werden. Man frage dazu Anwälte, Notare, Psychotherapeuten, Ärzte. In früheren Zeiten, als der Umgang miteinander weniger zimperlich war als heutzutage, haben nicht wenige Potentate ihre Geschwister ins jenweits befördert (oder auch „nur“ in ein Kloster). Das Muster aber bleibt …

    • tststs sagt:

      Streit, Nachtragend sein (und zwar gerne für mehrere Dekaden und gerne auch aus einem nichtigen Grund wie zB wer durfte zuerst gamen), Eifersucht, gerichtlich ausgetragener Hass: All dies sind IMHO auch Zeichen von Geschwisterliebe (und Familie). Das Gegenteil von Liebe ist nicht Hass, sondern Gleichgültigkeit. (Und die schmerzt innerhalb der Familie besonders!)

      • Sonsufaber sagt:

        Ist gerichtlich ausgetragener Hass auch Geschwisterliebe? Dass Sie ihn so nennen, macht ihn nicht angenehmer bzw. weniger zerstörerisch. Ich jedenfalls mag die Art von Geschwisterliebe nicht …

      • Brunhild Steiner sagt:

        @tststs
        ich sehe es ja lang nicht so schwarz wie Sonusfaber, aber Ihre Beschönigung wäre mir nun nicht wirklich Trost.
        Weitergedacht sogar ziemlich heikel.
        Und auch schon als Begründung/Entschuldigung in diversen üblen Fällen benutzt.

        Destruktivität als eine Art verunglückte/verkappte Liebe???
        Wo man sich noch freuen darf dass man nicht in Ruhe gelassen wird, weil dann wäre man der Person ja gleichgültig?

        Diejenigen in wirklich anstrengenden Konstellationen wären wohl um „Gleichgültigkeit“ enorm dankbar…

      • Brunhild Steiner sagt:

        2/
        nur weil das Gegenteil von Liebe nicht Hass, sondern Gleichgültigkeit ist,
        bedeutet nicht, dass Hass eine Art Form von Liebe wäre…

    • Vreni sagt:

      @Tst : ich verstehe sie vollkommen. Geschwister sind nicht immer liebevoll oder auch nur objektiv. Sie können auch ganz schön gemein sein. Jedes hat eben seine Lebenseinstellung.

    • Sybille sagt:

      Man will es nicht wahrhaben, dass die Familie, die heute wieder als Hort alles Guten zu gelten hat, ganz schön gemein sein kann. Erbschaftsansprüche- und Streitigkeiten bspw. gehören zum Übelsten, das man sich vorstellen kann. Beispiel gefällig? Eine meiner Schwestern hat sich ein paar Jahre um die betagte Mutter gekümmert, weil sie ohnehin nichts anderes zu tun hatte. Sie lebte von Mutters Rente im Haus der Familie und bediente sich an ihrem nicht unbeträchtlichen Vermögen, bis gerade genug für die Bestattungskosten übrig blieb. Am Todestag der Mutter hob isch schnell einige 10k ab, wohl wissend, dass sie nachher nicht mehr konnte. Einige Monate nach Mutters Tod fragte ich sie, ob ich ein Andenken an Mutter haben könne.

      • Sybille sagt:

        2/ Daraufhin rückte sie (ungern) eine Brosche heraus, den Rest (teure Teppiche, Möbel, Schmuck, Gold) behielt sie für sich. Wir anderen Geschwister haben um des lieben Friedens willen keine Ansprüche mehr gestellt, ebensowenig in Bezug auf die grossen, nie festgehaltenen „Erbvorbezüge“ (sie hatte Vollmacht über Mutters Konten, wir anderen nicht). Mittlerweile lebt sie allein in unserem geerbten Haus, lässt uns einen Teil der (niedrigen) Hypozinsen zahlen, arbeitet kaum, weil sie sich ja soo aufopfernd um Mutter gekümmert hatte (obwohl notabene immer eine Putzfrau und 2x pro Tag Spitex für basic Pflege kam). Warum ich das hier erzähle? Wären wir nicht Geschwister und würden wir unsere Schwester nicht trotzdem lieben, wären wir längst vor Gericht…

  • Sandy sagt:

    Sie idealisieren. Geschwister können ein Segen sein, müssen aber nicht. Je nach Familienkonstellation können Geschwister auch eine Belastung darstellen.

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