Die Freizeit für die Kirche opfern?

Geschmückte Gesichter des Weissen Sonntags: Erstkommunikantinnen auf dem Weg in die Kirche. Fotos: Alexandra Wey (Keystone)

Der katholischen Kirche sind die Schäfchen in den letzten Jahren gleich herdenweise davongelaufen. Doch es gibt noch genug Lämmer, für die der Religionsunterricht, kurz Unti genannt, immer noch stattfindet. Auch meine Tochter besucht diesen seit der 1. Klasse. Kommenden Frühling steht nun ihre Erstkommunion an. Ein Tag, der offenbar penibler Vorbereitung bedarf.

Es begann nach den Sommerferien. Der Unti-Elternabend fand zur gleichen Zeit statt wie der Elternabend der Schule. Da mir der Schulanlass mit der neuen Klassenlehrerin wichtiger war, ging ich dorthin und meldete mich pflichtbewusst vom Unti-Abend ab.

Doch so einfach ging das nicht. Zuerst bekam ich zu hören, dass der Elternabend «wirklich wichtig» wäre und man hoffentlich eine Lösung finden würde. Als ich nach mehreren Mails immer noch keine solche bieten konnte, da ich die Fähigkeit zur Zweifaltigkeit leider nicht besitze, hiess es trocken, man nehme meinen Entscheid zur Kenntnis. Vergebung oder zumindest ein Hauch Verständnis für das begründete Fernbleiben? Fehlanzeige.

Der Pfarrer kommt zum Hausbesuch

Den Fahrplan für die anstehenden Monate bekam ich dann halt zugeschickt – ein Papier voller Pflichttermine. Dass die Kinder vor der Erstkommunion den Ablauf zweimal einüben sollen, ist nachvollziehbar. Auch dass man das Erstkommunionskleid nur an einem einzigen Tag während eines Zeitfensters von 30 Minuten abholen kann und ich deswegen das Büro früher verlassen muss, ist in Ordnung.

Am Abend des grossen Tages steht noch eine Dankandacht auf dem Programm.

Doch warum sollen wir Eltern uns an zwei Sonntagmorgen zum «Elterntreff» einfinden und einen Monat später als ganze Familie zu einem Vorbereitungstag antraben? Und dann wäre da noch der Hausbesuch des Pfarrers: Er hat sich gewissermassen selber in unsere bescheidene Hütte eingeladen. Immerhin: Beim Termin dürfen wir mitreden.

Ist die Erstkommunion dann vorbei und sind alle müde von der Feier, heisst es gleich noch einmal: Aufraffen und ab in die Kirche. Am selben Abend steht nämlich noch eine Dankandacht auf dem Programm.

Aufwand in unerwartetem Ausmass

Sie fragen sich womöglich, weshalb ich mein Kind überhaupt in den Unti schicke, wenn mir das alles solche Mühe bereitet. Vielleicht sollte ich vorausschicken, dass ich den Aufwand in dem Ausmass nicht erwartet hätte. Als ich ein Kind war, lief das alles sehr viel unaufgeregter ab und meine Eltern hatten nichts anderes zu tun, als irgendwann vor dem wichtigen Tag mein Kleid abzuholen.

Aber ja, ich muss zugeben, dass ich sicher keine strenge Katholikin bin. Ich bete nie vor dem Essen und habe die letzten Jahre höchst selten eine Messe besucht. Überhaupt mag ich Kirchen lieber, wenn sie leer sind – meiner Meinung nach spürt man den speziellen Geist dieser Gebäude dann nämlich viel intensiver. Trotzdem glaube ich an Gott. Beziehungsweise an eine höhere Macht. Wie genau die aussieht? Davon habe ich, je älter ich werde, desto weniger genaue Vorstellungen.

Als ob der zeitliche Aufwand jemanden zu einem guten Christ macht.

Meine Tochter besucht den Religionsunterricht also nicht deshalb, weil ich sie unbedingt auf einen christlichen Weg bringen will. Sie soll sowieso selber entscheiden, woran sie glauben will. Vielmehr ist mir wichtig, dass meine Kinder die Grundlagen des Christentums als Teil unserer Kultur kennen lernen.

Ausserdem hat mir selber als Kind die Idee gefallen, dass es neben den Eltern noch jemanden namens Gott gibt, der immer auf einen aufpasst und mit dem man jederzeit über alles reden kann – auch wenn er nicht direkt Antwort gibt. Ich mag die Vorstellung, dass meine Kinder diesen Jemand auch zur Seite haben.

Lässt sich Christsein mit der Stoppuhr messen?

Momentan habe ich aber das Gefühl, dass den Kindern im Unti vor allem eines vermittelt wird: Die Kirche hat immer Vorrang. Wer zur Erstkommunion will, soll also gefälligst seine Freizeit dafür opfern. Als ob sich am zeitlichen Aufwand messen liesse, ob jemand ein guter Christ ist.

Ich werde, anstatt an den Elterntreff zu gehen, an meinem freien Tag trotzdem lieber meine 87-jährige Grossmutter besuchen. Der Gott, an den ich glaube, steht da voll dahinter.

Lesen Sie morgen im Mamablog einen Beitrag von Annett Altvater zum Thema: Mein Kind soll nicht in den Religionsunterricht.