Matura für alle?

Wozu in die Schule? Bei der Bildung dürfen wir nicht allein auf Freiwilligkeit zählen. (Foto: Heidi/Constantin Film)

In seinem neuen Buch «Matura für alle!» plädiert der Gymnasiallehrer und Bildungsjournalist Andreas Pfister für 18 obligatorische Schuljahre mit einem Matura-Abschluss.

Das irritiert auf den ersten Blick. Doch schon im Einstieg differenziert der Autor seine Forderung. Gemeint ist nicht, dass alle fortan die klassische Matura erpauken sollen. Mitgemeint sind auch die Fach- und Berufsmaturitäten.

Anders würde die Forderung auch gar keinen Sinn ergeben. Selbst wenn die meisten Eltern – meist aus wohlgemeinter Angst um die Zukunft ihrer Kinder – das nicht hören wollen: Es gibt viele Kinder, die nicht an ein Gymnasium gehören, sich dort nicht wohlfühlen. Wer das ausspricht, wir rasch als elitär abgestempelt. Das ändert jedoch wenig an der Realität. Schon jetzt leiden viele Schülerinnen und Schüler an den Gymnasien darunter, dass ihre Eltern ihnen die Schulbank verordnet haben, weil es vermeintlich gut für sie sei. Dabei wären sie wesentlich glücklicher, sich statt mit Klassikern, Mitose und Trigonometrie mit etwas Praktischem, Handfestem auseinandersetzen zu dürfen. Elitär ist in dieser Frage lediglich die Vorstellung, dass eine gymnasiale Ausbildung mehr Wert habe als eine andere.

Kampf dem Geissenpetersyndrom

Die Forderung nach einer Matura für alle macht dennoch durchaus Sinn. Zumindest wenn sie so gemeint ist, wie Pfister sie versteht. Seine Argumente sind stichhaltig und sauber dargelegt: Wenn die Kinder in der Schweiz möglichst chancengleich mit dem Markt mithalten wollen, brauchen sie mehr Bildung. Und damit sie auch tatsächlich dazu kommen, reicht Freiwilligkeit eben nur bedingt. Pfister spricht vom Geissenpetersyndrom, in Anlehnung an Heidis Freund, der weder lesen noch schreiben konnte und wollte. Wozu auch? Und genau auf diese letzte Frage gibt Pfister eine Antwort: Weil es nötig ist und zudem auch in humanistischem Sinn dem Selbstbewusstsein der Kinder guttut.

Andreas Pfister: Matura für alle. (Arisverlag)

Bei näherem Betrachten ist die Forderung also nicht mehr so spektakulär, sondern schlicht berechtigt. Und theoretisch machbar, auch für eher praxisorientierte Kinder. Sie sollen nämlich laut Pfister nicht die ganzen 18 Jahre die Schulbank drücken, sondern auf Wunsch lediglich begleitend zu ihrer Lehre – was sie ja bereits heute de facto tun, allerdings ohne einen maturitätsequivalenten Abschuss. Den erreiche laut dem Autor heute nicht einmal die Hälfte der Jugendlichen.

Der fatale Fehler der Schweiz

Pfister führt an, welche Folgen das hat. Wohlgemerkt nicht nur für die einzelnen Kinder, sondern für die Gesellschaft als Ganzes. Aufgrund des derzeitig latenten Mangels an Fachkräften muss die Wirtschaft diese importieren. Das hat für sie den Vorteil, dass man nicht für deren Ausbildung aufkommen muss. Und hier liegt der Hase im Pfeffer: Die Schweiz macht derzeit einen fatalen Fehler: Sie will nicht hinlänglich einsehen, wie kostbar Bildung ist und dass sie nicht leise wegrationalisiert werden darf. Im Gegenteil.

Das Plädoyer für eine Matur für alle ist denn auch vor allem eine Forderung nach mehr Investition in gute Bildung für alle. Allerdings scheint mir der Anspruch des Autors, dass auch mehr Jugendliche eine gymnasiale Maturität erreichen sollen – unter gleichzeitiger Beibehaltung des jetzigen Niveaus – zwar bestechend, aber etwas realitätsfern. Bereits heute sind auch wirklich motivierte Schüler hart gefordert, den Stoff zu bewältigen, der an einem Gymi verlangt wird. Daran, dass alle Kinder das Recht auf beste Bildung haben, und zwar ungeachtet ihre Herkunft und ihres sozialen Hintergrunds, gibt es jedoch nichts zu rütteln.

Gebildete Kinder machen uns konkurrrenzfähig

Aber eben: Das würde bedingen, dass Bildung endlich Chefsache wird. Dass nicht gekürzt und eingespart, sondern massgeblich investiert wird. Oder, plakativ gesagt: Gebildete Kinder bringen einer Gesellschaft mehr als Autobahnteilstücke und neue Kampfjets. Sie machen sich und uns alle konkurrenzfähig.

Daher ist das Buch durchaus lesenswert. Es setzt sich differenziert damit auseinander, was für eine Gesellschaft wir sein wollen und was wir dafür tun müssen. Dabei geht es keineswegs nur um wirtschaftliche Überlegungen. Wer in der Schule lernt, sich kritisch mit Geschichte, Politik und den Mechanismen dahinter auseinanderzusetzen, ist weniger anfällig für Populismus.

Wer nun den logischen Umkehrschluss wagen will: Vielleicht ist ja Letzteres der Grund, warum gewisse politische Kreise sich so wenig dafür engagieren, die Bildung auf den besten Stand zu bringen. Und gerade deshalb braucht es Bücher wie jenes von Pfister, die all diese Gedanken und Mechanismen klar formulieren und die entsprechenden Fakten und Zahlen sammeln und interpretieren.

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