Wenn die Beamten kommen

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Harmloser Beziehungsknatsch oder Gefährdung für das Kind? Erhält die Kesb eine Meldung, muss sie diese überprüfen. Foto: iStock

«Alles Gute!», wünschte uns die Hebamme und entliess uns mit dem Neugeborenen aus dem Spital. Mein Mann und ich setzten uns mit dem Menschlein ins Taxi und fuhren nach Hause. Einfach so! Die liessen uns gehen, obwohl wir bei unserem ersten Kind keine Ahnung hatten, wie das läuft: Wie man für ein kleines Wesen sorgt, das nach kurzer Zeit stürbe, würde man sich nicht richtig um es kümmern. Niemand hatte von uns einen Nachweis verlangt, der bescheinigt, dass wir in der Lage sind, diese verantwortungsvolle Aufgabe zu übernehmen. Dabei zweifelten am Anfang sogar wir selbst daran.

Lange Zeit wartete ich unbewusst darauf, dass es an der Tür klingelt und Beamte in Uniform und mit strenger Miene vor der Tür stehen, um zu prüfen, ob wir gut für unsere Kinder sorgen. Dass sie von Zimmer zu Zimmer gehen, misstrauisch die eingetrockneten Müeslireste auf dem Esstisch beäugen, dass sie mit spitzen Fingern prüfen, ob die Kinderzahnbürste vom letzten Putzen noch nass ist, und die Kinder fragen, ob wir manchmal laut werden.

Die Wirklichkeit ist anders

Ich wusste natürlich, dass dieser Albtraum nicht wahr werden würde. Die Beamten kommen nur, wenn man etwas Schlimmes tut – Kinder schlagen, vernachlässigen oder so was. Dachte ich. Doch meine Ängste kamen wieder hoch, als ich erfuhr, dass eine Familie aus meinem Bekanntenkreis ein Kesb-Verfahren am Hals hat. Jemand hat anonym eine Gefährdungsmeldung bei der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) eingereicht. Diese Person ist der Meinung, dass die Eltern nicht in der Lage sind, gut für ihre Kinder zu sorgen. Ich bin schockiert, da anderer Meinung. Könnten also doch auch wir in so ein Verfahren verwickelt werden? Kann jemand, der uns böse will, ein solches erwirken?

Die Antwort lautet: Ja! Egal ob berechtigt oder nicht: In der Schweiz kann jede und jeder eine Gefährdungsmeldung einreichen. Und die Kesb muss von Amtes wegen jeder Meldung nachgehen. Und doch ist die Wirklichkeit ganz anders als in meinem Angsttraum, wie mir Yvo Biderbost, Leiter des Rechtsdienstes der Kesb der Stadt Zürich, erklärt.

Der Besuch zu Hause muss nicht sein

Die Beamten kommen nicht unangemeldet vorbei. Geht eine Gefährdungsmeldung ein, erhält die betroffene Familie einen Brief, in dem ihr mitgeteilt wird, dass eine Anzeige eingegangen ist. Bald darauf ruft eine Sozialarbeiterin oder ein Sozialarbeiter an und erläutert den Eltern, was ihnen genau vorgeworfen wird. Der weitere Ablauf ist sehr individuell. Je nachdem, worum es geht, sprechen die Behörden mit Lehrern, Kinderärztinnen, Nachbarn, Grosseltern, dem Kind – aber auf jeden Fall immer wieder mit den Betroffenen. Es ist nicht einmal zwingend, dass jemand zu Hause vorbeigeht. «Wenn einer Familie vorgeworfen wird, ihre Wohnung sei komplett verwahrlost, und die Eltern dies nicht bestreiten, dann macht es keinen Sinn, dass wir uns das Chaos anschauen», erklärt Yvo Biderbost.

Die schwierige Aufgabe der Behörden besteht darin, zu prüfen, ob ein Kind von seinen Eltern in seiner psychischen und physischen Entwicklung behindert wird. Und da geht es nicht nur um offensichtliche Verfehlungen wie Schlagen, nicht richtig ernähren oder ein Baby stundenlang alleine lassen. Biderbost schildert den Fall eines Vaters, der nicht wollte, dass seine Tochter das Gymnasium besucht. Die Kesb wurde eingeschaltet und konnte ihn schliesslich im Gespräch von seiner Haltung abbringen. Hätte sich der Vater weiterhin geweigert, die Tochter in die Kantonsschule zu schicken, hätte die Kesb die Möglichkeit gehabt, ihm die elterliche Sorge nur in Bezug auf Bildungsfragen zu entziehen. Entscheidungen in diesem Bereich hätte dann ein Beistand übernommen.

Erziehung ist keine Mathematik

Doch wo liegt die Grenze zwischen einem vielleicht speziellen Erziehungsstil und einer Gefährdung? «Kindererziehung ist keine Mathematik», sagt Yvo Biderbost. Es gebe keine Liste, auf der allgemeingültig stehe, welches Verhalten ein Kind gefährde. Zudem sei das sehr individuell: «Eine problemhafte familiäre Umgebung tut dem einen Kind gar nicht gut, ein anderes hingegen hat eine so gute psychische Widerstandsfähigkeit, dass es im gleichen Umfeld gut gedeiht.» Entscheidend sei das Gesamtbild, das die Behörden im Laufe ihrer Abklärungen, die in der Regel vier bis fünf Monate dauern, erhielten.

Biderbost betont, sie würden nicht von idealen Eltern ausgehen. Ein chaotischer Haushalt beispielsweise sei noch lange kein Grund, eine Massnahme anzuordnen. «Es braucht viel Fleisch am Knochen, bis wir einschreiten.» Nur etwa ein Drittel der Anzeigen führt zu einer Massnahme. Diese kann ganz unterschiedlich aussehen: Vom Anordnen einer Familienbegleitung über das Ausarbeiten von Besuchsregeln bei getrennten Paaren bis zum Äussersten, der Umplatzierung der Kinder in ein Heim. Letzteres wird, wie Biderbost betont, wenn immer möglich vermieden.

Gefährdungsmeldungen aus reiner Bosheit gibt es laut dem Experten übrigens fast nie. Dann bin ich ja beruhigt.

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