Unter Fleischfressern

Keine Nachfrage nötig: Ein Knabe isst Poulet. Foto: Getty Images

Es gibt Dinge, über die ich nur rede, wenn ich darauf angesprochen werde. Oder wenn es eine Kolumne zu schreiben gilt und ich feststelle, dass ich über bestimmte Dinge nur rede, wenn ich darauf angesprochen werde. Religion zum Beispiel. Als Atheist habe ich mir angewöhnt, die religiösen Überzeugungen meiner Mitmenschen nur auf Nachfrage zu kommentieren und meine eigene Auffassung für mich zu behalten. Klar können der Gretchenfrage gute Gespräche folgen. Aber in den meisten Fällen wird das nichts. Stattdessen folgen oftmals Variationen von Protzgeplänkeln: mein Haus, mein Auto, meine Religion. Also meiner läuft ja ohne Monotheismuskatalysator. Wie kannst du nur auf Katechismusstossdämpfer verzichten? Oder so ähnlich.

Noch schlimmer als Religion – und der Atheist in mir ringt noch damit, ob er sich darüber freuen soll – ist allerdings Ernährung. Ersatzreligion also. Das Thema ist deshalb so furchtbar, weil sich Fragen danach, warum ich als Vegetarier kein Fleisch esse, wesentlich häufiger ergeben, als Mutmassungen darüber, dass ich sonntags womöglich keinen Gottesdienst besuche. Beim Essen hat sich Säkularismus scheinbar noch nicht durchgesetzt. Dabei ist eine friedliche, ja entspannte Koexistenz möglich.

Abschmecken müssen die anderen

Ich bin der einzige Vegetarier in meiner sechsköpfigen Familie, zeichne mich hauptsächlich fürs Kochen verantwortlich, und es funktioniert trotzdem. Ich habe lange genug Fleisch gegessen, um mich an die entsprechenden Rezepte für Lasagne und Geschnetzeltes noch zu erinnern. Abschmecken müssen die anderen. Die essen es ja schliesslich auch.

Sie werfen mir nicht vor, dass ich weniger Fleisch als früher koche, und ich gebe keine Würgegeräusche und Schlachterzählungen von mir, während sie ihr paniertes Schnitzel verputzen. Essen und essen lassen. Das funktioniert erstaunlich gut. Nach der ungewohnten Anfangsphase fragt auch niemand mehr nach, warum ich nicht mitesse oder was ich denn dann stattdessen esse. Mein Sendungsbewusstsein ist ebenso wenig ausgeprägt wie ihre Begeisterung dafür, sich unaufgefordert mit mir moralisch zu messen.

Ausserhalb meiner Kernfamilie herrschen allerdings andere Sitten. Und das schliesst ausdrücklich Menschen mit ein, die kein Fleisch essen. Sowohl vor als auch nach meiner Entscheidung zum Verzicht auf Fleisch sass ich beim Essen Menschen gegenüber, die mich leicht abschätzig anblickten, sich zu mir herüberbeugten, um mir so laut wie möglich zuzuflüstern: «Du fragst dich sicher, warum ich kein Fleisch bestellt habe.» Und sowohl als Fleischesser als auch als Vegetarier habe ich das Gleiche gedacht: nein, eigentlich nicht.

Die andere Seite ist nach meinen Erfahrungen allerdings zahlenmässig sehr viel stärker vertreten und nicht weniger nervig. Menschen also, die mir aufgrund meiner Bestellung zu Recht Vegetarismus (oder noch schlimmer: Veganismus) und zu Unrecht ein moralisches Überlegenheitsgefühl unterstellen. Und dann geht es los: Also ich esse ja so gut wie nie Fleisch und wenn dann nur Bio, ich suche mir mein Schwein persönlich aus, Fisch ist ja kein Fleisch, hihi, und in meiner Familie gibt es ganz viele Vegetarier. Insbesondere wenn ich gerade beim Essen bin, beantwortet sich die Frage, ob mich das interessiert, wie von selbst. Siehe oben: nein, eigentlich nicht.

«Aber ich habe doch nur Essen bestellt»

Interessant finde ich vielmehr, dass mir einige später auf Nachfrage erklären, mein moralisches Überlegenheitsgehabe hätte sie zu diesen Äusserungen veranlasst. «Aber ich habe doch nur Essen bestellt», wende ich ein. «Trotzdem», lassen sie mich wissen. Tatsächlich verhält es sich ein bisschen anders. Um ein Gefühl der moralischen Unterlegenheit zu erzeugen, reicht meine Anwesenheit.

Ich störe einen Verdrängungsprozess, der andernfalls reibungslos abläuft. Dabei wollte ich doch nur in Ruhe essen. Zwischen «Warum bist du eigentlich kein Veganer» und «Ich werde mich doch vor DIR nicht für meinen Fleischkonsum rechtfertigen!» ist es ziemlich ungemütlich geworden. Und sosehr ich mir wünsche, dass wir alle bewusster essen, so sehr erinnern mich Missionierungs- beziehungsweise Rechtfertigungsversuche beim Essen im Nachgeschmack an Gummisohle. Vielleicht könnten wir ja gemeinsam beschliessen, darauf zu verzichten. Das würde mir schmecken.

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