Wann wird öffentliches Stillen zum Ärgernis?

Stillen ohne Rücksicht auf das Schamgefühl des Gegenübers? Ja, das gibt es. Foto: Reuters

Stillen ohne Rücksicht auf das Schamgefühl des Gegenübers? Ja, das gibt es. Foto: Reuters

Eigentlich ist es das Normalste und Natürlichste der Welt, sein Baby zu stillen. Trotzdem sorgt die Babyfütterung immer wieder für rote Köpfe, sobald das Kind nicht in den eigenen vier Wänden, sondern in der Öffentlichkeit gestillt wird.

So erlebte es vor ein paar Tagen eine Kollegin an einer Modeschau. Bevor das Spektakel losging, sorgte eine «supermodische Frau mit diesem supersüssen Baby» (O-Ton der Kollegin) für Aufsehen, die in der ersten Reihe sitzend ihr Baby stillte. Während meine Kollegin die Frau mutig und unerschrocken fand, nannte ihr männlicher Begleiter das Verhalten rücksichtslos und redete gar von «Nipplegate». «Dabei sah man wirklich nur ein klein wenig Haut», so meine Kollegin.

Nach dem Stillen, und noch bevor die Show losging, spazierte übrigens die Grossmutter mit dem Baby aus dem Saal. Womit die Frau meines Erachtens alles richtig gemacht hat: Sie hatte ihren Sitzplatz auf sicher und das Baby einen vollen Magen, sodass beide die folgenden Stunden zufrieden verbringen konnten.

Warum die Aufregung?

Ich habe bisher nie verstanden, weshalb sich so viele grosse Menschen darüber aufregen, wenn ein kleiner Mensch zu trinken bekommt. Schliesslich tun Mütter in der Regel ihr Möglichstes, um diskret zu stillen. Sie kaufen sich Stilloberteile und Stilltücher, damit die Umwelt fast gar keine Haut zu sehen bekommt, und ziehen sich wann immer möglich in eine ruhige Ecke zurück.

Bis auf ein paar Ausnahmen. Es geschah vor ein paar Tagen an einem Quartierfest. Die Mutter sass mitten im Gewimmel, das Baby auf ihrem Schoss. Plötzlich griff sie in ihr Trägertop, zog die rechte Brust hervor und fing an, ihr Kind zu stillen, während sie völlig selbstverständlich mit den Müttern nebenan weiterplauderte. Diese drehten alle den Kopf weg und unterhielten sich mit ihr, ohne sie und ihre entblösste Brust anzuschauen.

Ungefragt die Brust ins Gesicht strecken

Ich war ziemlich irritiert, dass sie gar nicht erst versuchte, für etwas mehr Privatsphäre zu sorgen. Umso mehr, als sie auch beim Seitenwechsel keinerlei Anstalten machte, ihre Brust möglichst schnell wieder einzupacken.

War ich jetzt auch zum Bünzli mutiert, der sich über eine entblösste Brust empört? Nein, ich war eher perplex, dass es das tatsächlich gibt: Diese Mütter, die «jedem ungefragt ihre Brüste ins Gesicht strecken», wie es Gegner des öffentlichen Stillens gerne formulieren.

Es geht um den Ruf aller stillenden Mütter

Nach dem ersten Moment des Staunens kroch der Ärger in mir hoch. Ärger darüber, dass einzelne Mütter mit solchem Verhalten den Ruf aller stillenden Mütter vermiesen. Denn wenn einige wenige so gar keine Rücksicht auf das Schamgefühl des Gegenübers nehmen, bekommen am Ende alle Mütter zu hören, sie sollen das Kind doch bitte auf der Toilette stillen, wo sie sicher keinen stören.

Ich werde auf jeden Fall nie mehr so kategorisch widersprechen, wenn sich jemand durch eine stillende Mutter belästigt fühlt. Offenbar gibt es vereinzelt Fälle, in denen das durchaus nachvollziehbar ist. Umso toleranter sollte die Gesellschaft aber all jenen Frauen gegenübertreten, die auch in der Öffentlichkeit um möglichst viel Privatsphäre beim Stillen besorgt sind. Und das ist die grosse Mehrheit der Mütter.

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