Wenn das meine Kinder wüssten!

Moralisch nicht ganz einwandfrei: Sind die Kinder im Bett, darf hemmungslos geschlemmt werden – und das erst noch auf dem Sofa. Foto: iStock

Über diesen Satz bin ich so oder in abgewandelter Form schon ziemlich häufig gestolpert. Bei einer Freundin, die in einer stressigen Lebensphase mit anderen mal wieder zu einer Zigarette gegriffen hat. Oder bei einem Kollegen, der sein Reisegepäck so schlampig gepackt hat, dass er sich vor Ort erst mal neu einkleiden muss. Eine Vorgehensweise, die er bei seinen Kindern nachdrücklich zu unterbinden versucht.

Oder eben auch bei mir und meiner Lebenskomplizin. Wenn wir den Abend in die Länge ziehen, weil wir zwar wissen, dass wir morgens früh rausmüssen, aber einfach schon viel zu lange keine Zeit mehr miteinander verbringen konnten. Oder weil der Winter so grau und zäh ist, dass der eine Schokoriegel, den unsere Kinder zum Nachtisch haben dürfen, uns nicht reicht. Der zweite auch nicht. Womöglich nicht einmal der fünfte.

Handyregeln? Gelten nur für die Kinder

Das gehört nämlich auch zur Frage moralisch einwandfreier Elternschaft: Es gibt sie nicht. Die Tatsache, dass meine Partnerin und ich nicht rauchen und keinen Alkohol konsumieren, bietet zwar womöglich einen Anlass, sich anderen Eltern moralisch überlegen vorzukommen, aber keinen guten Grund. Irgendwas ist nämlich immer. Ob es nun sehr grosszügige Handynutzungszeiten der Erwachsenen sind, an die die Kinder nicht einmal zusammengezählt herankommen, oder auch die Tatsache, dass man sich für seine Bemühungen, möglichst kleine ökologische Fussabdrücke zu hinterlassen, mit und vor den Kindern feiert – nur um dann schon mal die Flüge zum nächsten Ferienziel zu buchen und zu verschweigen, dass man mit diesem Schritt die schwächeren Spuren einstampft.

Es lohnt sich nicht, mit dem Finger auf andere zu zeigen. Das macht schlechtes Karma und schlägt einem baldmöglichst als Bumerang die Füsse weg. Ausserdem ist es ziemlich unsolidarisch.

Gute Gründe gibt es immer

Bleibt also die Frage, wie wir das vernünftig organisieren. Diese moralisch hohen Ansprüche, mit denen wir unsere Kinder konfrontieren und die Lebenswirklichkeit der Erwachsenwelt, in der man sich schon auch darüber freuen würde, wenn es einem gelänge, dem Finanzamt in Bezug auf die sauer bezahlten Steuern irgendwie auszutricksen. Oder davon profitiert, dass wir befördert werden statt einer anderen Person, die mindestens genauso qualifiziert ist und, wenn wir ehrlich sind, länger drauf gewartet hat. Aber wir brauchen die Beförderung doch. Da macht sich niemand eine Vorstellung davon, wie wichtig die gerade jetzt für uns ist. Dabei lassen wir uns nicht von den gut gemeinten Ermahnungen unseres Nachwuchses gegenüber stören, er möge doch gut, fair, nett, tolerant und (hier bitte ein Dutzend weiterer wünschenswerter Eigenschaften einfügen) sein. Denn wie gesagt: Irgendwas ist immer. Gründe haben alle, doof sind eher die anderen. Warum zu schnell fahren verwerflich ist, aber eben nur eigentlich und gerade im Moment ist ja auch Ausnahme xy… ausserdem hat man ja… und muss ja noch… und überhaupt. Aber grundsätzlich ist Fahren mit überhöhter Geschwindigkeit sehr gefährlich. Also für andere jetzt. Man selbst ist immer die Ausnahme, die die Regel bestätigt.

Es bleibt ein moralisches Gewurstel

Erwachsensein, das wäre nach dieser Logik die Zone, in der man in der Lage ist, nicht nur zwischen moralisch fragwürdig und einwandfrei zu unterscheiden, sondern diese Unterscheidung auch ausser Kraft setzen kann. In der man die Regeln nicht nur kennt, sondern auch weiss und entschieden hat, welche zu umgehen sind und an welche man sich überhaupt nicht hält. Nur dass die meisten (mich eingeschlossen) dabei meistens davon auszugehen scheinen, dass alle anderen doch bitteschön gefälligst tun, was von ihnen erwartet wird. Andernfalls würde ja alles im Chaos versinken.

Ehrlich gesagt, habe ich dafür noch keine Lösung gefunden. Als Eltern wurschteln wir uns in dieser Sache mehr oder weniger durch. Denn weder der vollständige Verzicht auf die Vermittlung eines moralischen Grundwertgerüsts an unsere Kinder, noch das Führen eines moralisch absolut einwandfreien Lebens kommen für uns in Betracht. Wir pendeln uns wie die meisten dazwischen ein und versuchen, mit den Mehrdeutigkeiten und Grautönen zurechtzukommen, ohne vollständig auf Eindeutigkeit von Schwarz und Weiss zu verzichten. Manchmal gibt das ein schlechtes Gewissen. Aber meistens kommen wir damit klar. Und unsere Kinder hoffentlich auch.

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