Ansichten einer Zirkus-Mama

Gemeinsam im Zirkus und in der Welt unterwegs: Artistin Denise Garcia Sorta mit ihrem Mann Massimiliano. (Foto: Cirque du Soleil )

Ihr Zuhause ist dort, wo das Zelt steht. Einen Monat lang lebt Denise dann mit ihrem Mann und der gemeinsamen Tochter sowie einem befreundeten Artistenpaar in einer Wohnung der neuen Stadt, bevor es weitergeht zum nächsten Ort. Ihre Kleider und Schminke, Kissen und Vorhänge, Bilder und Decken und alles andere, was sie besitzt, hat in vier Koffern Platz. Mehr dürfte Denise auch gar nicht haben. Vier Koffer sind die Obergrenze, mehr nimmt ihr Arbeitgeber, der Cirque du Soleil, nicht mit. Zu ihren wertvollsten Dingen gehörten die Dekosachen, sagt Denise Garcia Sorta. «Sie verbreiten Gemütlichkeit in diesen Wohnungen.»

Zurzeit steht das Zelt in Zürich. Denise treffe ich auf der Hardturmbrache im Artistenzelt des Cirque du Soleil. Ich will mich mit ihr über ihr Familienleben und ihren Job unterhalten – aber auch über Erziehung und Werte. Wie leben Denise und Massimiliano mit ihrer zwölfjährigen Tochter ohne ein festes Zuhause? Beide sind Artisten – Rollschuhartisten – und mit ihrer gemeinsamen Nummer im Zirkus und in der Welt unterwegs. Helikoptern, oder vielmehr rollschuhen sie, weil immer so eng aufeinander, nonstop um ihre Tochter herum? Wie wichtig ist ihnen eine Ausbildung – und wie viel Druck üben sie als Eltern aus?

Artisten sind gute Vorbilder

Denise sagt, die Frage, wie viel Druck man als Eltern ausüben solle, sei heikel. Ein Kind brauche seinen eigenen Freiraum, damit es ausprobieren und seine Persönlichkeit finden könne. «Doch wenn du als Eltern nicht auch Druck ausübst, weiss das Kind nicht, wohin es gehen soll.» Die 44-Jährige ist froh, wächst ihre Tochter im Zirkusumfeld auf, in einem Multikulti-Umfeld mit vielen Sprachen und Kulturen, umgeben von Athleten und Artisten, die mehrere Stunden täglich trainieren. Sie seien gute Vorbilder. Die Tochter sieht, dass wenn man eine Tätigkeit mag und darin besser werden will, man seine ganze Kraft dafür einsetzen muss. «Glaube an dich und arbeite dafür, und du beginnst zu scheinen», sagt sie ihrer Tochter regelmässig.

Dasselbe hatte Denise von ihrem Grossvater gehört, als sie selbst zwölf Jahre alt war. Sie rebellierte damals und war unsicher, ob sie auch Artistin werden sollte, so wie die zwei Generationen vor ihr. Dann entdeckte sie den Hula Hoop für sich und arbeitete mit Enthusiasmus an einer eigenen Nummer. Sie fand ihren Stil: Leder, rockig, schwarz – und begann ihre Tätigkeit zu lieben. Denise trat in zahlreichen Zirkussen damit auf, auch im Circus Knie. Mit Massimiliano erarbeitete sie später die waghalsige Rollschuhnummer, die sie für die «Totem»-Show des Cirque du Soleil weiterentwickelte.

«Es gibt keine Limite»

Und die Tochter? Diese zeigt sich seit der Totem-Tour von der Schlangenfrau, der Kontorsionskünstlerin, beeindruckt – und übt die Verrenkungskunst seither zwei bis drei Stunden täglich. Sie habe keinen einfachen Weg gewählt, sagt Denise, diese Arbeit sei hart und auf Dauer ungesund für den Körper. «Doch wenn ich sehe, wie leidenschaftlich gerne sie diese Sportart ausübt, dann kann ich nichts dagegen haben.» Um auch in der Schule voranzukommen, lebt die Tochter seit dem Sommer zum ersten Mal nicht mit ihren Eltern auf Tour, sondern bei den Grosseltern in Benidorm, Spanien, wo diese ein sesshaftes Rentnerleben führen. Denise vermisst ihre Tochter schrecklich. Doch ein Schulabschluss muss sein, auch wenn die Tochter dereinst wohl Zirkusartistin wird.

Aber was, wenn man kein Talent für den Artistenberuf hat, das dafür notwendige Level zu hoch – oder der Druck zu gross wird? «Es gibt keine Limite», sagt Denise sofort. Deshalb sei alles möglich. Aber natürlich werde einem nichts geschenkt, sie arbeiteten täglich mehrere Stunden hart an sich. «Nothing come easy, you know.»

Die Totem-Show des Cirque du Soleil gastiert bis zum 14. Oktober auf dem Hardturm-Areal in Zürich.

Auftritt von Denise und Massimiliano in der Queen Latifah-Show (Youtube):

23 Kommentare zu «Ansichten einer Zirkus-Mama»

  • Esther Villa sagt:

    ok, aber dann sollte man einfach keine Kinder haben. Basta.

    • Brunhild Steiner sagt:

      mit dieser Einstellung gäbe es keinen einzigen grösseren Schweizer Zirkus-
      wäre das nicht ein bisschen traurig, schon beim Gedanken daran verblassen gleich ein paar Farben, dabei bin ich nicht mal die typische Zirkusgängerin.

  • Brunhild Steiner sagt:

    2/
    Bloss das:
    „Aber was, wenn man kein Talent für den Artistenberuf hat, das dafür notwendige Level zu hoch – oder der Druck zu gross wird? «Es gibt keine Limite», sagt Denise sofort. Deshalb sei alles möglich. Aber natürlich werde einem nichts geschenkt, sie arbeiteten täglich mehrere Stunden hart an sich.“

    finde ich ein bisschen heikel. Ersetzt man „Artistenberuf“ mit etwas anderem, einem Berufsschwunsch der Eltern/des Kindes, akademischem Abschluss oder „wenigstens“ BMS, sportlich besserer/höherer Liga uä-, haben dann all die, welche zwar grundsätzlich Freude am spezifischen Thema haben, die Leistungen aber nicht erbringen konnten, einfach zu wenig Einsatz gezeigt? Es „too easy“ genommen?
    Ich zweifle dieses „there are no limits!“ diesbezüglich an.

    • Martin Frey sagt:

      Ich möchte den Ball aufnehmen, Frau Steiner.
      Es scheint weder für die Interviewerin noch die Interviewten irgendwie auch nur ansatzweise die Möglichkeit zu bestehen, dass ein Kind ausserhalb der Zirkuswelt seine Zukunft sehen und gestalten, und eben nicht in die Fussstapfen der Eltern treten möchte. Man argumentiert dann gerne mit Dynastien, Familientraditionen und dem speziellen „wir sind so anders“-Ambiente, welches diese Kinder angeblich so viel glücklicher macht. Das sind aber auch die Argumente, die man gerne von fanatisch religiösen Eltern hört, mit denen diese jede Wahlfreiheit ihrer Kinder unterbinden möchten.
      In der Zirkuswelt ist auch nicht alles Gold, was glänzt. Sie lebt von einer perfekten Fassade. Es lohnt m. E., dahinter, und nicht nur staunend daran zu schauen.

      • Blog-Redaktion sagt:

        Martin Frey: Das sehe ich ich keineswegs so, und soweit ich es beurteilen kann, auch die Artistin nicht. Sie betonte, wie sehr ein Kind seinen eigenen Freiraum brauche, damit es ausprobieren und seine Persönlichkeit finden könne. Einen anderen Weg zu gehen als Zirkusartistin zu werden, ist sicher möglich. /gb

      • Martin Frey sagt:

        Das hoffe ich, liebe Frau Braun. Aber für mein Verständnis kam das nicht unbedingt so rüber. Aber danke für die Rückmeldung!

    • mila sagt:

      Ich denke persönlich, dass es tatsächlich keine ‚limits‘ gibt, wenn Menschen dasjenige verfolgen (können), das ihnen am Herzen liegt, und das ihnen – im Sinne von Fähigkeiten und Talent – ‚liegt‘. Auch gewisse Akademiker- wie auch Büezerdynastien täten gut daran, das zum Wohle ihrer Kinder zu berücksichtigen…

      • Brunhild Steiner sagt:

        @mila

        von Herzen etwas verfolgen das einem sogar auch von Talentvoraussetzungen her gegeben ist, bedeutet aber nicht dass man es auch zur entsprechenden Höchstleistung bringt! Selbst mit enstprechender Trainingssdisziplin.
        Manchmal nimmt es den Platz eines intensiven Hobbies ein.
        Ein Cirque du Soleil-Artist spielt in einer Hochleistungsliga.

      • Sportpapi sagt:

        @mila: Das sind die typischen 10000 Stunden Training, die erforderlich sind. Ja, wenn die Kinder unbedingt möchten, wird es vermutlich schon irgendwie klappen, wenn auch vielleicht nicht in die allerhöchste Liga.
        Aber es bleibt sehr viel Aufwand für relativ wenig Ertrag. Das muss man unbedingt selber wollen, und nicht nur den Eltern zuliebe, sonst klappt das nie.

      • mila sagt:

        Es ist in jedem Hochleistungsbereich so: um bis an die Spitze zu kommen, braucht es nebst Talent und Disziplin auch ‚Biss‘. Dieser Biss bedingt nebst Willen auch unbedingtes Selbstvertrauen. Ich würde behaupten, dass es dieser Punkt ist, an dem viele scheitern. Nebst dem Punkt, dass eine bestimmte Art von Erfolg auch grossen Verzicht auf vieles andere bedeutet. Ich würde jetzt für mein Kind nicht unbedingt wollen, dass es einen solchen Preis zahlen muss. Aber ich werde mich auch hüten, es in eine bestimmte berufliche Richtung zu drängen, die ich für geeignet halte. Mit kein ‚limit’ meine ich auch, dass man eine Nische für sich finden kann, in der man glücklich ist, ohne die ganz grossen Lorbeeren. Aber dafür müssen Eltern bereit sein zu akzeptieren,

      • mila sagt:

        dass das Kind vielleicht lieber Floristin wird, als Kaufmännische Angestellte. Oder Landschaftsgärtner statt Betriebswirt. Oder Theaterpädagogin statt Rechtsanwältin. Viele Eltern, unabhängig vom Milieu, sehen es ungern, wenn das Kind ‚ungewöhnliche‘ Berufspfade betreten möchte (ungewöhnlich ausgehend von den eigenen Vorstellungen). Da bilden Artisten beileibe keine Ausnahme.

    • mila sagt:

      …zu vergessen auch nicht die Unternehmer, die ihre Familienbetriebe durch die Nachkommenschaft gesichert sehen wollen. Der kritisch-mahnende Blick auf die Zirkuswelt scheint mir jedenfalls zu kurzsichtig.

  • Brunhild Steiner sagt:

    Spannender Einblick in eine, für die Meisten wohl nur von der Zuschauerseite her bekannte Welt. Artisten/Zirkusdynastien umgibt, jedenfalls für mich, ein anderer Flair als Wirtschafts/Bankdynastien ;-), denn da kann sich niemand auf irgendetwas vor ihm Erarbeitetes ausruhen.
    Von dem her weiterhin viel Muskelkraft, Kondition, Wille, Kraft&Freude 😀 !!!

    • Reincarnation of XY sagt:

      @Brunhild
      Wenn man jetzt mal absieht von den Wirtschaftsdynastien die man vom Fernsehen kennt, oder die durch negative Schlagzeilen aufgefallen sind, dann würde ich behaupten, dass das oft sehr nette, kosmopolitische, bildungsnahe Familien sind. Die Kinder können sich frei entfalten, lernen was sie wollen. Manch ein Sohn oder eine Tochter schlägt sogar eine künstlerische Laufbahn ein.
      Diese Leute sind oft viel toleranter, als ihre Kritiker, welche gerne alle in eine Schublade stecken.

      • Brunhild Steiner sagt:

        @Reincarnation of XY

        als Artistenkind müssen Sie sich die Artistenlaufbahn mit viel mehr eigenem Einsatz erarbeiten, als ein Kind welches in andere „Dynastien“ hineingeboren wird, da stundenlanges Training tatsächlich unabdingbare Voraussetzung für körperliche Hochleistungen ist.

      • Reincarnation of XY sagt:

        Brunhild – es hörte sich extrem wertend an. Da die guten, dort die bösen.
        Bloss weil jemand viel Mühe aufwendet, ist er deswegen noch lange kein besserer Mensch.
        Ich lasse mich auch gerne von Sportlern und Artisten unterhalten, bewundere sie und applaudiere ihnen. Aber objektiv betrachtet, ist vieles von dem, was sie tun, weder gesund, noch allgemein empfehlenswert.
        Was ich immer weniger gut finde, wenn Eltern so sehr in eine Sache involviert sind, dass sie ihren Kindern fast keine Wahl lassen, ihren eigenen Weg zu gehen.

      • Brunhild Steiner sagt:

        @Roxy
        „extrem“ wertend?
        Tut mir leid wenn das für Sie so rübergekommen ist, „wertend“ höchstens auf den eigenen zu erbringenden Körpereinsatz gemeint, „Flair“ bezog sich auf das künstlerische Element, das oft damit verbundene wirklich drum kämpfen müssen, auch finanziell wie Sie selber ja weiter unten erwähnt haben.

      • Brunhild Steiner sagt:

        2/
        sorry, den finanziellen Aspekt hat Sportpapi eingebracht.

  • Sportpapi sagt:

    Es kann für ein Kind sicherlich spannend sein, in einem Zirkus aufzuwachsen. Interessanterweise dreht sich die Geschichte aber mehr um die Frage, ob es dann letztlich auch Artistin wird, und in die Fussstapfen der Eltern tritt. Und das ist eine heikle Gratwanderung.

    • Reincarnation of XY sagt:

      Mir machte das auch einen ziemlich engstirnigen Eindruck. So im Sinne es gibt nur eines: „unsere Welt“.
      Aber diese Artisten leisten unglaubliches. Ihr Beruf ist buchstäblich ihr ganzes Leben. Tägliches Training, Schmerzen, Verletzungen, keine Heimat….
      Da muss man völlig fixiert auf diese eine Sache sein.

      Hab mal mit einem Artisten gesprochen. Die meisten von ihnen haben schon x mal, x Knochen gebrochen.

      • Martin Frey sagt:

        Das Problem ist, Roxy, wenn nicht die Kinder der Artisten selber wieder Artisten werden, sterben diese Berufe aus. Man wird ein Stück weit da hinein geboren. Daher auch diese etwas abgeschottet-engstirnige Parallelwelt, die kaum Wahlfreiheit zulässt, und auf kindliche Bedürfnisse und deren Gesundheit wenig Rücksicht nimmt. Und wir alle gehen mehr oder weniger gerne mit unserem Nachwuchs in den Zirkus. Gleichzeitig würde sich wohl niemand von uns wünschen, dass unsere Tochter Schlangenmensch als Beruf wählt.

      • Sportpapi sagt:

        @RoXY: Ich kenne einige Artisten. Das ist tatsächlich ein sehr harter Job, weil man jeden Tag Auftritte hat, egal ob man nun krank oder verletzt ist. Man macht das Hobby zum Beruf, hat dann aber auch Mühe, rechtzeitig den Absprung zu schaffen. Ist ja in der Regel nicht so, dass man das bis zur Pension schafft, und eine finanzielle Absicherung fehlt meistens auch.
        Die meisten Artisten sind jedoch nicht in einer Artistenfamilie aufgewachsen. Es ist aber allgemein die Frage, ob man als Eltern will und forcieren soll, dass die eigenen Kinder in die eigenen Fussstapfen treten. Den gleichen Job machen? Den gleichen Sport ausüben? Gleiche Hobbies?
        Ich verstehe hingegen, wenn man sich wünscht, dass die Kinder das eigene Geschäft übernehmen.

      • Reincarnation of XY sagt:

        SP – ja genau so ist es. Genau so.

        Was nun die Unternehmer betrifft – und davon kenne ich viele. Ich kann nur sagen, zum grössten Teil überhaupt nicht mehr so, wie in dem klassischen Roman, dass Sohn/Tochter (widerwillig) das Geschäft übernehmen muss etc.

        Diese Klischees stammen aus früheren Zeiten, als dann darüber Romane geschrieben wurde. Aber heute, in der Schweiz, eher die Ausnahme.

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