Zum (Un)sinn von Schulnoten

Kritikfähigkeit will gelernt sein: Schon früh werden Kinder bewertet und vergleicht – mit Noten. (Foto: iStock)

«Aus Ihrem Sohn wird nie ein Picasso», bedauert die Lehrerin beim Elterngespräch und verweist auf seine 4-5 (nach Schweizer Notensystem; die Redaktion) im Kunstunterricht. Den Noten nach zu urteilen, lägen seine Stärken bei den naturwissenschaftlichen Fächern. Ich schlucke leer. Unser Sohn besucht die 2. Klasse. Erstens, denke ich, sagt seine 4-5 doch herzlich wenig darüber aus, ob aus ihm jemals ein Picasso wird oder nicht, und zweitens: Hat er dafür nicht noch Zeit? Ist in seinen jungen Jahren schon in Stein gemeisselt, was er kann und was nicht? Offenbar ja, denn die Noten sprechen selbst aus seiner Sicht eine klare Sprache: In Kunst und Deutsch bin ich schlecht, in Mathe und Sport hingegen super. Die Vorgabe ist demnach klar, und ich frage mich einmal mehr, welchen pädagogischen Nutzen Schulnoten in der Unterstufe haben könnten.

Tränen statt schulisches Selbstbewusstsein

Die erste benotete Arbeit war ein Diktat. Dem angefügten Notenspiegel war zu entnehmen, dass ein Mitschüler eine 2 bekommen und es nur eine einzige 6 gegeben hatte. Klar, die Eltern sollen einordnen können, wo ihr Kind im Vergleich mit den anderen steht. Aber wem oder wozu dient dieser Vergleich überhaupt? Wichtig ist doch nur, ob das eigene Kind das Lernziel erreicht hat oder nicht – dazu braucht es keine Noten; und wenn, dann bei Primarschülern keine so schlechten. Denn wer im Diktat die 2 geschrieben hatte, wusste logischerweise die ganze Klasse, nämlich jenes Kind, das in Tränen ausgebrochen war.

Kürzlich mussten wir ein Leseverständnis unterschreiben, das ziemlich schlecht ausgefallen war. Ich staunte ein bisschen, denn Lesen und Verstehen bereitet unserem Sohn normalerweise keine Probleme. Nun, aus zeitlichen Gründen hatte er, der langsam schreibt, nur drei von sechs Aufgaben lösen können. Die drei gelösten Aufgaben waren korrekt – doch dann war die Zeit um. Wäre es in diesem Fall nicht besser, das Kind die Arbeit fertig schreiben zu lassen und eventuell zu vermerken, dass es mehr als die dafür vorgesehene Zeit benötigt hatte, statt ihm eine schlechte Note zu geben? Sollte der Fokus nicht darauf liegen, das schulische Selbstbewusstsein eines jeden Kindes zu stärken?

Arbeitsanalysen statt Noten

Der Lehrer unseres anderen Sohnes erläutert uns beim Elterngespräch ein an der Klasse erprobtes Mathematik-Experiment. Dabei erhielten die Kinder ein Arbeitsblatt mit 60 Reihen-Aufgaben und zehn Minuten Zeit, um möglichst viele davon zu lösen. Jedes Kind durfte selber entscheiden, wie es die Aufgabe angehen wollte, einfache Rechnungen rauspicken, schwierige überspringen – alles war erlaubt. Das Fazit: Unser Sohn hatte etwa 15 Rechnungen der Reihenfolge nach gelöst, woraus sein Lehrer unter anderem schloss, dass er schwierigeren Aufgaben nicht ausweicht. Die von ihm gelösten Rechnungen waren richtig, trotzdem erreichte er weniger Punkte als Kinder, die sich ihre Wunschaufgaben raussuchten. Wieder andere gingen schnell voran, hatten so zwar einige Fehler, insgesamt aber auch mehr richtige Resultate. Im Anschluss haben die Kinder die verschiedenen Arbeits- und Lösungsstrategien miteinander besprochen. Mir schienen diese Analysen so viel aufschlussreicher als jede Note zuvor.

Obwohl wir den Noten zu Hause möglichst wenig Beachtung schenken, sind sie regelmässig Thema. Etwa dann, wenn sich unsere Zwillingssöhne anhand ihrer Noten vergleichen, sich gegenseitig damit aufziehen oder ihre Fähigkeiten selber schlechtreden. Natürlich müssen Kinder lernen, mit Bewertung und Kritik umzugehen – doch meines Erachtens sind Noten dafür denkbar schlecht geeignet.