«Flow» statt Sex

Einfach mal nichts tun: Eltern tun sich oft schwer, die seltene kinderfreie Zeit richtig zu nutzen. (Foto: iStock)

Kinderlose Weekends und Stunden sind bei uns eher selten – schon gar nicht spontane: die Grosseltern wohnen alle eine gute Autostunde entfernt. Wie habe ich mich gefreut, als es nach Monaten wieder mal mit einem kinderfreien Wochenende klappte!

Ich legte eine To-do-Liste an, die ich mit meinem Partner durchackern wollte und die mit einem Matinee-Kinobesuch begann, dem Kauf einer Lederjacke und einer Lesestunde im Lieblings-Café weiterging; abends stand eine Vernissage, ein Abendessen mit Freunden und einem anschliessenden Club-Besuch auf der Liste. Ganz normale Dinge halt, die ich früher jeden Tag realisierte. Und die mir jetzt wie verrückte Projekte vorkamen. Alles war möglich!

Sex? Haha. Fehlanzeige

Doch bis wir unsere Tochter zu den Grosseltern gebracht hatte und aus Basel im samstäglichen Stossverkehr zurückgefahren waren, war der halbe Nachmittag schon um. Zurück in Zürich, legte ich mich erst mal hin. Das Kino hatte ich genauso verpasst wie die Vernissage. Und weil das Wetter so grandios sommerlich war, mochte ich plötzlich nicht mehr in die Stadt gehen. Also sass ich auf die Rentenanstalt-Wiese am Zürichsee. Eigentlich wollte ich wie geplant lesen, aber es war so faszinierend, die vielen Muskeln und Tattoos der 20-Jährigen zu betrachten, dass ich nur so dasass und danach ein weiteres Mal wegdämmerte.

In letzter Minute schaffte ich es zum Dinner. Es war ein wunderbarer Abend, und ich war sogar seit langem wieder mal ein wenig betrunken. Doch als wir mit dem Essen fertig waren und in einer Bar im Niederdorf Biere kippten, war ich schon total fertig. Als die Freunde aus Luzern, die mit uns den Abend verbrachten, meinten, sie gingen um 1.30 Uhr auf den Zug, kam mir die verbleibende Zeit vor wie eine Strafe. Nur mit höchster Konzentration schaffte ich es, weiterzutrinken und ihrem Diskurs über ihre Flop-Reise nach Dubai zu folgen. Ich schämte mich, weil ich merkte, wie ich langsam zu schielen und zu gähnen begann. Über meine ursprüngliche Idee, noch tanzen zu gehen, lachte ich nur noch. Um 2 Uhr sank ich fertig ins Bett. Sex? Haha. Fehlanzeige.

Um 8 Uhr war ich wach – die innere Uhr lässt sich nicht mehr so schnell umschalten. Mit schlechter Laune und einem klebrigen Hirn, wie ich es nach sechs Stunden Schlaf jeweils habe, machte ich mir einen Kaffee. Immerhin konnte ich eine Stunde lang durchs Internet surfen, ohne dass sich klebrige Kinderfingerli auf die Tastatur schlichen und ohne dass jemand vergeblich nach Pepa-Pig-Videos verlangte (nicht, dass ich vor meinem Kind den Computer benutze, aber es gibt ja bekanntlich Notfälle). Ein Ereignis war sogar der Gang auf die Toilette, weil niemand an der Türe scharrte, während ich auf dem WC sass.

«Umechrümschele» als Freizeitziel

Mittags war ich wegen der kurzen Nacht wieder so müde, dass ich im Park eine verlängerte Siesta einlegte. Als ich nach Hause kam, begann ich, Kleider auszumisten. Dann war es auch schon wieder Zeit, nach Basel zu fahren, um die Kleine zu holen.

Und, was habt ihr Schönes gemacht, fragten die Schwiegereltern?

Mir kam ausser dem Abendessen nichts Erwähnenswertes in den Sinn, und ich hatte das Gefühl, versagt zu haben. Dabei hatte ich wahrscheinlich genau das nötig gehabt: Zeit, die vergeht, ohne dass etwas Aufregendes passiert. Zeit, bei der man ganz bei sich ist. «Flow» sagt man dem jetzt; «Umechrümschele» habe ich das früher genannt. Ich habe das wohl einst tagelang gemacht, sonst wäre ja mein ehemaliges kinderloses Leben nicht so schnell vorbeigezogen. Ab sofort chrümschele ich in meiner raren Freizeit nur noch – ohne jegliche Pläne. Die platzen ja sowieso.