Mobbing im Kindergarten

Auch Kindergartenkinder erleben Mobbing und Ausgrenzung. Foto: flickr.com

Alles fing ganz harmlos an. Die beiden Mädchen waren innige Freundinnen. Doch wie alle Freundinnen zickten und schmollten sie manchmal, fauchten sich an, sprachen nicht mehr miteinander und vor allem: waren keine besten Freundinnen mehr. Nie mehr. Kurze Zeit später umarmten sie sich innig, und es war kaum mehr möglich, den Knäuel Mädchen wieder zu entwirren.

So ging das über mehrere Jahre, bis die beiden in den Kindergarten einer Basisstufe kamen. Vier Jahrgangsklassen wurden hier zusammen unterrichtet, von Vier- bis Neunjährigen.

Irgendwann änderte sich die Beziehung der beiden Mädchen. Die Versöhnungen klappten nicht mehr so schnell, und irgendwann war das Ende der Freundschaft da. Damit verlor das eine Mädchen jedoch nicht nur seine langjährige Freundin, sondern auch alle Mädchen, denen es sich vor allem in den Pausen gerne anschloss. Diesen wurde es nämlich von nun an von der ehemals besten Freundin verboten, mit ihr zu spielen.

Zickereien oder Mobbing?

Das Ausgrenzen aus dem gemeinsamen Spiel tat weh, auch beim Zuschauen. Sollte man hier eingreifen? Die Kinder verhielten sich ja eigentlich wie ganz normale Sechsjährige: Empathie, Respekt und Rücksichtnahme lernten sie erst noch. Oder gehörte dieses Verhalten doch nicht mehr zum ganz normalen Kinderalltag? War das Ausgrenzen über Wochen bereits Bullying? Wo verläuft denn eigentlich die Grenze zwischen normalem Geplänkel und Machtspielen unter Sechsjährigen, und wo fängt Mobbing an?

Es sind schwierige Fragen, auch für das Lehrpersonal. «In der Regel schreiten wir da ein, wo sich Streitereien systematisch und gezielt gegen Einzelne richten und Kinder in der Gruppe spezifische Rollen einnehmen müssen, um nicht selbst zum Opfer zu werden», erklärte eine der Lehrpersonen. Sie hatte bisher noch keine Erfahrungen mit Bullying auf Kindergartenstufe gemacht, dies betraf in der Regel ältere Kinder. Doch hier war die Ausgrenzungssituation nicht in einer reinen Kindergartenklasse entstanden. Beim genaueren Hinschauen wurde ersichtlich, dass Bullying bei den Zweitklässlern in der gleichen Klasse ein viel grösseres Problem darstellte. Die Kleinen hatten das Verhaltensmuster der Grossen wohl einfach übernommen. Wegen dieser Systematik holten sich die Lehrpersonen externe Unterstützung und führten ein Konflikttrainings-Programm für Kinder durch, das «Chili».

Nicht weniger, sondern anders streiten lernen

Die Grundsteine von «Chili» sind das Vermitteln von Kommunikationsregeln und das Stärken der Sozialkompetenz der Schulkinder. Klingt gut, doch … verstehen das Sechsjährige? Ja, sagen die Programmverantwortlichen, denn auch Kindergartenkinder müssen klare Regeln einhalten können, was den Umgang miteinander betrifft, und sie sollen lernen, wie man «richtig» streitet und Konflikte löst.

Den Nutzen von «Chili» in ihrer Klasse bejahten die beiden Lehrpersonen klar. «Die Aussensicht auf den Konflikt war enorm hilfreich. Wir schreiten nun auch viel eher ein, wenn ein Kind zum Beispiel die Augen rollt im Kreis, während ein anderes spricht. Alleine das Ansprechen hilft bereits, abwertendes Verhalten zu ändern.»

Konfliktlösungsprogramme in Schulen wie das «Chili» sind sicherlich hilfreich. Damit sie auch nachhaltig sind, müssen die Themen und Inhalte des Trainings im Schulunterricht jedoch immer wieder aufgegriffen, vertieft und weiterentwickelt werden. Diskriminierendes, abwertendes, ausgrenzendes und diffamierendes Verhalten gegenüber anderen Kindern darf meines Erachtens nie toleriert werden und hat im Schulalltag nichts verloren, auch nicht bei den Kleinsten.

Lesen Sie auch Mobbing, bis die Polizei kommt, «Du wirst genauso sterben wie Sabrina», So mobbt die Snapchat-Jugend (ABO+)