Sexkolumnen am Zvieri-Tisch?

So peinlich …: Trotz gelegentlicher Erklärungsnöte sollten wir dankbar sein, wenn Kinder Fragen stellen. (Foto: iStock)

In letzter Zeit reden wir beim Zvieri regelmässig über Themen wie Schönheits-OPs, Selbstbefriedigung, Pornos oder Toyboys. An den entsprechenden Inputs fehlt es unseren neunjährigen Zwillingen derzeit nicht, denn dank ihres neuen Schulwegs, der an zwei entsprechenden Boxen vorbeiführt, sind sie innerhalb von wenigen Tagen zu eifrigen «20 Minuten» und «Blick am Abend»-Lesern geworden. Ihre mit grossen Augen vorgetragenen Fragen bringen mich oft zum Schmunzeln, manchmal aber auch in eine gewisse Erklärungsnot.

Nun ist es grundsätzlich ja zu begrüssen, dass sich Kinder für das Zeitgeschehen interessieren und dementsprechend auch Zeitung lesen; wenn sie zum Beispiel erfahren, dass die heutige Generation besorgt ist um die Zukunft der AHV und danach zu Hause wissen wollen, was es damit auf sich hat, dann ist das eine gute Sache. Bei manch anderen Themen wäre es mir hingegen lieber, ich könnte die Informationen, die sie den Gratiszeitungen entnehmen, vorab etwas filtern – komplexe Sachverhalte werden bereits in der Überschrift abgehandelt, tendenziös beurteilt oder mit durchaus fragwürdigen Fotos versehen. Natürlich sind diese Zeitungen nicht für Kinder gedacht, aber im Unterschied zu diversen anderen Medien sind sie ihnen im öffentlichen Raum frei zugänglich.

Unsinnige Verbote und grössere Abgründe

Auch beim Sexratgeber, wo Frau Fux in der Manier von Dr. Sommer täglich Fragen zu «Sex, Liebe und Beziehung» beantwortet, wäre mir eine vorgängige Überprüfung manchmal lieb. Noch lesen unsere Kinder zwar meistens nur die Überschriften, aber die haben es erfahrungsgemäss schon in sich und bieten genügend Zünd- und Diskussionsstoff: «Wie komme ich von Pornos los?», «Nur meine Füsse erregen ihn» oder «Er will jeden Tag Sex» lauten diese beispielsweise. Nichts gegen Begehren dieser Art, doch – mal ganz abgesehen von den Geschlechterbildern, welche da gezeichnet werden – müssen wir mit unseren beiden Viertklässlern jetzt schon über solch spezifische Anliegen reden?

Nein, müssen wir natürlich nicht. Wir könnten ihnen ja einfach verbieten, diese Zeitungen mitzunehmen, die Sexkolumne oder bestimmte andere Artikel zu lesen. Was natürlich wiederum grosser Quatsch wäre – denn höchstwahrscheinlich würden sie die Blätter dann einfach im Geheimen lesen, nicht mehr mit uns darüber reden (ab einem gewissen Alter werden sie das wohl sowieso nicht mehr wollen) oder davon ausgehen, dass Fragen zur Sexualität nicht erwünscht sind. Denn solange die Kinder im Anschluss an ihre Lektüre Fragen stellen, haben wir glücklicherweise die Möglichkeit, darauf zu reagieren und den Sichtweisen von Frau Fux noch einige weitere hinzuzufügen; wobei ich während des Zvieris zu oben genannten Problemen auch nicht immer gleichermassen souverän Stellung beziehen kann – oder will.

Was im Alter unserer Kinder heute einzelne Gratiszeitungen sind, ist morgen die digitale Welt, in der sich weit grössere Abgründe auftun als zweifelhafte Fotos, pauschale Erklärungsversuche oder tägliche Sexkolumnen. Dessen bin ich mir bewusst. Insofern tun wir Eltern nur gut daran, unseren Kindern möglichst vorzuleben und beizubringen, dass sie Inhalte kritisch hinterfragen, beurteilen und sich, sobald sie in irgendeiner Form verunsichert sind, die richtigen Ansprechpartner suchen. Schön, dass es heute noch wir sind, auf die sie mit ihren vielen Fragen zukommen. Gern auch beim Zvieri.

Weitere Postings zum Thema: «Warum eine Medienkotz-Funktion sinnvoll wäre» oder «Hallo Google, ich bin 11 und … schwanger».

17 Kommentare zu «Sexkolumnen am Zvieri-Tisch?»

  • Sportpapi sagt:

    Das Grundthema habe ich begriffen. Ja, es ist doch gut, wenn die Kinder Zeitung lesen und danach Fragen stellen. Auch zu Themen, die man lieber nicht so gerne diskutiert.
    Aber was war der Hinweis auf das „Geschlechterbild“, das da gezeichnet wird? Und warum müssen der Sichtweise der „Frau Fux“ weitere hinzugefügt werden? Die bleibt doch in ihren, ja, pauschalen Aussagen, in der Regel sehr vorsichtig und korrekt.

    • Regula Portillo sagt:

      @Sportpapi: „Geschlechterbilder“ in dem Sinn, dass die Rollen bei den Fragen/Problemen klar verteilt sind: à la Mann konsumiert Pornos, möchte immer Sex haben, Frau hat zu gefallen („nur“ ihre Füsse erregen ihn), sie lässt sich gehen, er empfindet deshalb keinen Lust mehr… Dem möchte ich gern etwas entgegensteuern, bzw. andere „Sichtweisen“ hinzufügen.

      • Sportpapi sagt:

        @Regula Portillo: Glauben Sie denn, diese Bilder seien alle frei erfunden? Und wenn ja: Warum sollte Frau Fux das so steuern wollen?

      • maia sagt:

        @Regula Portillo: Sie und Ihre Kinder sollten unbedingt nach den Schlagzeilen weiterlesen – mindestens Sie sollten das schon wissen ….. In den Schlagzeilen stimmt das was Sie schreiben evt. noch, aber die Antworten sind dann doch sehr differenzierter.

      • Regula Portillo sagt:

        @maia: primär werde ich von den Kindern ja einfach befragt, da habe ich den Text nicht vor mir liegen. Ich kann die Antwort von Frau Fux dann schon noch nachlesen (und allenfalls mit den Kindern besprechen).

      • 13 sagt:

        @ SP
        Gerade weil diese Rollenbilder nicht nur erfunden sind, sondern viele die Überzeugung vom immer willigen Mann und der Frau, die dafür zuständig ist, ihn zu befriedigen haben, ist das Gespräch mit den Kindern und das Aufzeigen, dass es auch anderes gibt, wichtig. Ansonsten führt es eben dazu, dass 53% der Frauen und 23% der Männer Sex haben, den sie nicht wollen:

        https://www.derbund.ch/leben/gesellschaft/ein-leiser-druck-des-partners-und-die-frau-hat-sex-den-sie-nicht-will/story/10044345

        Ich finde nicht, dass man das „ist halt so“, „Biologische Komponente“ etc. einfach stehen lassen sollte. Im Gegenteil.

      • Sportpapi sagt:

        @13: Die Rollen sind doch nicht: „Immer willigen Mann und der Frau, die dafür zuständig ist, ihn zu befriedigen.“ Sondern schlicht, dass der Mann häufiger mehr und vielleicht auch ausgefallener Sex haben möchte als die Partnerin.
        In einer Partnerschaft braucht es dafür Kompromisse. Insofern ist der im Link beschriebene „Missstand“ überhaupt keiner. Ist ja klar, dass man auch mal etwas dem Partner zu liebe macht. Wenn, dann erstaunt höchstens die Hohe Zahl Männer, die das auch schon getan haben (und eben nicht immer Lust hatten).
        Den letzten Satz verstehe ich nicht in diesem Zusammenhang.
        Glaubst du denn, bezüglich Sex müsste die Situation vor allem für Frauen besser werden? Und wenn ja, in welche Richtung und warum?

      • Sportpapi sagt:

        Die passiven Formulierungen „hat zu gefallen“ oder „die dafür zuständig ist, ihn zu befriedigen“ sind in meinen Augen sowieso verfehlt, weil nie klar formuliert wird, wer so etwas eigentlich verlangt.
        Ist es nicht so, dass Männer bezüglich Aussehen ihrer (Sex-)Partnerinnen sehr viel unkritischer sind, als diese sich selber gegenüber?
        Und ist es nicht so, dass für „guten Sex“ vor allem der Mann als mehr oder weniger guter Liebhaber zuständig ist? Der selbstverständlich auf die Bedürfnisse der Frau eingehen soll, wie etwa ein langes Vorspiel – auch wenn er das vielleicht aus eigenem Antrieb auch nicht wollen würde und nur für sie macht?

      • maia sagt:

        @Regula Portillo: Sie können vor allem ihren Kindern erklären, was der Sinn von Schlagzeilen ist und dass im Text sehr oft was anderes, oft sogar das Gegensteil davon steht.

    • Reincarnation of XY sagt:

      Volle Übereinstimmung – SP. Frau Fux ist in etwa das professionellste, was der Blick zu bieten hat. Es wäre fast das Einzige, was ich meine Kinder leichten Herzens lesen liesse. – Aber das Problem scheint zu sein, dass ihre Kids nur die Schlagzeilen lesen.
      Ich würde mit meinen Kindern also ein Gespräch über Schlagzeilen anfangen. Wie schlecht und wie gefährlich es ist, sich nur an Schlagzeilen zu orientieren …. aber das mache ich schon.
      Mit ihren Sexfragen kommen sie auch… sogar mit den persönlichen. Ehrlich und unbefangen antworten, ist mMn das Wichtigste.

      • Regula Portillo sagt:

        @Sportpapi: Tatsächlich glaube ich, dass sich diese Zuteilungen oder Rollenbilder stark verändert haben und noch immer verändern. Das Bild vom Mann, der immer Sex haben möchte und der Frau, die ständig Kopfschmerzen hat, ist meines Erachtens überholt. Und selbst wenn nicht; die Kinder müssen diese Rollenvorstellungen nicht übernehmen.

      • Regula Portillo sagt:

        @Reincarnation of XY: Ja, da haben Sie bestimmt Recht. Nur die Schlagzeilen zu lesen, reicht nicht aus (egal in welcher Zeitung). Ich zweifle auch nicht an der Seriosität von Frau Fux; nichtsdestotrotz finde ich, dass 9-Jährige für diesen Ratgeber noch etwas (zu) jung sind.

      • Sportpapi sagt:

        @Regula Portillo: Ich finde es schwierig, wenn man Verhaltensunterschiede immer mit „Rollen“ und „Bildern“ erklärt, und damit jegliche biologische Komponente ausblendet. Gerade in einem Gebiet, in dem diese meiner Meinung nach eine entscheidende Rolle spielt. Letztlich ist es aber auch egal, und die Antwort bleibt die gleiche, oder er oder sie nun klagt, dass der Partner oder die Partnerin leider nicht so möchte, wie er oder sie. Und ob er oder sie sich gehen lässt…
        Ob die Kinder zu jung sind, weiss ich nicht. Wenn, dann wären sie es definitiv für die halbe Zeitung. Und am wenigsten möchte ich eigentlich, dass meine Jungs die Friday-Beilage lesen…

  • Maike sagt:

    Herrlich zu lesen, das sich manche Dinge wohl nie ändern werden. Und zwar, wenn die Eltern merken, das sie nicht mehr der alleinigen Informant ihrer Kinder sind und deren Wissensumfang steuern können, sondern das die Kinder auch von anderer Seite her ihre Infos bekommen.
    Kinder sind von Natur aus neugierig und interessieren sich für alles und jedes. – und das ist gut so ! Vor allem interessieren sie sich umso mehr für Dinge, die die Erwachsenen gerne unter den Tisch kehren würden. Bei mir war es Coca Cola und die BRAVO…
    Jetzt ist es an den Eltern, damit einen vernünftigen Umgang zu pflegen und diese Dinge im richtigen Licht erscheinen zu lassen. So ist die Wahrscheinlichkeit gross, das der Nachwuchs weltoffen und tolerant wird.

  • Rolf Rothacher sagt:

    Es würde genügen, wenn wir wieder etwas „normaler“ leben würden. In Boston/USA hat mich am meisten der Nachbau der Mayflower beeindruckt und zwar die Kojen im Schiffsrumpf. 100 Menschen schafften nicht nur die Überfahrt, sie mussten auch den ersten Winter auf dem Schiff überstehen. Für die 100 Menschen gab es kaum 100m2 Platz unter Deck. Dort wurde nicht nur gestorben, dort wurde auch geboren und ebenso gezeugt (wird über Texttafeln wunderbar erklärt). Damals hat man schon kleinste Kinder mit dem Natürlichsten konfrontiert. Unser heutiger „Beschützer-Zwang“ ist völlig kontra-produktiv, ein Zeichen unserer Dekadenz.

    • Reincarnation of XY sagt:

      Genau! Man sieht noch heute, dass überall dort, wo es keinen Wohlstand gibt und Familien oder eine ganze Sippe in einem Raum lebt, die Menschen im allgemeinen glücklicher sind und zivilisierter und humaner miteinander umgehen.
      Als die Leute bei uns noch so arm waren gab es ja auch weit weniger Kriege und Gewalt und vor allem den Kindern ging es ja so viel besser.

  • Hotel Papa sagt:

    Ist doch schön, wenn sie überhaupt fragen. Oft ist es den Kindern peinlich, solche Fragen mit den direkten Vertrauenspersonen zu diskutieren.

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