Und die jungen Väter machen sich aus dem Staub

Von jungen Müttern sieht und hört man in der Schweiz nur wenig – auch weil es verhältnismässig wenige von ihnen gibt. Foto: Brett Sayles (Pexels)

Für Lucia war klar, dass sie das Baby direkt nach der Geburt in eine Pflegefamilie geben würde. Alles war aufgegleist, die Pflegefamilie freute sich auf den Familienzuwachs. «Als Lucy aber da war, blies ich alles ab. Ich hätte sie niemals weggeben können. Das Gefühl, das eigene Kind im Arm zu halten, ist unbeschreiblich. Unbeschreiblich schön.»

Lucia ist zwanzig, ihre Tochter zwei. Im Buch «Junge Mütter» gibt Lucia Einblick in ihr Leben; sie ist eine von neun porträtierten Frauen. Sie erzählt der Autorin und Journalistin Martina Rutschmann über ihr Muttersein, ihren Alltag als alleinerziehende Mutter und ihre Perspektiven. Wie sie noch von der Sozialhilfe abhängig ist, sich mithilfe des Vereins Amie Basel mit anderen jungen Müttern auf die Berufswahl vorbereitet und schon bald eine Lehre als Verkäuferin beginnen will. Wie sie, die mit 13 so rebellisch war, mit ihren blauen Haaren, der dunklen Kleidung und den Piercings, doch nie Mutter werden wollte. Und wie jetzt ein grosses Tattoo mit dem Namen ihrer Tochter auf dem Bauch prangt und sie nicht stolzer sein könnte.

Schwanger in die Schnupperlehre

Oder die Geschichte von Djera, der es damals während einer Schnupperlehre übel wurde, worauf sie zum Arzt ging und glaubte, ihr Zustand hänge mit einer Blutarmut zusammen. Aber Djera war schwanger. Oder von Stephanie, die kurz nach ihrem 18. Geburtstag Julie gebar und ein Jahr darauf den kleinen Jean-Paul. Davor hatte sie sich in der Besetzerszene bewegt, ging an Partys, lebte wild. Als sie von ihrer Schwangerschaft erfuhr, hörte sie schlagartig damit auf. Sie zog in ein Mutter-Kind-Heim, lernte kochen, waschen und putzen und erfuhr, was Verantwortung tragen bedeutet.

Durch ihre Kinder lernte Stephanie, ihrem Alltag eine Struktur zu geben. Heute sind ihre Kinder neun und zehn Jahre alt, und Stephanie sagt, die beiden hätten sie gerettet. Sie machte eine Ausbildung und arbeitet heute als Assistentin der Geschäftsleitung in einem Elektronikgeschäft, wohnt in einem Reihenhäuschen mit ihrem langjährigen Lebenspartner und Stiefvater der Kinder. Derzeit überlegt sie, ob sie die Matura nachholen und ein Studium beginnen soll.

Alleinerziehend von Anfang an

Das Durchschnittsalter, in dem junge Frauen zum ersten Mal Mutter werden, liegt in der Schweiz bei 30 Jahren. Von jungen Müttern, wie es Lucia, Djera und Stephanie sind, sieht und hört man in der Schweiz nur wenig – auch weil es verhältnismässig wenige von ihnen gibt. 2016 war eine von tausend Frauen bei der Geburt ihres ersten Kindes unter 19 Jahre alt. Das entspricht jährlich etwa 440 Geburten und ist achtmal weniger, als es 1971 noch waren.

So unterschiedlich die Leben und die Wege von ihnen und den anderen porträtierten Frauen sind, so ähnlich sind sie sich in gewissen Belangen: Die jungen Erwachsenen hatten oft keine einfache Kindheit, da ist die meist ungewollte Schwangerschaft, sie befinden sich mitten in einer Ausbildung, haben kaum Geld. Vor allem aber sind sie von Beginn weg fast allesamt alleinerziehend.

«Überforderung ist kaum Thema»

«Auffallend ist, dass die jungen Väter die grossen Abwesenden der Geschichten sind», sagt Martina Rutschmann. Sie zeigen sich oft überfordert, machen sich aus dem Staub und suchen kaum oder gar keinen Kontakt zu ihren Kindern. Das habe auch damit zu tun, dass Männer eine Schwangerschaft eher verdrängen oder abstreiten können als eine Frau, sagt Sozialpädagoge und «Mannebüro»-Gründer Lu Decurtins im Buch. Alte Rollenbilder, in denen vor allem die Frauen für Verhütung zuständig seien und die alleinige Verantwortung für Schwangerschaften tragen müssten, sind hier noch immer spürbar.

«Junge Mütter», erschienen im Christoph Merian Verlag, bietet Einblicke in den Alltag junger Mütter in der Schweiz. Mit Texten von Martina Rutschmann und Fotografien von Daniel Infanger.

Umso standfester brauchen die jungen Mütter zu sein. Sie fallen auf durch Stärke und wie sie von einem Moment auf den anderen Verantwortung übernehmen. «Das hat mich tief beeindruckt», sagt Rutschmann. «Man würde es verstehen, wenn von Überforderung die Rede wäre. Doch erstaunlicherweise ist dies kaum Thema.» Sie glaubt, gerade junge Mütter müssten sich nach allen Seiten hin beweisen. «Natürlich verspüren auch sie Stress, doch es scheint, sie wollen und müssen ihre Aufgaben als Mutter wegen ihres jugendlichen Alters besonders gut meistern.»

Nach der Lektüre des Buches – in dem auch die Kursleiterin von Amie Basel oder Heidi Simoni, Leiterin des Marie-Meierhofer-Instituts für das Kind, zu Wort kommen – wünscht man sich nichts mehr, als dass diese jungen Mütter mit ihren Kindern ihren Weg finden werden.