Und jetzt alle auf die Mütter!

Nirgends sind Mütter so verletzlich – was uns selbst betrifft – und kritisch – was andere betrifft – wie bei der Kindererziehung: Claudia Argentato, Ramona Zimmermann, Karin Jost und Ramona Buser in «Achtung Mütter!». Foto: SRF

Kennen Sie die neue SRF-Doku-Serie «Achtung Mütter!»? Das Konzept der Sendung besteht darin, dass vier Mütter einen Alltag lang von einem Kamerateam begleitet werden. Danach sollen sie miteinander über die Filmsequenzen und ihre Vorstellungen von Familie und Erziehung diskutieren. Aber Achtung, der Titel der Sendung ist Programm: Ja, liebe Mütter, geht in Deckung!

So kommt eine der porträtierten Frauen (alleinerziehend und vollzeitarbeitend) kaum aus der Defensive heraus; tapfer versucht sie die Attacken auf ihr Familienmodell, das nur bedingt frei gewählt ist, abzuwehren. Die Kritik wird zunehmend persönlicher; es fällt die vorwurfsvolle Frage, warum denn überhaupt ein Kind, wenn sie ja doch nur arbeite.

Hätte sie da eingelenkt und gesagt, dass ihr das Arbeiten schrecklich zuwider sei und sie die Tage viel lieber mit dem Kind verbringen würde, hätte man sie wahrscheinlich dafür gelobt, dass sie alles unter einen Hut bringt. Aber zu äussern, gern zu arbeiten und darüber hinaus auch kein schlechtes Gewissen zu haben, das Kind in die Kita zu bringen, stösst gemeinhin auf wenig Verständnis.

Verletzlich und kritisch

Woher kommt nur die Annahme, dass eine Mutter, die ihr Kind in einer Kita fremdbetreuen lässt (die Betonung liegt vielsagend auf «fremd»), automatisch eine schlechtere Mutter ist? Zumal – um bei unserem Beispiel zu bleiben – das porträtierte Kind einen glücklichen und selbstbewussten Eindruck macht und man sofort sieht, wie gern sich Mutter und Kind haben. Ist es in diesem Kontext nicht vermessen, auf Langzeitfolgen hinzuweisen? Beziehungsweise, können die Langzeitfolgen einer wohlwollenden Erziehung denn tatsächlich generell vorausgesagt werden?

Claudia Argentato arbeitet 100% und lässt ihre Tochter Ava fremdbetreuen. Foto: SRF

Wir denken oft in Mustern, klar. Aber nur in wenigen Bereichen sind wir Mütter so verletzlich – was uns selbst betrifft – und kritisch – was andere betrifft – wie bei der Beziehung zu unseren Kindern.

So denke ich immer noch darüber nach, ob es mir Sorgen bereiten sollte, dass mich meine Kinder nicht jedes Mal stürmisch begrüssen, wenn wir uns wiedersehen – ein Verhalten, das bei «Achtung Mütter!» als Hinweis für eine mangelnde Bindung verstanden wird.

Gleichzeitig schlucke auch ich leer, wenn ich sehe, dass das Kind aus der Sendung, kaum aufgewacht, schon vor dem Fernseher sitzt. Auch die Talkrunde spart erwartungsgemäss nicht mit Kritik, doch die angegriffene Mutter reagiert gleichermassen konsterniert wie souverän, wenn sie sinngemäss sagt: «Wie blöd, dass die ganze Schweiz sieht, dass bei uns morgens der Fernseher läuft – trotzdem werde ich es weiterhin so handhaben, für uns stimmt es so.»

«Achtung Väter»? Nicht wirklich…

Nun, die Sequenz läuft weiter, das Kind steht auf, holt Knetmasse, setzt sich damit an den Esszimmertisch und vergisst den Fernseher. Während meine innere Stimme ruft «Gäbe es bei uns nie!», denke ich an die halbe Stunde, die unsere Kinder täglich fernsehen dürfen, und an das Theater, wenn sie mal nicht dürfen – das Kind aus der Sendung scheint damit wesentlich entspannter umzugehen. Sowieso starten Mutter und Kind bemerkenswert entspannt in den Tag. Nach dem gemeinsamen Frühstück (es gibt frisch zubereitetes Birchermüesli) bleibt sogar noch Zeit zum Uno spielen. Bei uns, wo das Credo «nur noch eine Minute länger liegen bleiben» an erster Stelle steht, wäre so etwas undenkbar.

Genauso undenkbar wäre meines Erachtens eine ähnliche TV-Diskussionsrunde unter Männern. Sie ginge wahrscheinlich viel nachsichtiger und offener vonstatten – und wetten, dass die Sendung nicht «Achtung Väter!» heissen würde?