Nein, nicht Kalifornien. Balkonien!

Maximale Entspannung – minimaler Aufwand: Die Vorteile des Daheimbleibens sind verlockend. (Foto: iStock)

«Wir starten gleich am Samstag Richtung Süden.» «Und wir fliegen nach Kalifornien.» Ferienpläne haben wieder saisonale Hochkonjunktur als Small-Talk-Thema. Steht man dabei und hat keine Auslandsreise vor, hofft man, dass keiner fragt: «Und ihr?» Passiert es doch, fühlt man sich wie Schellenursli mit dem kleinsten Glöckchen. Selbst wenn noch auf ein paar Tage Bünderland verwiesen werden kann.

So erwartete ich es, als wir dieses Jahr zum zweiten Mal beschlossen, hier zu bleiben. Davor waren wir jeweils nach Italien gefahren, hatten Meer, Sonne und Gelato getankt und fanden das stets buono. Es geschah also mehr aus Zufall, dass wir letztes Jahr nicht verreisten – und unsere bisher entspanntesten Ferien erlebten. Also auf ein Neues! Allerdings – nix da, Schellenursli – stellte ich in Gesprächen doch überraschend oft fest: «Ah, ihr bleibt auch hier?» Keimt da eine neue Lust an Ferien in der Nähe?

Die bestechenden Vorteile des Hierbleibens:

  1. Keine Packerei. Klar, wenn man sich reinkniet, geht es schnell. Aber bis ich mich reinknie… vergehen Tage dunkler Vorahnungen und Nächte mit Albträumen, in denen ich unter T-Shirt-Bergen ertrinke. Pack ichs dann doch mit dem Packen, verwandle ich mich umgehend in einen Tintenfisch mit Tourettesyndrom. Kein schöner Anblick. Gut also, wenn er entfällt.
  2. Auch die Anreise erübrigt sich. Was somit, logisch, auch für die Abwesenheit vom Zuhause und die Heimreise gilt. Eine Last-Minute-Nötigung von Nachbarn zum Briefkastenleeren, Pflanzengiessen oder Rennmausfüttern ist genauso inexistent, wie es Schlangen am Check-in, Staus am Gotthard oder verpasste Zuganschlüsse in Milano sind. Stattdessen: kurze Wege auf halb leeren heimischen Strassen…
  3. … in ebenso halb leere Badis. Für einmal ist hier zwischen den Badetüchern Wiese zu sehen. Selbst im Wasser wird man nicht an den Start zur Seeüberquerung erinnert. Nicht mal beim Kinderbecken. Wer dann noch die Pommes am Kiosk ohne Anstehen, dafür knusprig und warm bekommt, wird die Liegestühle zu elf Euro das Stück in der zwölften Reihe des italienischen Bagnos nicht mehr vermissen.
  4. Es tönt bünzlig, aber ich schlafe daheim am besten. Und nichts bringt doch maximalere Erholung als die Kombination von Freizeit am Tag und gewohntem Komfort nachts. Ob man aber gut verdunkeln oder keine 35 Grad im Schlafzimmer will, auf die Himmelsrichtung, in die das Bett zeigt, oder nur auf die Abwesenheit von Bettwanzen: alles individuell, weshalb es sich anderswo selten so perfekt nächtigt wie zu Hause.
  5. Nein, auch dieser Punkt ist nicht von Schweiz Tourismus gesponsert… aber jetzt ist Zeit, um mit den Kindern Ausflüge zu unternehmen. Vom Technorama-Besuch bis zum Goldwaschen, von Zelten am See bis zum Trekken mit Ziegen. Und ehrlich: So eine Raddampferfahrt auf dem Vierwaldstättersee… dagegen ist selbst ein Speedboat auf Hawaii wie ein McSundae im Vergleich zum hausgemachten Meringue. (Allerdings: Ich war noch niemals auf Hawaii.)
  6. Man kennt die Nummer des Kinderarztes und auch den Weg zur Notfallstation auswendig. Und höchstwahrscheinlich wird beides nicht gebraucht (Holz anfassen.) Denn gehe ich im Kopf alle bisherigen Brüche, Beinahblutvergiftungen und Brechdurchfälle unserer Kinder durch, stelle ich fest: Die Korrelation von Auslandsferien und unpässlichen Kleinen ist signifikant, jedenfalls bei uns. Wäre ich Fan von Verschwörungstheorien, würde ich behaupten, Auslandsferien mit Familie seien eine Erfindung der Pharma.
  7. Er soll nicht fehlen, der ökologische Fussabdruck. Wird für einmal nicht daran gearbeitet, die Schuhgrösse des Brontosaurus zu erreichen: auch gut!
  8. Der XXL-Riesen-Wäscheberg, der sich nach Reisen jeweils auftürmt, er fällt flach! Keine weiteren Kommentare.

Natürlich gibts auch Nachteile! Den Kindern stinkts, weil Italien besser tönt als Balkonien – («Überhaupt, warum gehen wir nicht nach Kalifornien?») – und obwohl sie nicht wissen werden, wo anfangen, wenn der Aufsatz zum schönsten Ferienerlebnis gefragt ist.

Vielleicht ist man auch zu versucht, sich an den Wohnungsputz oder die E-Mails zu machen. Der Hammernachteil aber ist, klar: das Wetter und seine Unvorhersehbarkeit! Letztes Jahr hatten wir Glück. Sollte es dieses Mal die ganze Zeit regnen… nehme ich alles zurück und behaupte das Gegenteil.

Ich wünsche Ihnen schöne Ferien – wo immer Sie diese verbringen!

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