«Nichts ist nur einem Geschlecht vorbehalten»

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Ein Baby braucht nicht nur die Mutter, sondern auch den Vater. Foto: iStock

Wie schafft eine Frau Familie und Beruf? Kann sie nach der Geburt ihres Kindes weiterhin bei der Firma arbeiten? Wird sie erst mal eine Weile daheimbleiben und nach dem Kind schauen?

Geht es ums Thema Gleichstellung oder Vereinbarkeit von Familie und Job, wird meist die weibliche Sicht beleuchtet. Dabei wären die Väter durchaus mitgemeint. Doch Paare, die zu einem ähnlich grossen Pensum die Verantwortung für Berufsarbeit, Kinderbetreuung und Hausarbeit teilen, gibt es in der Schweiz noch immer wenige. «Zu wenige», sagt Margret Bürgisser, Soziologin und Autorin. Sie hat während rund drei Jahrzehnten Schweizer Familien begleitet, die sich Job und Familie hälftig geteilt haben. Ein Gespräch über echte Gleichstellung und was Eltern immer wieder von Neuem diskutieren sollten.

Frau Bürgisser, Sie nennen die partnerschaftliche Rollenteilung ein Erfolgsmodell.
Ja, ich bin aufgrund meiner wissenschaftlichen Arbeit überzeugt von diesem Modell. Ich beschäftige mich seit Jahrzehnten damit, und ich glaube, dass es für einen Teil der Elternpaare möglich wäre. Unter egalitärer Rollenteilung verstehe ich eine Arbeitsteilung zwischen Mutter und Vater, die sich Erwerbsarbeit in Teilzeit, Kinderbetreuung und Hausarbeit teilen. Allerdings bin ich nicht allzu optimistisch, dass das egalitäre Modell in nächster Zeit viel an Terrain gewinnen wird.

Weshalb so pessimistisch?
Allein wie in der Schweiz über einen Vaterschaftsurlaub gestritten wird, ist befremdend. Wir leben in einem der reichsten Länder der Welt, wir haben einen hohen Wohlstand. Mit diesem Hintergrund ist es möglich, dass wir auch in der Schweiz Vereinbarungen für Väter und Eltern treffen, bei denen die Männer sich besser an der Familie beteiligen können. Sei dies mittels Elterngeld wie in Deutschland oder Lösungen wie in Skandinavien. Es gibt viele Länder in Europa, die uns weit voraus sind in Sachen Familienpolitik.

Was sind die Gründe für diese zögerliche Familienpolitik?
Ich weiss nicht, vielleicht sind Mangel an Mut, Mangel an Konsequenz oder Angst dafür verantwortlich, dass es nicht rascher vorangeht mit der Gleichstellung. Sicher ist es kleingläubig und bequem. Wobei konsequenterweise Frauen auch Militär- oder Zivildienst leisten müssten. Wir können nicht eine gleichberechtigte Gesellschaft verlangen, ohne auch hier eine Veränderung anzustreben. Ich sehe im Fitnessclub ja immer wieder, wie sportlich gewisse Frauen heute sind; die Voraussetzungen wären also gegeben.

Gleichstellung heisst, dass beide Geschlechter dieselben Möglichkeiten, Verantwortlichkeiten und Pflichten haben.
Ja. Abgesehen vom Kindergebären lässt sich alles gleichberechtigt aufteilen. Nichts ist nur einem Geschlecht vorbehalten.

Und doch finden sich viele Eltern nach der Geburt ihres Babys in einem annähernd klassischen Rollenmodell wieder. Weshalb?
Man muss es auf zwei verschiedenen Ebenen betrachten. Auf der gesellschaftspolitischen Ebene kämpft man um mehr Rechte, natürlich immer auch im Hinblick auf die Verbesserung beruflicher Chancen der Frau. Sind beide, Frau und Mann, vor der Geburt ihres Kindes beruflich engagiert und ambitioniert, so kann es nicht sein, dass die Frau dies plötzlich begräbt. Doch biologisch gesehen passiert bei der Frau natürlich viel. Die Hormone, die während der Schwangerschaft und Geburt ausgeschüttet werden, sind ein starkes körperlich-geistiges Phänomen. Ein Baby braucht für eine gesunde Entwicklung eine sichere Bindung. Deshalb bin ich so dafür, dass dann auch die Väter ins Spiel kommen. Damit auch sie übernehmen können und während der Kleinkindphase vermehrt in der Familie präsent sind.

Margret Bürgisser ist Soziologin und Inhaberin des Instituts für Sozialforschung, Analyse und Beratung (Isab) sowie Buchautorin. Foto: PD

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass, wer die Haus- und Erwerbsarbeit gerecht verteilen will, die Rollen immer wieder neu definieren muss. Was bedeutet das konkret?
Es bedeutet für die Eltern eine kontinuierliche Veränderung, dabei ist die Entwicklung des Kindes der Taktgeber. Wenn Kinder grösser werden, entspannt sich ja vieles sehr. Ab dem Kindergarten wird ein strukturierter Alltag vorgegeben, oft gibt es einen Mittagstisch und Hort. Ein Kind ist in diesem Alter schon selbstständiger. Dadurch hat jene Person, die die Kinder hauptsächlich betreut, mehr Zeit, etwa um das Arbeitspensum aufzustocken. In meinem Projekt sah ich allerdings, dass Väter, welche ihre Kinder in den ersten Lebensjahren mitbetreut hatten, dies gerne weiterführten. Sie empfanden die Rollenvielfalt und die frühen Jahre als sehr befriedigend.

Was sollen werdende Eltern miteinander aushandeln?
Die Frage, ob man Kinder will, bedarf einer Klärung. Die Diskussion dazu soll grundlegend und verbindlich sein. Es geht um die verschiedenen Arbeiten, die anfallen, wenn man einen gemeinsamen Haushalt führt mit einem Kind. Und es geht um Geld, Macht, Vorteile und Ressourcen. Man muss sich bewusst sein: Mütter, die längere Zeit daheim bleiben, haben einen Verdienstausfall. Das kann vor allem auf lange Sicht negative Folgen haben. Das Paar soll über kurzfristige und langfristige Perspektiven reden. Es sind Gespräche, die konsensorientiert laufen sollen, beide sollen sich dabei wohlfühlen. Es kann hilfreich sein, eine Drittperson dabeizuhaben, etwa bei einer Beratungsstelle.

Wie erleben Sie persönlich die gesellschaftliche Veränderung der Familie?
Heute scheint es mir für viele Paare ein Muss, dass man Kinder hat. Das war anders, als ich jung war. Die Kinderfrage war – genauso wie Verhütung oder Schwangerschaftsabbruch – hochpolitisch. Eine Frau wollte als Frau wertgeschätzt werden, auch wenn sie kinderlos war. Sie wollte sich andere Optionen offenlassen, als eine Familie zu gründen; die Vereinbarkeit von Beruf und Familie war ja auch schwierig. Heute wollen junge Menschen tendenziell alles. Sie wollen den Beruf, die Eigentumswohnung oder ein Haus, Karriere machen, Ferien und zwei Kinder. Das ist die Norm.

Das halten Sie für problematisch?
Dagegen habe ich gar nichts, doch es geht nur gemeinsam, und nach einer Diskussion, wie es das Paar schaffen kann. Entscheidet es sich für eine Familie, dann will es ja auch für die Kinder da sein. Dann kommt die Frage nach der Vereinbarkeit, und da muss man jedes Jahr wieder neu über die Bücher. Oft ist es schwierig, sich längerfristig für etwas zu entscheiden oder Prioritäten zu setzen.

Sie finden, Eltern sollten realistischer sein?
Ich habe grossen Respekt vor der Elternrolle. Es ist eine verantwortungsvolle und schöne Aufgabe, Kinder zu betreuen und zu erziehen. Aber man schränkt sich ein, man muss verzichten und sich anpassen. Es ist eine Verpflichtung, und sie geht über Jahre. Dessen müssen sich Eltern bewusst sein.

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