Chillen beim Stillen

Das Kind schreit, dabei sollte es trinken – und die Mutter muss Ruhe bewahren. Foto: Nikolay Osmachko (Pexels)

Das Kind starrt meinen Nippel an und schreit. Es schreit, bis es dunkelrot anläuft und ich ihm ins Gesicht blasen muss, damit es kurz Luft holt. Sieben Wochen alt ist es jetzt, und seit einigen Tagen finde ich mich immer wieder in dieser Situation: mit dem schreienden Kind an meiner Brust, das nach fünf Minuten Stillen vor lauter Schluchzen keine Luft mehr bekommt. Etwas scheint ihm gar nicht zu passen beim ach so abhängigen Abhängen am Busen.

Die Wochenbetthebamme, die an diesem Tag zu Besuch ist, tätschelt meine Schulter und sagt: «Du bist mehr als deine Brüste.» Ich stimme in die Schluchzer des Kindes ein ob diesem Satz, den zu sagen doch immer überflüssig sein müsste, weil: IST JA KLAR! Doch jetzt, mit dem Kind an der Brust und der Milch, die ganz langsam über meinen Bauch in meinen Schoss tröpfelt, trifft er mich mitten ins Frauen- und Mutterherz, dieser Satz.

Nach dem Stillen ist bekanntlich vor dem Stillen, und so verbringen der Mann und ich unsere Zeit in konstanter Anspannung vor der nächsten Mahlzeit des Kindes. Nach dem Trinken – oder der vergeblichen Versuche in dieser Richtung – fällt das Kind nicht selig ins Milchkoma, sondern in einen vom Weinen erschöpften Schlaf.

Die Ärztin verschreibt einen totalen Neustart

Als ich bei besagtem Hebammenbesuch aus dem Weinen nicht mehr herauskomme und das Gewicht des Kindes beim Wiegen als nicht allzu üppig befunden wird, schickt uns die Hebamme zur Kinderärztin. Sie schaut sich das Kind genau an und lässt mich dann Vorstillen. Das Kind saugt an, sie optimiert mit gekonnten Griffen die Stillposition, und nach fünf Minuten schreit es auch hier wie am Spiess. Die Ärztin schwingt es durch die Luft, bäuchlings auf ihrem Unterarm liegend, und das Kind ist still. «Es hat Koliken», befindet die Ärztin, und das Kind gluckst. Nach rund fünf Minuten Trinken, so erklärt sie uns, kicke das Verdauungssystem ein und deshalb beginne das Kind dann immer zu weinen.

Die Ärztin verschreibt Anti-Blähungsspray, Bauchmassagen und einen totalen Still-Neustart, um uns und das Kind vom Stress der letzten Tage zu befreien. Denn da ist doch mehr als die überschüssige Luft im Kinderbauch: Das Kind ist nun so konditioniert, dass es meine Brüste mit Schmerz assoziiert und das Trinken immer wieder ganz verweigert. «Es liegt nicht an Ihnen, es liegt nicht an Ihren Brüsten», schärft mir die Ärztin ein: «Vergessen Sie das alles. Entspannen Sie sich. Stress ist Gift beim Stillen.»

So strenge ich mich so richtig an, nicht gestresst zu sein, und das Kind trinkt zwischendurch ganz still und zufrieden vor sich hin. Ich kaufe im Mütter-Secondhand einen Stillratgeber und Still-BHs, um mich bei Laune und die Brüste am rechten Ort zu halten. Wir führen Protokoll über die Mahlzeiten des Kindes und tragen alles fein säuberlich in einer Tabelle ein. Für einen Moment wähnen wir uns über dem Berg. Bis das Kind wieder losschreit.

«Sie müssen einfach Geduld haben»

Ein paar Tage später sitze ich vor der Stillberaterin in dem Spital, in dem das Kind geboren worden ist. «Sie machen das alles super», befindet Sie und reicht mir die Box mit den Kleenex. «Sie müssen einfach Geduld haben. Und akzeptieren, dass Sie manchmal nicht mehr tun können als genau das. Das wird von jetzt an immer wieder so sein, im Leben mit Kind.»

Ich schiebe das Kind im Wagen durch die Schiebetür, durch die wir vor wenigen Wochen erstmals zu dritt gegangen waren, das Kind, der Mann und ich, und atme tief durch. Bald wird das Kind wach werden und trinken wollen. Und ich werde versuchen zu chillen beim Stillen.