Warum es den Frauentag nicht braucht

Gleichberechtigung braucht Engagement – und offensichtlich auch Zeit. (Foto: iStock)

«Ach, schon wieder Frauentag», höre ich mich in gelangweiltem Ton zu einer Kollegin sagen – und möchte mir gleich auf die Zunge beissen. Dieser Tag hat sicher seine Berechtigung. Doch der Umstand, dass Frauen noch immer jährlich dieselben Parolen fordern und skandieren müssen – 29 Jahre nach meinem ersten Frauenstreiktag –, ermüdet mich.

Aber vielleicht bin ich einfach zu ungeduldig? Weil, was sind schon 29 Jährchen, wenn man weiss, dass der politische Kampf über 100 Jahre dauerte, bis 1971 auch die Schweizer Frauen politische Rechte erhielten. Oder: Dass es weitere sagenhafte 60 Jahre gehen soll – also bis ins Jahr 2079 –, bis Mann und Frau im Westen Europas gleichgestellt sein werden. Diese Prognose stammt aus einem letztjährigen Bericht des WEF und könnte einen pessimistisch stimmen. Genauso wie die Tatsache, dass die Schweiz im Ranking des Glass Ceiling Index fast an letzter Stelle steht, was den Umgang mit weiblichen Arbeitskräften angeht. Die Liste gibt der britische «Economist» heraus.

Jeder Tag ist Frauenkampftag!

Wenn heute Frauen auf der ganzen Welt wieder auf die Strasse gehen und die fehlende Lohngerechtigkeit anprangern, den Sexismus oder die schlechten Sozialleistungen von Müttern und Frauen im Alter, weil sie in ihrem Leben jahrelang unbezahlte Care-Arbeit leisten, dann ist das richtig. Der Weltfrauentag am 8. März, der auch Frauenkampftag genannt wird, soll uns daran erinnern, was wir bislang erreicht haben und was noch alles im Argen liegt.

Entscheidender, weil einschneidender ist allerdings, dass wir auch an den anderen 364 Tagen aufmucken und uns engagieren: Gleichstellung muss in der Gemeindepolitik, im Job, aber auch in den Köpfen der Menschen vollzogen werden; im täglichen Denken und Handeln. Jeder Tag ist deshalb Frauen- oder Menschenkampftag, wenn man so will. Wir müssen gehört werden – wobei mit «wir» Frauen wie Männer gemeint sind. Nur wenn beide Geschlechter zusammenspannen, lässt sich Gleichstellung erreichen.

Denn Themen wie Vereinbarkeit von Beruf und Familie, Teilzeitstellen für Frauen und Männer oder der Ausbau von ergänzender Kinderbetreuung sind keine Frauenfragen. Es sind gesellschaftliche Fragen, und sie gehen alle etwas an. Dasselbe mit der Forderung nach einem Vaterschaftsurlaub oder einer grundsätzlichen Gleichstellung von Vater und Mutter nach einer Trennung. Wenn wir von gleichen Rechten sprechen, dann richtig. Dazu gehört auch die Ehe für alle.

Also handeln wir danach, indem wir …

  • hinstehen und uns für unsere Anliegen einsetzen.
  • Politikerinnen und Politiker wählen, die es mit der Gleichstellung ernst meinen. Sie setzen sich für familienergänzende Betreuung ein, für einen Vaterschaftsurlaub oder eine Elternzeit.
  • Missstände und Verbesserungsvorschläge in unserer Wohngemeinde oder an unserem Arbeitsplatz ansprechen und Verbesserungsvorschläge machen.
  • bei sexueller Belästigung oder Mobbing hin- statt wegschauen.
  • eine partnerschaftliche Rollenteilung als Selbstverständlichkeit leben – und dabei Vorbilder für unsere Kinder sind.
  • uns gegenseitig unterstützen und fördern. Wir reden nicht über Frauenförderung, sondern stellen Frauen ein.
  • uns mit unserer Altersvorsorge (1. und 2. Säule) auseinandersetzen, wenn wir Teilzeit erwerbstätig sind oder gar kein Geld verdienen. (Lesetipp: Frauen, denkt an die Altersvorsorge!)
  • über unseren Lohn reden. Mit unseren Chefs sowie den Kolleginnen und Kollegen. Nur so finden wir heraus, ob er gerechtfertigt ist und keine Differenz aufgrund des Geschlechts vorliegt.

In diesem Sinne wünsche ich allen einen erfolgreichen Tag.

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Sehenswert zudem dieses unterhaltsame Interview mit Alt-Bundesrätin Ruth Dreifuss: «Wie Schweizer Männer bis 1971 Frauen aus der Politik hielten». Erschienen auf BBC World vor zwei Wochen in der Serie «Witness History».