Geplatzte Teenie-Träume

«Ich werde nie jemand anderen lieben»: Teenager-Aussagen sollten wir nur mässig ernst nehmen. (Foto: Getty Images)

Jugendliche sind total oldschool: Sie wünschen sich für ihre Zukunft das traditionelle Familienmodell «Mann arbeitet, Frau bleibt vor allem zu Hause». Darauf lassen zumindest die Ergebnisse der jüngsten «ch-x»- Jugendbefragungen schliessen. Sind die heutigen jungen Erwachsenen konservativer als wir damals? Und was heisst das für die Zukunft? War all die Gleichstellungsarbeit und Emanzipation für die Katz?

Calm down! Lasst die Jungen erst einmal ein bisschen Lebenserfahrung sammeln. Klar, die Ergebnisse muss man ernst nehmen, aber bitte nicht zu ernst. Denn, mal ehrlich, wer hat mit 30 noch dieselben Visionen und Wünsche wie mit 19? Ich jedenfalls nicht.

Hier mein persönlicher Rückblick auf meine Überzeugungen zwischen 15 und 20, im Originalton meines jeweiligen Teenie-Ichs:

Mit 15: «Schule und Prüfungen sind doch des Todes! Die Erwachsenen wissen gar nicht, wie gut sie es haben, dass sie da nicht mehr hinmüssen. Ich will auch arbeiten und Geld verdienen. Dann kann ich mir endlich alles kaufen, was ich will. Oder besser noch: Hausfrau sein. Die haben eh das beste Leben. Die können ausschlafen, den ganzen Tag zum Plaudern abmachen und bekommen auch noch Geld von ihren Männern.»

Mit 16: «Eltern machen auch aus allem ein Drama! Zum Beispiel aus dem Zuspätkommen. Oder dem Alkohol. Oder dem Rauchen. Also ich find Rauchen stylish! Vor allem morgens im Zug. Ich finde es auch irgendwie intellektuell. Im Film rauchen sie ja auch, vor allem nach dem Sex, voll cool halt.»

Mit 17: «Immer verhüten! Steig keinem ins Auto! Ruf an, wenn etwas ist. – Ist ja gut. Ich bin kein Kind mehr! Die Erwachsenen haben doch vom Leben keine Ahnung. Die wissen gar nicht, wie das heute alles läuft, wie wir Jungen funktionieren. Sie kennen ja nicht mal gute Musik (die hören echt das Original von «Killing Me Softly» und «Every Breath You Take»).»

Mit 18: «Ich werde meinen Freund R. heiraten, das weiss ich ganz genau! Er ist echt meine grosse Liebe. Und er will sogar Kinder und mal das Haus seiner Eltern umbauen. Er findet auch, ich solle dann bei den Kindern bleiben. Ich finde Mütter, die arbeiten, eh irgendwie egoistisch. Die müssen doch beim Kind sein, wer schaut denn sonst zu denen? Ich würde meine Kinder nie abgeben. Und ich werde nie jemand anderen als R. lieben, never ever!»

Mit 19: «Ich werde nie so eine langweilige Bünzlifrau! Gestern war ich bei den Eltern von einem Freund im Schrebergarten. Schrebergärten sind ja echt voll bünzlig, und die Mutter von dem Freund hat für uns alle Würste gekauft und Coca-Cola. Im Ernst?! Die bemuttert den so krass fest. Ich werde nie so eine Mutter. Und wenn wir grad dabei sind: Ich werde nie meine Kinder anschreien, ich werde nie Sommerferien in den Bergen
machen, und ich werde nie Birkenstock-Schuhe anziehen. Grusig, ehrlich.»

Mit 20: «Meine beste Freundin und ich sind wirklich so krass ehrlich miteinander! Wir erzählen uns ja alles. Wir bleiben Freundinnen für immer. Gestern war ich mit ihr im Club, und da hat mich doch echt ein dreissigjähriger alter Sack angemacht. Was machen so alte Leute noch im Ausgang? Haben die keine Frau, kein Kind? Meine Arbeitskollegin ist 36 und trägt immer noch Mini-Jupes, ich finde, die ist zu alt dafür. Und sie arbeitet grade mal drei Tage, hat zwei Kinder und ist immer müde, mit der stimmt doch was nicht. Also wenn ich mal 36 bin, dann …»

… ja, und dann kam alles anders

Heute bin ich nämlich die dauermüde arbeitende Mutter, die ab und zu eine Tanzfläche stürmt, einen Schrebergarten pflegt und Birkenstock-Sandalen besitzt (also nur die ganz schönen mit Lack, im Fall). Rauchen finde ich nicht mehr ganz so cool, und ach, wie gerne würde ich mal wieder eine Schulbank drücken.

Mit der Lebenserfahrung veränderte sich meine Einstellung zu Familienmodellen: Mein Mann (nein, es ist nicht die erste Liebe R.) und ich arbeiten heute in ähnlichen Pensen und teilen uns die Hausarbeit und die Kindererziehung – meine Tage als Hausfrau finde ich übrigens bei weitem anstrengender als diejenigen im Büro.
Schauen wir also einfach mal, wie die befragten Jugendlichen in ungefähr zwanzig Jahren denken. Und ich rufe jetzt mal meine Mutter an, irgendwie habe ich nämlich gerade ein schlechtes Gewissen.