Wir Eltern sind mitschuldig

«Warte kurz, ich komm gleich …»: Familien mit arbeitenden Eltern im Dauerstress. Foto: George Rudy (Shutterstock)

«Das stille Leiden der Kinder», «Kranke Kinderseelen», «Burnout im Kinderzimmer»: Artikel wie diese machen betroffen und brennen sich ein. Es ist von Kindern und Jugendlichen mit Depressionen und Suizidgedanken die Rede. Von Ängsten, Bauchweh, schlaflosen Nächten. Immer öfter sind unsere Jüngsten deswegen in ärztlicher Behandlung. Als Grund geben Ärzte den immensen Druck an, der Kinder zu zermürben scheint: daheim, in der Schule, bei Hobbys. Überall wird von ihnen Leistung verlangt.

Was läuft schief? Mein Kollege Matthias Meili analysierte vor ein paar Tagen treffend, was unsere Kinder krank macht. Er erwähnte die leistungsorientierte Schule und eine ebensolche Gesellschaft. In der Schule liege der Fokus zudem auf den Schwächen der Schüler, nicht auf den Stärken. «Wenn dann noch Mobbing, der ständige Vergleichsdruck in den sozialen Netzwerken oder gar schwierige Familiensituationen dazukommen, blocken viele Kinder ab. Und brauchen doch noch einen Psychiater.»

Und die Rolle der Eltern?

Der wichtigste Aspekt allerdings ist bisher wenig zur Sprache gekommen: jener der Rolle der Eltern. So müssen wir uns bei dem Thema doch vor allem eines fragen: Was leben wir unseren Kindern vor? Wie sehr sind wir Mütter und Väter selbst dauergestresst? Bewegen sich viele von uns nicht konstant auf der Überholspur und sprinten – tagein, tagaus – im Job, mit der Familie, in unserer Freizeit, immer irgendwas hinterher?

Wie oft sagen oder denken wir: «Ich sollte, müsste und möchte das noch», und schleppen die Kinder dabei hinter uns her? Wir bewegen uns in einem fort, statt mal stillzustehen und innezuhalten. Antworten wir unseren Kindern auch ausreichend mit einem «Ja, was ist?», statt dem notorischen «Warte kurz, ich muss noch schnell…?».

Wir Erwachsenen sind ausgebrannt und werden immer kränker. Wir lesen von erschöpften Eltern, dauergestressten, medikamentensüchtigen Menschen und solchen, die nicht mehr schlafen können. Das verrückte Tempo, das viele von uns anschlagen und auf lange Sicht krank macht, geht auch an unseren Kindern nicht spurlos vorbei.

Wir müssen auch mal abschalten

Berichte über die vielen kranken und gestressten Kinder müssen uns Eltern zu denken geben. Wir sind es, die in der Verantwortung stehen. Es ist mir zu billig, der Schule, «dem System» oder der Gesellschaft allgemein die Schuld zuzuschieben, wie es in der aktuellen Diskussion viele tun.

Stattdessen sollten wir die Berichte rund um dieses traurige Thema zum Anlass nehmen, unser eigenes Familienmodell und Leben zu reflektieren und uns zu fragen: Welche Werte sind uns persönlich wichtig? Was erwarten wir von unseren Kindern tatsächlich? Wie wollen wir für unsere Kinder da sein? Geben wir den Druck, den wir selbst verspüren, ungefiltert an sie weiter? Was brauchen wir Mütter und Väter, und was brauchen unsere Kinder? Gibt es ausreichend freie Zeiten, die nicht verplant sind? Zeiten, in denen man als Familie zusammen ist, ohne zu konsumieren und ohne auf ein elektronisches Gerät zu schauen?

Oder was meinen Sie?