Teure Bescherung

«Genau die hab ich mir gewünscht»: Wunschzettelschreiben kostet ja nichts – ausser Papas Nerven. (Foto: iStock)

Der Brecht hat uns an Weihnachten bisher schadlos gehalten. Letztes Jahr wollte er ein Brot und im Jahr davor drei Plastiktüten. Diese bescheidenen Wünsche haben wir ihm gerne erfüllt. Er freute sich, und wir waren glücklich, ihn nicht dem Kapitalismus in die Arme zu treiben.

Die teuren Wünsche würden noch früh genug kommen, sagten wir uns. Und so sollte es geschehen: Eine Kugelbahn muss dieses Jahr her … «biiiitte, bitte, bitte!» Aber nicht was Günstiges aus getrocknetem Erdöl von Ali Express. Nein, die Rolex unter den Kugelbahnen. Ach, was rede ich. Die Patek Philippe unter den Kugelbahnen. Gefertigt irgendwo zwischen Oberaargau und Berner Oberland aus FSC-zerfizierter Bio-Buche zu äusserst artisanalen Preisen.

Fürs Kind nur das Beste

Ich stelle mir vor, dass bei jedem Bestelleingang ein postpensionärer, graubärtiger Housi, Ruedi oder Aschi in Überkleidern gemütlich loszieht und eine Buche umlegt. Dann sitzt er ein paar Tage mit dem Stumpen im Antlitz vor dem Geissenstall, schnitzt den Baum zu Klötzen und stochert mit dem Handbohrer Löcher durch. Erika, seine Frau, packt die fertigen Klötze in einen Karton, klebt Pro-Juventute-Briefmärkeli drauf und bringt das Päckli ins Dorf zur Post – also zur Postagentur im Volg.

Verzeihen Sie die Häme. Ich bin noch dabei, den Preisschock zu verarbeiten. Die Kugelbahn ist so teuer, dass ich mir schon überlegt habe, meine Stelle zu kündigen und die Würfel selber zu schnitzen.

Weihnachtsbuche statt Weihnachtstanne

Aber genug gefrotzelt. Es handelt sich ja um eine gute Sache: Einheimisch und ökologisch produziertes Spielzeug darf etwas kosten. Besagte Kugelbahn soll auch noch pädagogisch wertvoll sein. Man sagt ihr nach, sie könne selbst aus einem Kind, dem dauernd die Glace aus dem Cornet fällt, noch ein Schachgenie machen. Ich freue mich, dass der Brecht mit einem derart sinnvollen Geschenkwunsch an uns herantritt.

Falls Sie sich fragen, woher er diese Kugelbahn überhaupt kennt: Sie steht in seiner Basisstufe. Nun könnte er ja einfach dort damit spielen. Aber nein: Maximilian-Jason hat offenbar ein Saisonabo auf die Kugelbahn gelöst. Er knurrt bedrohlich, wenn sich ein anderes Kind nähert. Joël wurde sogar gebissen.

Die Tollwut im Hause hat uns gerade noch gefehlt. Also beschliessen wir, dass die Luxus-Kugelbahn unter unserem Weihnachtsbaum liegen soll. Das ist symbolisch zu verstehen – einen Weihnachtsbaum gibt es dieses Jahr nicht. Wer die Buche nicht ehrt, ist der Tanne nicht wert.

Alle Grosseltern in die Lostrommel

Stellt sich die Frage, welchen Verwandten jubeln wir den Wunsch unter. Natürlich kaufen wir die Kugelbahn nicht selber. Wir füttern das Kind ja schon durch und ziehen es täglich warm an. Muss reichen.

Das Problem: Der Anstand verbietet es, der Verwandtschaft teure Geschenkwünsche des Kindes aufzutragen. Das geht vielleicht bei anderen Familien: «Die Kira-Samantha hätte gerne einen kleinen Privatjet aus Gold.» Aber unsere Verwandtschaft ist solide Arbeiterklasse. Da herrscht Vernunft. Die Verwandten in Deutschland sind sich sowieso ein anderes Preisniveau gewohnt. Erzählen wir denen von einer Kugelbahn für einen Fünfer pro Holzwürfeli, können wir gleich das Riechsalz aufschrauben. Für fünf Euro kriegen die bei Aldi Nord sechzehn Kilo Rinderhack.

Zum Glück besinne ich mich auf eine alte (soeben erfundene) Regel: Man darf von Verwandten ein Weihnachtsgeschenk etwa im Gegenwert der Süssigkeiten erwarten, die sie seit Jahresbeginn ins Kind gestopft haben. Damit ist der Fall klar: Meine Mutter muss für die Kugelbahn blechen. Mehrfach. So viele Buchen stehen im ganzen Berner Oberland nicht.

Aschi, tank schon mal die Motorsäge auf!

Weitere interessante Postings: