Niemand wirft «wie ein Mädchen»!

Und nein, im Baseball – das wir bewusst nicht Frauen-Baseball nennen wollen – fliessen auch keine Tränen: Geena Davis in «A League Of Their Own» (1992). Foto: MGM

Und nein, im Baseball – das wir bewusst nicht Frauen-Baseball nennen wollen – fliessen auch keine Tränen: Geena Davis in «A League Of Their Own» (1992). Foto: MGM

Hüllt man seine Tochter in typische Bubenkleider, finden das viele Menschen super. Das Kind ist cool und wild. Aber lassen Sie Ihren Sohn mal ein Kleid tragen. Da rümpfen selbst Progressive ihre Nase: «Das geht doch nicht. Lächerlich. Die Psyche des Armen! Na ja, die Eltern waren schon immer etwas merkwürdig.»

Wie interpretieren Sie dieses Phänomen? Für mich steht es als Beispiel dafür, dass wir im Jahr 2018 immer noch ein gestörtes Verhältnis zu den Geschlechtern haben. Männliche Attribute – und Kleidungsstücke – werten ein Mädchen auf, weibliche Attribute werten einen Knaben ab. Diese Misogynie ist tief in uns drin, auch wenn wir uns vordergründig für aufgeklärt halten.

Eine neue Generation ohne Vorurteile

Wir sollten viel dafür tun, dass unsere Kinder mit einem anderen Geschlechterbild aufwachsen. Frei von sexistischen Vorurteilen. Sie sollen sich ungehindert entfalten können und respektvoll mit ihren Mitmenschen umgehen.

Statt mich aufzuregen, möchte ich ein paar konkrete Erziehungsvorschläge erarbeiten. Nun bin ich kein Genderforscher, kein Soziologe und kein Psychologe. Ich bin noch nicht einmal ein sonderlich erfahrener Vater. Deshalb benötige ich Ihre Hilfe.

Was gehört in den Elternkodex für ein gesundes Geschlechterbild? Vorschläge aller Art sind herzlich willkommen. Hier mein erster Entwurf:

10 Erziehungsgebote für ein gesundes Geschlechterbild

  1. Wir enthalten einem Kind aufgrund seines Geschlechts nichts vor: keine Spielsachen, keine Farben, keine Kleidungsstücke. Das gilt auch implizit. Sätze wie «schau, der Bagger ist jetzt frei» und «vielleicht finden wir ja drüben bei den Jungs/Mädchen eine schöne Jacke» eignen sich für alle Kinder.
  2. Wir greifen ein, wenn Geschlechter herabgewertet werden. Sätze im Stil von «du wirfst wie ein Mädchen» lassen wir nicht unkommentiert, denn sie bleiben lang im Kopf eines Kindes haften und richten dort Schaden an.
  3. Wir achten darauf, dass wir Kinder unabhängig von ihrem Geschlecht mit vielfältigen Worten loben, kritisieren oder charakterisieren: Mädchen können hübsch, wild, stark, witzig, lieb, grob oder süss sein. Buben genauso. Alle können «schöne Haare haben» oder «bestimmt einmal Rennfahrer*in werden».
  4. Wir achten auf nicht stereotype Berufsrollen: Statt von Ärzten und Krankenschwestern reden wir auch von Ärztinnen und Entbindungspflegern, Pilotinnen, Automechanikerinnen, Kita-Betreuern und Hausmännern. Es geht dabei um Vielfalt, nicht darum, bestimmte Berufe über andere zu stellen.
  5. Wir sorgen dafür, dass unsere Kinder auch Geschichten mit starken Frauen in der Hauptrolle lesen, hören und sehen … und mit Männern, die sich um Babys kümmern, Frauen als Bösewichte und Mädchen, die keine Pferde mögen.
  6. Wenn wir unsere alten Playmobil- und Legokisten für die Kinder vom Estrich holen, sind darin 80 Prozent der Figürchen männlich. Das ändern wir, zum Beispiel, indem wir zusätzliche Figürchen oder Haarteile organisieren. Wir geben den Playmobil- und Legofrauen vielfältige Rollen und lassen sie beim gemeinsamen Spiel interessante Abenteuer erleben. Natürlich kann auch eine Legofigur mit Helm oder Kurzhaarfrisur eine Frau sein.
  7. Wir besuchen mit unseren Kindern Frauenfussballspiele. Wenn wir das nicht mögen, gehen wir zum Fraueneishockey oder ans Frauenschwingfest. Und ab sofort nennen wir es «Fussball», «Eishockey» und «Schwingfest».
  8. Wir reden von «Kind», «Mensch» oder «Person» und unterteilen nicht alle Menschen andauernd in Geschlechter. Wir vermitteln unseren Kindern auch, dass es nicht nur zwei binäre, äusserlich identifizierbare Geschlechter gibt, sondern dass die Welt vielfältiger ist.
  9. Wir wenden die Punkte auf dieser Liste gleichermassen gegenüber unseren Söhnen und Töchtern an. Für beide ist ein gesundes Geschlechterbild wichtig.

Lesen Sie zu diesem Thema auch «Die Wurzel des Geschlechterkampfs», «Zu wild für ein Mädchen?» oder «Unglaublich, es ist ein Junge!».