Die Sache mit der Aufklärung

Kindliche Fragen – ehrliche Antworten: Eltern sollten sich nicht hinter ihren Hemmungen verstecken. (Foto: iStock)

«Erinnern Sie sich einmal kurz: Wann, wie und von wem sind Sie aufgeklärt worden?» Leises Kichern verbreitet sich im Saal und durchbricht die angespannte Stimmung. Wir sind zum Informationsabend Sexualpädagogik geladen worden. In der zweiten Klasse beginnt diese an unserer Schule. Der Saal ist voll, das Thema interessiert offenbar – oder müsste man sagen: beunruhigt?

Geschlechtsteile und Gefühle

Nach allem, was ich schon gelesen hatte über Sexkoffer, Plüschvaginas und Aufklärung in den Kindergärten, war ich sehr gespannt auf den Elternabend. Im Nachhinein muss ich sagen, dass der Sexualpädagogik-Unterricht in der zweiten Klasse absolut harmlos ist. Da werden Themen wie Gefühle und Freundschaft behandelt, der Unterschied zwischen guten und schlechten Geheimnissen, es wird aber auch über die Geschlechtsteile und alle möglichen und unmöglichen Bezeichnungen dafür geredet. In nach Geschlechtern getrennten Gruppen nota bene. Sex und Fortpflanzung? Werden erst in der vierten respektive sechsten Klasse behandelt.

Die Infos waren dennoch interessant, bisweilen auch erschreckend – etwa die Aussage der Sexualpädagogin, dass 90 Prozent der zehnjährigen Jungs schon Pornos gesehen haben und dass die Kinder in dem Alter die einschlägigen Websites ganz genau kennen. Was mich aber an dem Anlass am meisten fasziniert hat, war, wie unterschiedlich die Eltern mit dem Thema Aufklärung umgehen.

Wie erklärt man «Figg dini Muetter»?

Da war etwa jene Mutter, die extra noch einmal nachfragte, ob die Sexualpädagogin das wirklich ernst gemeint habe mit dem Beantworten von kindlichen Fragen: «Sie meinen, wir sollen tatsächlich erklären, wie Babys gemacht werden? Also so richtig?» Worauf eine andere entgegnete, dass sie das ihrem Sohn schon mit 5 ganz konkret erklärt habe. Der fand das zwar im ersten Moment «uuuuuh gruusig» und ziemlich lustig, habe die Sache dann aber schnell abgehakt – also alles kein Problem.

Das sah jene Mutter freilich anders, die nur schon ab der Tatsache entsetzt war, dass ihr Sohn mit 8 das Wort «Sex» kennt. Eine andere war schon einen Schritt weiter und beschäftigte sich gerade mit der Frage, wie sie dem Nachwuchs «Figg dini Muetter» am besten erklären könne, damit ihre Kinder verstehen, dass man so was nicht sagt.

Offen reden – bis zu einem gewissen Punkt

Aber egal, wie offen man dem Thema gegenüber ist, besonders gerne sprechen Mütter und Väter mit ihren Kindern nie über Sex. Und als Eltern erschrickt man zwangsläufig, wenn das Kind zum ersten Mal «figge» sagt oder sogar erzählt, es habe «so einen komischen Film» gesehen. Trotzdem sollten wir uns in solchen Momenten nicht hinter unseren Hemmungen verstecken, sondern offen mit den Kindern reden. Ihre Fragen beantworten, Sachverhalte erklären und ihnen auch klar machen, warum man Worte wie «figge» zu Hause nicht mehr hören will, anstatt diese einfach zu verbieten.

Verbiegen muss man sich dabei aber nicht: Geht die Fragerei zu sehr ins Detail, ist es nur legitim, auch einmal zu antworten, dass man über etwas nicht reden mag, weil das zu persönlich ist. So lernen die Kinder nebenbei, dass es gerade bei diesem Thema persönliche Grenzen gibt, die man schützen darf und soll. Finden Sie als Mutter oder Vater es schwierig, über Sex zu reden, hilft vielleicht ein Buch als Einstieg. Hier drei Titel, welche die Sexualpädagogin empfohlen hat:

«Peter, Ida und Minimum» von Grete Fagerström und Gunilla Hansson, «Wohin will Willi? Die grosse Geschichte einer kleinen Samenzelle» von Nicholas Allan, «Klär mich auf. 101 echte Kinderfragen rund um ein aufregendes Thema» von Katharina von der Gathen.

Weitere Postings zum Thema: «Lets talk about Sexualkunde, Baby» oder «Sexunterricht: Scham gehört dazu».

22 Kommentare zu «Die Sache mit der Aufklärung»

  • Amelia sagt:

    Entspanntes Aufklärungsbuch das völlig unverkrampft mit dem Thema umgeht: „Mama hat ein Ei gelegt…“
    Da kichern noch meine Teenies

  • Max Melchlin sagt:

    Für die Eltern gilt: immer genau soviel antworten, wie gefragt wird. Damit habe ich mit zwei Kindern über viele Jahre beste Erfahrungen gemacht.

  • Michael sagt:

    Da hat sich seit Jahrhunderten scheinbar nichts geändert. Die vermaledeite aufkläreung – wie erkläre ich es meinen Kindern. Wovor haben den die Eltern anscheinend so eine grosse Angst, ihrem Nachwuchs zu erklären, wie es ist, ein Kind zu zeugen ? Und wenn sie soviel Angst haben es selber zu tun, macht einmal Urlaub auf einem Bauernhof und das Thema ist durch. Dort kann man dann auch gleich die Gebiete Tod, Geburt und Schlachten in Angriff nehmen.

  • Till sagt:

    Der Artikel soll nichts weiter machen als Mut. Mut dazu sich auf das Thema ein zu lassen und Kindern beim Verstehen ihrer Welt zu helfen.
    Es spielt dabei keine große Rolle wie man dabei Schritt für Schritt vorgehen möchte, sollte, könnte oder müsste. Wenn man sich nach den Fragen der Kinder und nach seinem eigenen Gefühl und auch von den eigenen Grenzen leiten lässt, macht man die wichtigsten Dinge schon richtig.
    Die wichtigste Regel sollte wie immer in der Erziehung sein: Lüg das Kind nicht an.

    Ich bin übrigens staatlich anerkannter Erzieher und habe mich in meiner Ausbildung auf Sexualpädagogik spezialisiert.
    Es ist so viel schwerer Erwachsene zu finden, die sich trauen mit Kindern über Sex zu reden als mit Kindern über Sex zu reden…

  • mira sagt:

    Wir haben da von Anfang an offen darüber gesprochen und auch mal gewitzelt. Auch darüber, warum manchmal die Türe vom Elternschlafzimmer zu bleibt und was Mama und Papa dann machen möchten – ohne dass die Kinder dabei sind… Die Kinder haben das mit einer Mischung aus Faszination und Ekel aufgenommen.
    Eine Zeit lang war bei uns das Buch „War ich auch in Mamas Bauch“ von Dagmar Geisler sehr aktuell. Es wurde uns vom Kiga empfohlen und ist eine gute Mischung aus Biologie, Gefühle und kindlicher Sichtweise.
    Ich bin sehr froh, dass wir das Thema frühzeitig offen gelegt haben. Denn wenn die Kinder noch klein sind, geht es einfach und unverkrampft. Und das ist uns bis heute (Alter 6 und 9) erhalten geblieben. Jetzt warte ich einfach auf die Pupertät. Mal schauen, wie es dann wird :)))

  • Kim Impossible sagt:

    Sehr interessantes Thema. Kinder sind sehr neugierig. Ich möchte gerne die LeserInnen fragen, welche Bücher sie empfehlen können für die Altersgruppe 7-9.

    Für alle die denken, dass das Leben nicht in Bücher zu finden ist: die meisten Kinder lieben Anschauungsmaterial.

  • M. Buchholzer sagt:

    Frau Kuster spricht das Thema in bester Weise an. Gratuliere!
    Aber wie man hier sehen kann, sind auch diese paar einfachen Zeilen für manche zu hoch. Da kann man nichts machen, gegen Dumme und Besserwisser ist kein Kraut gewachsen.

  • Lina Peeterbach sagt:

    Meine Erfahrung: Kinder sind sehr verschieden, daher gibt es kein einheitliches Rezept (genau wie in allen anderen Bereichen). Und sie setzen ihre Grenzen sehr gerne selbst. Meine Tochter (3.5) interessiert sich sehr für meinen wachsenden Bauch und wie das Baby dort hineingekommen ist. Zu viele Details will sie dann aber doch nicht wissen. Wir schauen regelmässig mein Schwangerschaftsbuch an, ein Kinderbuch zum Thema haben wir nicht. Die gleichaltrige Tochter meiner Kollegin hingegen hat kein einziges Mal das Gespräch mit ihren Eltern gesucht, sie nahm die Schwangerschaft der Mutter einfach als gegeben hin, fertig. Da macht es auch keinen Sinn irgendetwas aufzudrücken. Wichtig ist doch vor allem, dass man sein Kind kennt und singalisiert, dass alle Fragen erlaubt sind.

  • 13 sagt:

    „Figg dini Muetter“ etc. hat wenig mit Aufklärung oder Sexualität zu tun, sondern in erster Linie mit (männlicher) Gewalt. Darüber kann und sollte man Kinder schon aufklären, aber es keinesfalls mit der Sexualaufklärung verwechseln. Ansonsten verstehe ich nicht, warum so ein Wirbel darum gemacht wird. Es gehört in die Allgemeinbildung, also sollte die Schule und das Elternhaus das Thema normal behandeln, wie andere auch. Auf Fragen antworten, Informationen liefern, aber Kinder nicht mit Details überfordern. Warum das in der 2. Klasse geschlechtergetrennt stattfinden soll, erschliesst sich mir gerade nicht, war auch weder bei uns noch bei meinen Kindern der Fall. Gerade das fördert doch eher die Tabuisierung.

    • Martin Frey sagt:

      Schliesse mich an, 13.
      Verstehe ebenfalls den Sinn der Geschlechtertrennung bei dem Thema nicht ganz. Aber schon mal gut, dass offenbar ein mehr oder weniger systematischer, einigermassen altersgerechter Aufklärungsunterricht stattfindet. Und die wohl etwas hochgekochte Geschichte mit Sexkoffer, Plüschvaginas und Aufklärung in den Kindergärten doch nicht so repräsentativ zu sein scheint.
      Was mich persönlich noch wundernehmen würde: Wer sind diese Sexualpädagogen, und was haben die für eine Ausbildung? Finde ich jetzt nicht ganz irrelevant.

      • 13 sagt:

        Meine kurze Recherche ergibt, dass es sich um einen MAS handelt, v.a. für Personen aus dem Gesundheitswesen, dem Bildungs- oder dem Sozialbereich, die Kinder und Jugendliche beraten. Wie gut die Ausbildung ist und was sie beinhaltet, kann ich natürlich nicht beurteilen, da wären Sie wohl näher dran.

  • Waldi Noellmer sagt:

    Merkwürdiger Artikel. Er beschreibt nur, dass viele Eltern (logischweise) Probleme mit dem Thema haben. Die Sexualpädagogin (was immer das auch ist) gibt widersprüchliche Empfehlungen. Einerseits sollen Eltern offen reden sagt sie, dann wieder sagt sie, wenn es ihnen aber unangenehm ist auf kindliche Fragen zu antworten, dann sollen sie keine Antwort geben. Der Gipfel ist dann, die Empfehlung von Büchern. Das beginnt heute schon auf der Geburtenstation, dass Eltern glauben eine Geburt erfolgt so, wie es in Büchern beschrieben wird und sie sind dann ganz entsetzt, wenn das doch nicht so ist. Das gleiche Spiel geht dann weiter bei der Aufzucht der Kinder. Normaler Menschenverstand und elterlicher Instinkt wird so ausgeschaltet.

    • Jeanette Kuster sagt:

      Es geht ja nicht darum, dem Kind einfach ein Buch in die Hand zu drücken. Aber vielleicht hilft es, die Vorgänge zu erklären? Oder den Einstieg ins Thema zu finden?

      • Waldi Noellmer sagt:

        Das habe ich nicht so geschrieben und auch natürlich nicht so gemeint. Meine Erfahrung zeigt, dass sehr viele Eltern Bücher lesen und glauben dann ein Säugling und ein Kleinkind entwickelt sich so, wie es in den Büchern beschrieben ist und sie denken, man kann ein Kind nach Anleitung aus Büchern erziehen. Sie sind dann ganz entsetzt und verstehen die Welt nicht mehr, wenn das dann nicht so läuft. Wenn man viel mit jungen Eltern zu tun hat, bekomt man den Eindruck (sorry), die Leute werden immer dummer, obwohl sie immer mehr Infirmationen haben. Sie können mit den vielen Informationen nicht umgehen, weil sie ihr instinktives elterliches Verhalten unterdrücken und ihr gesamtes Handeln dem Einfluss der Informationen, die sie von außen erhalten, unterordnen.

      • Sportpapi sagt:

        @Waldi Noellmer: Mal ein Buch zu lesen schadet definitiv nicht. Auch nicht in Erziehungsfragen.
        Aber es gibt schon Leute, die vertrauen auf ihre Instinkte, beschwören den „gesunden Menschenverstand“. Wobei sie immer überzeugt sind, selber gerade alles richtig zu machen.

    • Jeanette Kuster sagt:

      Und noch zum Thema offen reden: Die Sexualpädagogin (eine ausgebildete Krankenschwester, die Sexualpädagogik unterrichtet) rät, Kinderfragen zum Vorgang an sich (oder zum Körper) klar und sec zu beantworten. Bsp „Wie werden Babys gemacht?“ – „Der Mann steckt seinen Penis etcetc“. Fragen die Kinder dann aber, wie man sich dabei fühlt, ob man das oft mache mit dem Papi/Mami etc, darf man ruhig auch mal sagen, das sei zu privat und persönlich.

      • Waldi Noellmer sagt:

        Die Dame ist also als Krankenschwester ausgebildet und nennt sich Sexualpädagoge, eine Phantasiebezeichnung. Das ist auch erlaubt und korrekt so, denn Pädagoge kann sich jeder nennen, es ist keine geschützte Berufsbezeichnung.

  • Jeanette Kuster sagt:

    Nun, wenn Sie eine konkrete Frage haben, kann ich Ihnen diese gerne beantworten. Ich wollte hier kein fertiges Sätzli liefern, wie Sie Ihrem Kind den GV erklären, weil das in Ihren Worten geschehen soll. Einfach am besten möglichst sec, man könnte fast sagen “technisch”.

    • Jasi sagt:

      Meine Geschwister und ich wurden von klein auf aufgeklärt. Wir wussten eigentlich schon immer, wie Kinder entstehen. Meine Eltern hatten aber ein kleines Detail vergessen zu erwähnen, nämlich, dass sich der Zustand des Penis‘ verändert. Als Kind konnte ich mir einfach nicht vorstellen, wie etwas Weiches irgendwohin gelangen sollte.

  • Bufi sagt:

    da stimme ich Jürg vollkommen zu!

  • Jürg Jenny sagt:

    Unglaublich, so viele Worte, so wenig Inhalt. Was soll ich jetzt damit anfangen?

Kommentar

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