Warum das mit der Fremdbetreuung schwierig ist

Das E in der Vereinbarkeit: Emotionen haben in unserem Wirtschaftssystem wenig Platz. (Foto: iStock)

Ist das erste Kind unterwegs, nimmt man die weitere Planung der Vereinbarkeit von Beruf und Familie in die Hand wie jedes andere Projekt: Man informiert sich, wägt ab, bespricht es mit dem Partner, evaluiert die eigenen Möglichkeiten. Dabei bleibt man sachlich, realistisch: Wie viel kostet ein Krippenplatz? Wer kann wie viel reduzieren? Wie lange soll die Babypause dauern? Diese fälschlich als «Urlaub» bezeichnete Auszeit, sie wird immerhin geplant wie ein solcher: Statt Reiseführer konsultiert man Babyapps, anstelle von Hotels vergleicht man Kinderkrippen. So war es auch bei mir.

Der Plan vor dem ersten Kind: Ich würde schrittweise wieder anfangen zu arbeiten, nach fünf Monaten dann wieder 60 Prozent, womit ich leicht über dem Deutschschweizer Durchschnitt von 53 Prozent liege. Den Krippenplatz hatte ich – denn so wurde mir geraten – noch im ersten Trimester sichergestellt; wir waren also tipptopp parat. Nur eines bereitete mir Sorgen: Würde ich mich nicht langweilen während der Babypause? So ein paar Monate lang?

Und dann war er da, der Moment, und ich wurde zum ersten Mal Mutter. Mit dem hormonellen Harvey kam eine nicht nur mir vorher unbekannte Liebe, sondern auch die überwältigende Verantwortung für einen Menschen in mein Leben. Die Prioritäten veränderten sich. Und – oh Schreck – ich mich auch.

Ein Bein nach links, eines nach rechts

Bald fing es in mir an zu reissen: Das Bedürfnis nach dem Ich auf der einen Seite – die Bindung zum Kind und der Wunsch, es jederzeit zu beschützen, auf der anderen. Ich war angekommen im Spagat, den jede erwerbstätige Mutter kennt. Ich hatte alles geplant, was man planen kann, und dabei vergessen, dass es auch eine Unbekannte in der Gleichung gibt: meine eigenen Emotionen – das E in der Vereinbarkeit. Das E, das eben gerade nicht berechen- oder planbar ist.

Das Ende meines Mutterschaftsurlaubs kam immer näher. Ich sehnte mich nach Langeweile – mittlerweile ein Fremdwort –, aber das Ende der Babypause lag mir auf der Seele wie ein Stein. Ich wollte Kind UND Karriere. Ich wollte emanzipiert sein. Aber ich wollte gleichzeitig mein Kind in den besten Händen wissen. «Warum hat mir das vorher niemand gesagt?», sagte nun auch ich.

Selber schuld?

Ich meinte damit nicht den organisatorischen Kraftakt, den eine Familie und ein Job mit sich bringen, denn der wäre wohl irgendwie zu bewältigen. Sondern die Zerrissenheit zwischen dem Gefühl, mit meinem Kind zusammen sein zu wollen, und gleichzeitig das Verlangen nach der Bestätigung, die ein beruflicher Erfolg mit sich bringt. Niemand klopft uns nämlich auf die Schulter, wenn wir einen Trotzanfall mit viel Geschick umschifft haben. Auch wenn das vielleicht die grösste Leistung des Tages war. Stattdessen bewältigen wir den täglichen Balanceakt zwischen Erwerbs- und Heimarbeit mit einem ständig schlechten Gewissen, weil wir weder hier noch dort die Besten sind, sondern einfach «okay».

Daran sind wir selbstverständlich auch wie immer selbst schuld. Denn die Entscheidung, berufstätig zu sein, liegt in den allermeisten Familien, die nicht zwingend auf ein zweites Einkommen angewiesen sind, bei der Frau. Während die meisten Väter – genau genommen 97,7 Prozent laut dem Bundesamt für Statistik – nach der Geburt des ersten Kindes weiterhin 100 Prozent arbeiten, arbeiten die neuen Mütter vor allem Teilzeit, auf eigenen Wunsch.

Mehr Kinderkrippen – mehr arbeitende Mütter?

Lange vor dem ersten Kind hegte ich einmal Pläne, selbst eine flexible Kinderkrippe zu eröffnen, mit extra langen Öffnungszeiten. Der Arbeitstitel war – mit viel Ironie selbstverständlich, aber trotzdem bezeichnend – «Get rid of your kid». (Ja, ich finde das heute auch jenseits.)

Ich dachte damals, die Probleme rund um die Vereinbarkeit liessen sich doch easy mit bezahlbaren und flexiblen Krippenplätzen lösen. Dass ich mein Kind vielleicht gar nicht loswerden wollen würde, sondern im Gegenteil seine Gesellschaft allen anderen vorziehe – dieses Gedankenexperiment führte mein noch kinderloses Ich nicht durch.

Mehr Kinderkrippen – das ist auch der Masterplan des Bundesrats, um wieder mehr Frauen zurück in die Arbeitswelt zu holen. Aber auch dort, wo es genügend Kita-Plätze hat, sind die Kosten so hoch, dass sich das zweite Einkommen – meist das der Frau – gar nicht mehr lohnt. Arbeitet sie mehr als 40 Prozent, könnte sie in vielen Kantonen den dritten Tag auch gleich zu Hause bleiben, da der Lohn direkt in die Kinderbetreuung fliesst.

Verlängerung der Babyzeit

Ich kenne keine einzige Mutter, die nach 14 Wochen gesetzlichem Mutterschaftsurlaub fröhlich pfeifend ihr Kind in die Krippe bringt. Diejenigen, welche es sich leisten können, verlängern die Babypause auf fünf oder sechs Monate.

Emotionen, da weiblich konnotiert und deshalb als Schwäche empfunden, mit der es umzugehen gilt (aber da machen wir jetzt ein komplett neues Fass auf) – diese Emotionen haben es schwer, mit wirtschaftlichen Fragen in Verbindung gebracht und ernst genommen zu werden. Dass eine Elternzeit oder zumindest ein flexibler Vaterschaftsurlaub genau hier ansetzen würde, weil wir Frauen mit einem guten «Gefühl» und vor allem mit einem gleichberechtigten Partner unsere Arbeit wieder aufnehmen könnten, wird nicht diskutiert. Dabei ist es genau das E in der Vereinbarkeit, das selbige auch heute noch so verdammt schwer möglich macht.

Und warum hat mir das niemand gesagt? Vielleicht, weil ich es selbst nicht geglaubt hätte.

Dieser Text erschien als Erstes auf anyworkingmom.com.

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